Gottes Feuer wirkt keinen Flächenbrand

Liebe Gemeinde,

sie sitzen beieinander. Die Stimmung ist gedrückt. Irgendwie sind sie wie gelähmt. Tausend Gedanken im Kopf – Erinnerung an vergangene Tage: Damals, als sie miteinander gefeiert haben – das waren noch Zeiten. Der Abschied ist noch so frisch. Er fehlt ihnen, sie sehnen sich nach ihm. Fast ist es, als müsste sich jeden Moment die Tür öffnen und er käme herein. Aber er kommt nicht. Er ist fort. Und mit ihm fort sind alle Hoffnungen und Erwartungen, alle großen Wünsche und Ziele. Das Feuer in ihnen ist fast erloschen. Und die Zukunft? Schwer zu sagen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie fühlen sich ausgebrannt. Damals in Jerusalem – Pfingsten vor fast 2000 Jahren.

Vielleicht kennen Sie solche Momente, in denen es im Innern dunkel wird und kalt. Momente des Abschieds. Aussicht auf ein Leben ohne den geliebten Menschen in meiner Nähe. Erinnerungen an vergangene glückliche Zeiten, an früher, als die Hüfte noch nicht schmerzhaft die Beweglichkeit einschränkte. Momente, in denen die Zukunft dunkel aussieht: "Egal, welchen Beruf ich erlerne, ich werde doch nur arbeitslos. Was soll ich mit meinem Leben anfangen?" sagt ein 15 – jähriger Schüler. Momente der Erschöpfung: Der Atem wird knapp: die Kraft für die Pflege der Mutter, das Verständnis für die Kinder reicht nicht mehr aus. Ausgebrannt – Pfingsten im Jahr 2000.

Und dann geschieht es. Plötzlich. Unerwartet. Hoffnung flammt auf. Neue Energie. Licht im Dunkeln. Die Zukunft, ihre Aufgabe ist plötzlich klar: Sie machen sich auf den Weg. Sind Feuer und Flamme. Es kommt zu Begegnungen, zum Gespräch. Und wo vorher Unverständnis herrschte, sprechen Menschen jetzt die gleiche Sprache. Das Pfingstwunder: Geistgewirkte Begeisterung.

Aber was steckt hinter diesem Umschwung? Damals wie heute weckt diese Begeisterung Zweifel: Vielleicht zu tief ins Glas geschaut? Nein, denn die Folgen eines Rausches sind andere. Da wird der Ehemann unberechenbar und erhebt die Hand gegen seine Frau, da verliert die Autofahrerin die Kontrolle und gefährdet ihr eigenes und fremdes Leben, da bleibt der fahle Geschmack und der dicke Kopf zurück. Das ist der Geist der Welt, nicht Geist von Gott. Der Geist der Welt "begeistert" Menschen.

"Immer besser, schneller, schöner, jünger", das sind nur einige seiner modernen Parolen. Asylantenheime brennen, weil Menschen von einer Idee begeistert sind, die bereits knapp 50 Jahren Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Begeisterung. Feuer und Flamme- aber Geist der Welt. Als Christen haben wir nicht den Geist dieser Welt bekommen, sondern den Geist Gottes, schreibt Paulus.

Feuer und Flamme sein, begeistert vom Geist Gottes. Wie sieht das aus? Ein Feuer, da sage ich ihnen nichts neues, erleuchtet die Dunkelheit. In einem zur Zeit noch sehr aktuellen Computerspiel kämpft sich eine Heldin durch unterirdische Geheimgänge. Und wenn es ganz dunkel wird, dann zündet sie eine Fackel an. Und schon kann sie erkennen, wie der Weg verläuft. Kann verborgene Schätze erkennen. Das Feuer der Fackel verschafft ihr Klarheit. So ist das mit dem Heiligen Geist, schreibt Paulus:

"Als Christen haben wir nicht den Geist dieser Welt bekommen, sondern den Geist Gottes. Und deshalb können wir auch erkennen, was Gott für uns getan hat. Was wir euch verkündigen, kommt nicht aus menschlicher Klugheit oder menschlichem Wissen, sondern wird uns vom Heiligen Geist eingegeben. Deshalb kann nur der Gottes Geheimnisse verstehen und erklären, der sich von Gottes Geist leiten lässt. Der Mensch kann von sich aus, mit seinen natürlichen Fähigkeiten, nicht erfassen, was Gottes Geist sagt. Für ihn ist das alles Unsinn, denn Gottes Geheimnisse erschließen sich nur durch Gottes Geist."

Gottes Geist erleuchtet das Dunkel. Seit vielen Jahrtausenden versuchen Menschen, das Geheimnis des Lebens zu ergründen, rätseln, wie die Welt entstanden ist, versuchen, sich Gott vorzustellen, Licht ins Dunkel zu bringen. Aber dem Menschen sind Grenzen gesetzt.

Das Geheimnis des Lebens, Gott selbst – dafür ist das menschliche Gehirn zu klein. Aber Gottes Geist kann in uns eine Fackel anzünden, damit wir die Spuren Gottes in unserem Leben dankbar erkennen können. Jeder Atemzug, jede Stunde, jeder Glücksmoment, ein Geschenk von Gott. Ein Schatz, den es aufzusammeln gilt, wie die Heldin im Computerspiel. Der Mann, den ich liebe, die Fähigkeiten, die ich habe, die Nachbarin, die eine Freundin braucht – Geschenke und Spuren Gottes, in meinem Leben, die manchmal aus meinem Blick geraten, wenn es in mir dunkel ist und das Feuer zu erlöschen droht. Gottes Geist will in dieser Dunkelheit wirken und uns Spuren Gottes aufzeigen, es hell werden lassen. Das sind kostbare Momente, wenn es gelingt, unser Leben und was dazugehört, die Menschen um uns herum mit Gottes Augen zu sehen.

