Gottes-Dienst

"Ich werde den Diener fragen", meinte unsere Fremdenführerin, als wir sie um die Erklärung einiger Details im Altarraum einer alten armenischen Kirche baten. Sie kam zurück mit einem schwarzgewandeten Mann, der sich als der zuständige Pfarrer vorstellte. In der armenischen Sprache ist das Wort das gleiche. Während "Kirchendiener" hierzulande früher die Bezeichnung für einen Küster war, wird in der ältesten christlichen Kirche dieser Welt, in Armenien, der Priester, der in einer Gemeinde Dienst tut, auch tatsächlich noch "Diener" genannt. Das fiel mir nicht nur deshalb beim Lesen dieses Predigttextes sofort ein, weil ich gerade von einer Armenienreise zurückgekommen bin, sondern auch, weil der erste Petrusbrief sich ausdrücklich an die Gemeinden in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Landschaft Asien und Bithynien wendet. Das ist genau die Gegend, in deren Zentrum das heutige Armenien liegt.

Und genau dort, beim Nachdenken und Diskutieren mit meinen Reisegefährten über das, was wir in armenischen Gottesdiensten sahen und was wir über die Kirche dort, die eine sehr bewegte Geschichte hat, erfuhren, ist mir die Tragweite der kurzen Stelle aus dem Petrusbrief deutlich geworden. "Gibt es Hoffung für Armenien?" , die Frage hat uns in dem von schweren postsozialisitischen Nachwehen, aber auch von anderen Problemen gebeutelten Land oft beschäftigt. Die jungen Menschen wandern aus, weil es keine Arbeit gibt, das Sozialsytem ist zusammengebrochen, im Winter gibt es keine Heizung, das Wasser wird der Millionenstadt Jerewan stundenweise zugeteilt, Schäden des letzten Erdbebens sind noch längst nicht überall behoben. Die Nachbarländer sind islamisch. Nach dem Genozid durch die Türken zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Zeit des Kommunismus, in der viele der schönen alten Kirchen gesprengt wurden, nun das postsozialistische Chaos. Da könnte man schon auf den Gedanken zu kommen, an Gottes Liebe und Treue zu zweifeln. Aber das Bild ist anders als hier:

Nachdem sie 70 Jahre lang gehört hatten: "Es gibt keinen Gott" strömen die Armenier heutzutage in ihre alten Kirchen und zünden Kerzen an in stillem Gebet. Manche wissen nicht mehr viel über das Christentum und sind doch als Getaufte allesamt Christen – und die Taufe gehört in Armenien ebenso "dazu" wie die kirchliche Trauung. Ihre Art, zu dienen, ist es nun, das zu tun, was sie können, nämlich Kerzen zu entzünden und zu beten. Es hat uns gewundert, zu erfahren, dass die Einnahmen aus dem Kerzenverkauf ein wesentlicher Faktor bei der Bezahlung der Priester sind – Kirchensteuer gibt es in Armenien nicht. "So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet", ich glaube kaum, dass viele der zahlreichen Beter, die ich sah, den Petrusbrief kennen. Aber ich glaube auch nicht, dass sich jemand in Armenien, wenn es denn christliche Kindergärten gäbe, die Frage stellen würde: Müssen unsere Kinder jetzt beten? Was ich sah, war ein vorsichtiges Wiederentdecken Gottes, eine ehrfürchtige Annäherung, die ich mir so hier auch manchmal wünschen möchte. Ich saß an einem glühendheißen Tag erschöpft in einer Kirche auf einer der wenigen Bänke und hatte die Beine überkreuzt. Sofort machte mich ein junger Mann darauf aufmerksam, dass das nicht geht. Zum einen ist Sitzen in der Kirche in Armenien ohnehin schon ungewöhnlich – Gott dient man stehend oder auf den Knien, zum anderen zeugt es von wenig Achtung, so leger dem Schöpfer gegenüberzusitzen….so kam die Botschaft bei mir an. Besonnenheit und Nüchternheit fordert die ganze Konzentration, auch in der Körperhaltung. Und die Lage im Land der ersten verfassten christlichen Kirche ist heute wie seinerzeit so ernst, dass besonnenes und nüchternes Beten auch dem Gast aus Europa als einzige Hoffnung in den Sinn kommt.

10 Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: Ich denke mir, dass der junge Mann, der mich da auf meinen Faux-Pas aufmerksam gemacht hat, auch ein "Haushalter der mancherlei Gnaden Gottes" war, auf seine Weise. Ortswechsel: Wir sind hier in Eisleben in der glücklichen Situation, dass viele derjenigen, ja, der wenigen, die den Gottesdienst besuchen, ihre Gaben einbringen können, wenn es um die Gestaltung geht. Wir haben Lektoren, einen Kantor und gute Sänger. An guten Haushaltern der mancherlei Gnade Gottes fehlt es also nicht. Fast hatte ich ein bisschen Angst, hier Gottesdienst zu halten, weil ich dachte: "Hoffentlich mache ich alles richtig, wenn alle sich so gut auskennen." Und als ich mich bei diesem Gedanken erwischt habe, wurde mir mit ziemlicher Härte deutlich, dass ich da auf dem falschen Dampfer bin. Es geht nicht darum, ob der Lektor ohne Versprecher und in perfekter Modulation das Evangelium vorträgt, damit möglicherweise auch ein Deutschlehrer in der Gemeinde befriedigt nickt oder ob die Predigt genau die richtige Mischung zwischen Tradition und Fortschritt trifft oder darum, dass die Lieder auch Herrn K. gefallen, der schließlich jeden Sonntag kommt. Die "mancherlei Gnaden Gottes" am anderen zu erkennen, das ist oft nicht so leicht. Kann es doch auch bedeuten, sich selbst ein wenig zurückzunehmen und sich einzugestehen: "Dies oder jenes kann ein anderer aus der Gemeinde besser". Es bedeutet auch, Raum zu schaffen, damit sich die mancherlei Gaben Gottes entfalten können. "Gute Haushalter der mancherlei Gnaden Gottes" sein, das heißt auch, sich ständig bewusst sein, dass wir solche Gaben, sei es eine schöne Stimme oder die Fähigkeit, andere zu trösten, nicht aus uns haben, sondern dass sie uns von Gott geliehen worden sind.