Der von Gottes Geist erfüllte Mensch aber beurteilt alles, was ihm Gott zeigt und wird doch von niemandem beurteilt.

Aber das Feuer des Geistes Gottes will es in uns nicht nur hell machen, sondern auch warm. Feuer bewahrt vor dem Tod in erbarmungsloser Kälte. Gottes Geist selbst will in uns ein Feuer entfachen, dass es uns warm wird ums Herz. Der heilige Geist wird im Neuen Testament auch "der Tröster" genannt. Der Tröster, der uns erinnert an den, von dem er ausgeht. An den König der Könige, der mächtiger ist als der Tod. An den, der mir in schweren Zeiten nahe ist und mit mir weint. An den, der mir den Atem und die Kraft gibt, zu leben, auch, wenn es mir manchmal schwer fällt. Erinnern an den, der eine Zukunftsperspektive für mein Leben hat, weil er viel weiter sehen kann als ich. Der Tröster erinnert uns an den, der bei uns ist, jeden Tag neu, auch dann, wenn ich nichts davon spüre.

Ein Geheimnis, das schwer zu verstehen ist, aber erlebt werden kann. So schreibt Paulus:

"Denn hat nicht schon der Prophet Jesaja gefragt: «Wer kann die Gedanken des Herrn erkennen, oder wer könnte gar Gottes Ratgeber sein?» Nun, wir haben Christi Sinn."

Christi Sinn haben, heißt Liebe füreinander haben. "Daran wird man euch erkennen", sagt Jesus zu seinen Jüngern vor seinem Abschied, "dass ihr euch untereinander liebt". In einem Seminar, das ich vor einigen Tagen besuchte, hieß es: "Ausgebrannte wärmen nicht." Deshalb brauchen wir zuerst das Feuer des Heiligen Geistes, sein Licht und seine Wärme für uns selbst und in uns selbst. Wo es aber dem Geist Gottes in unserem Leben gelingt, das Feuer in uns anzufachen, da können und sollen wir Liebesglut weitergeben.

Die Jünger an Pfingsten konnten gar nicht anders. Feuer und Flamme zogen sie los, suchten die Begegnung mit anderen Menschen. Feuer wirkt ansteckend. Sicher liegt darin auch eine Gefahr. Die freiwillige Feuerwehr kann davon ein Lied singen. Vielleicht erinnern Sie sich an die großen Flächenbrände in Kalifornien und Südfrankreich im vergangenen Sommer. Die Kirchengeschichte kennt Beispiele verbrannter Erde durch Übereifer. Menschen werden verletzt durch schnelle, fromme Antworten und den Verweis auf den lieben Gott, der schon weiß, was er tut. Nein, so ist es nicht gemeint. Die Jünger, die vom Geist erfüllt sind, sprechen die Sprache der Menschen, denen sie begegnen, finden die rechten Worte, die Gutes bewirken. Der Geist der Liebe kundschaftet Wege zueinander aus und bewirkt Gutes. Das geschieht oft im Kleinen und manchmal auch im Verborgenen. Und doch macht es unsere Welt hell.

Ich denke an einen Osternachts – Gottesdienst. Der Kirchraum stockdunkel. Jeder Gottesdienstbesucher eine Kerze in der Hand. Und dann um Mitternacht wird die erste Kerze an der Osterkerze angezündet. Und einer gibt dem anderen das Licht weiter. Vorsichtig – ganz anders als bei einem Waldbrand – zieht das Licht durch die Bänke weiter und langsam wird es hell und warm. Ein offenes Ohr und ein ermutigendes Wort für den ratlosen Freund, ein Stück vom frischgebackenen Apfelkuchen für den kranken Nachbarn, ein Besuch des Enkels bei der Großmutter, ein kurzes Gebet für den arbeitslosen Schwiegersohn – Licht und Wärme weitergeben.

Am Pfingstwunder begeistert mich, dass dieses Geschehen ein Geschenk ist. Nicht eine großartige Leistung, die die Jünger vollbringen. Nein, sie ziehen sich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Sie vollbringen keine übermenschliche Anstrengung. Sie sitzen nur da und lassen sich von Gott beschenken. Und der erledigt den Rest, der bringt sie in Bewegung, lässt sie Feuer und Flamme sein.

Wir können und brauchen das Wunder nicht selbst vollbringen. Aber wir können anfangen, Gott um diesen Geist der Liebe zu bitten. So, wie es in dem Lied heißt, das wir gleich miteinander singen: "Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast …" Bitten um den Geist der Liebe, der uns hilft, die Spuren Gottes in unserem Leben zu entdecken. Den Geist der Liebe, der uns tröstet und uns erinnert, dass Gott mit uns ist, in guten und schlechten Zeiten. Den Geist der Liebe, der uns Schritte aufeinander zugehen und Liebe weitergeben lässt. Wo das geschieht, ereignet sich das Pfingstwunder – jeden Tag neu.

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