11 wenn jemand predigt, dass er’s rede als Gottes Wort; a wenn jemand dient, dass er’s tue aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. In dem Moment, wo jemand deshalb zum Gottesdienst kommt, weil Pfarrer X auf der Kanzel steht und weil der das immer so schön macht, läuft etwas schief. "Wir Predigen nicht uns selbst" heißt es im zweiten Korintherbrief. Gott steht im Mittelpunkt und seine Botschaft. Manchmal vergessen wir Prediger das im Eifer der Suche nach dem gelungenen Einstieg, der geschliffenen Redewendung, dem ach so treffenden Beispiel. Wir halten den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und das Glaubensbekenntnis ist keine Antwort auf die mehr oder weniger schöne Predigt, sondern Sie könne unmöglich Epistel oder Evangelium lesen, sagte in einem Dorf im Kirchenkreis kürzlich eine Kirchenälteste zu mir, als ich sie bat, doch bei der Gottesdienstgestaltung mitzuwirken. "Dann denken die Leute im Dorf, ich maße mir etwas an, was mir nicht zusteht. Das ist Pfarrer-Sache". Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass es nicht um die Leute im Dorf, sondern um den Gottesdienst geht, "damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus". Aber da wurde mir wieder klar, wie schmal der Grat ist und wie oft wir vergessen: Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Es ist doch erstaunlich, wie aktuell die Gemeinderegeln sind, die in den Anfangszeiten des Christentums gegeben wurden, als sich die ersten Gemeinden feste Strukturen gaben. Eigentlich könnte man sie, in etwas moderneres Deutsch gefasst, in jedem Gemeindebrief veröffentlichen, am besten in jeder Ausgabe wieder. Denn so einfach sie klingen, so schwer sind sie einzuhalten. Zwar leben wir nicht mehr in der unmittelbaren Naherwartung der Wiederkunft Christi, aber "Das Ende aller Dinge" können wir uns doch auch vorstellen, sei es, indem wir an die Begrenztheit unseres Lebens denken oder sei es, dass wir uns die Endlichkeit politischer und anderer Systeme vor Augen führen.

"Die Liebe deckt der Sünden Menge", das hat kürzlich in einer Bibelstunde, in der wir uns mit diesem Text befassten, für Diskussion gesorgt. Ob denn Liebe von Mensch zu Mensch Sündenvergebung bewirken könne, wollte jemand wissen. Aber davon ist ja im Text gar nicht die Rede. Jeder hat es bestimmt schon einmal erfahren, dass er geneigt ist, einen Menschen, den er sehr gerne mag, in einem anderen Licht zu sehen. Da fällt es leichter, zu verzeihen und hässliche Dinge, die dann und wann einmal nicht ausbleiben, zu "begraben". Sünden vergeben kann Gott alleine, aber wir können versuchen, nicht nachtragend zu sein. Die Liebe, die Gott uns zuteil werden lässt, können wir nicht in diesem unendlich verzeihenden und großmütigen Maß weitergeben, wir sind nur Menschen. Wer sich so etwas vornähme, würde schon in den Ansätzen einer maßlosen Selbstüberschätzung scheitern müssen. Aber sie kann uns ein Beispiel sein dafür, wie wir miteinander umgehen können: "Die Liebe", so steht es schon im Brief des Paulus an die Korinther, "sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern und rechnet das Böse nicht zu. Sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles." Wenn wir für unser konkretes Miteinander das "alles" durch "viel" ersetzen, sind wir schon ein Stück weiter auf dem Weg zueinander. Die Liebe legt die Fehler des anderen nicht bloß, sie zerrt sie nicht an die Oberfläche, sondern sie deckt sie vergebend zu. Jemanden lieben, das heißt auch, sich selbst ein wenig zurücknehmen, in sich Platz schaffen für den anderen. Ich glaube, das überfordert niemanden. Es bedeutet auch nicht, jemanden zu verklären oder mit einer Gloriole zu umgeben. Auch für die Liebe gilt der Aufruf zur Besonnenheit und Nüchternheit. Jemanden so lieben, wie er ist, darum geht es. Dann, wenn wir um die Schwäche des anderen wissen, aber ihn nicht dauernd gnadenlos darauf stoßen, kann Liebe Bestand haben und birgt für alle eine Chance.

Gemeindeleben kann dann lebendig und heilvoll sein, wenn wir uns immer wieder bewusst sind, dass sich Gott in Jesus Christus so weit zu uns herabgebeugt hat, dass er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Das Wort "Gottesdienst" beinhaltet immer auch das – den Dienst, den Gott an uns immer wieder tut. In allem Reden und Tun der Seinen ist immer Gott selbst am Werk. Dass uns das bewusst sein möge in unserem Handeln, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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