Gottes Botschaft sprengt jedes Parteiprogramm!

<i>[Die Predigt ist auch darauf abgerichtet, dass am Sonntag bei uns Landtagswahl ist!]</i>

Redner auf öffentlichen Plätzen haben wir viele gesehen in den letzten Wochen, das Bild ist jedem, der heute zur Wahl aufgefordert ist, vertraut. Rhethorisch mehr oder weniger geschult haben sie versucht, die Aufmerksamkeit von Passanten zu erregen und sie von "ihrer" Sache zu überzeugen. "Friede und Gerechtigkeit" haben eigenartigerweise in diesem Wahlkampf, so die Analyse von Experten, alle Parteien versprochen, fehlte noch "Bewahrung der Schöpfung", dann hätte man glauben mögen, die Politiker hätten tatsächlich begriffen, was die Kirchen im konziliaren Prozess seit inzwischen über 20 Jahren anstreben. In Athen, zu Zeiten, als es noch keinen Fernseher und keine Zeitung gab, war der Areopag ein Ort, wo Demokratie stattfand. Wer von dort aus sprach, hatte eine wichtige Botschaft und konnte sich allgemeiner Aufmerksamkeit gewiss sein. Auf dem Areopag zu sprechen, das war etwa so wie die beste Sendezeit im Fernsehen zu bekommen, um die ja in diesen Wochen hier und heute die Politiker mit harten Bandagen kämpfen. Die Athener waren – wie in jeder Großstadt – stolz darauf, immer die Nase im Wind zu haben, und sie liebten Neuigkeiten.

Nordwestlich der Akropolis gelegen, war der Platz der Tagungsort des Alten Rates (Areaopagos), der im frühen Athen etwa dem Senat der Römer entsprach: Gerichtsbarkeit in Mordfällen, Qualifikation der Beamten überprüfen etc. zur Zeit Solons (500 v. Chr.). Der Rat hatte eine machtvolle Stellung im frühen Athen. Anklagen wegen gewichtiger Verbrechen und später wurden ihm Befugnisse zur Überwachung der Sitten zugestanden. Die Mittel zum Widerstand gegen Makedonien wurden ebenfalls vom Areopag bewilligt. Streitfälle um Maße und Gewichte wurden auf und vor dem Areopag verhandelt. Zur Zeit des Hellenismus (Phase nach Alexanders Tod) wurde der Areopag wieder Rat hervorragender Athener. Im römischen Prinzipat, also zur Zeit des Paulus, war der Areopag eines der Hauptgremien Athens, ein Ort, wo man kommunalpolitische Beschlüsse fasste, dem Adligenrat und der Volksversammlung gleichgesetzt. Sein Herold war einer der wichtigsten Staatsbeamten.

So hielt der Apostel Paulus die eben gehörte Rede an exponierter und traditionsreicher Stelle, und, anders als mancher Wahlredner, sprach er aus allertiefster Überzeugung von der Wahrheit seiner Botschaft. Freilich war er nicht ganz aus freien Stücken auf das Forum getreten, sondern man hatte ihn mehr oder weniger hingeschleppt. Er war aufgefallen durch den Zorn, den er über die vielen Götter, denen Altäre und Bilder gewidmet waren, empfand und dem er Luft machte. Auch Vertreter der aktuellen philosophischen Richtungen, Epikueer und Stoiker, hatten ihn gehört, mit ihm diskutiert und wollten nun öffentlich wissen: "Was will dieser Schwätzer ( in alten Bibeln steht noch "Lotterbube") eigentlich sagen?" Der Apostel nimmt die Herausforderung als Chance.

Paulus holt seine Zuhörer da ab, wo sie sind. Geschickt, ganz in der Manier griechischer Rhethoriker, lobt er zunächst sein Publikum. Das, was ihn ergrimmt hat, die Altäre für Götter, die ihm Götzen sind, spricht er positiv an. "… ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt", und zeigt gleich, dass er mit offenen Augen durch die Großstadt gegangen ist. Der Altar für den unbekannten Gott war entstanden aus Vorsicht oder vorauseilendem Gehorsam – man könnte ja unter den vielen Göttern, die bekannten der Griechen und die, die Fremde aus Ägypten oder anderen Ländern "mitgebracht" hatten, einen vergessen haben, der besonders wichtig ist. Und der könnte nun sauer reagieren, also opfert man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Genau hier setzt Paulus an, indem er den Altar einfach für seinen Gott in Anspruch nimmt: "Ihr verehrt ihn ja schon, jetzt sage ich euch etwas über ihn."

Paulus vertraut ganz der Überzeugungskraft der christlichen Botschaft. In faszinierender Prägnanz fasst er das ganze Evangelium, ja die ganze Geschichte Gottes mit dem Menschen zusammen – so klar und eindeutig, dass diese Rede auch heute noch einen überzeugen kann, dem das Christentum abhanden gekommen ist. Wer möchte sich nicht fallenlassen in die Hand eines Gottes, der weiß, dass man ihn spürt, ehe man ihn gekannt hat? "Ich spüre irgendwie, dass es da etwas geben muss", den Satz habe ich oft gehört in Gesprächen mit sogenannten Atheisten. "fürwahr, a er ist nicht ferne von einem jeden unter uns," das öffnet Herzenstüren.

"28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts", ohne die Zuhörer mit dem historischen Ballast der Schöpfungsgeschichte zu beschweren, macht Paulus hier die Beziehung zwischen Gott und Mensch offenbar in einer Weise, die jedem, der "seine" Dichter kennt, einleuchten muss.

Die Rede vor dem Areopag ist ein Musterbeispiel für Missionsarbeit, wie sie auch heute Not tut. Uns fällt es doch oft schwer, ansteckend von unserem Glauben zu sprechen. Und noch schwerer fällt es uns dann, wenn wir bei unserem Gegenüber bemerken: "Der hat ja gar keine Ahnung, der weiß ja nicht mal, was das Alte und Neue Testament ist". Dann ist es doch einfacher, sich rauszuwinden und gar nichts zu sagen oder: "Das ist nun die Quittung dafür, dass die Eltern damals aus der Kirche ausgetreten sind." Ich denke, mit der Missionsarbeit im engeren Umfeld lohnte es sich, sich mehr Mühe zu geben. Den anderen, wie Paulus es tut, da abzuholen, wo er steht, und ihn nicht gleich mit Bibelsprüchen zu erschlagen oder aufzufordern: "Lerne erst mal das Glaubensbekenntnis" oder ihm vorzuhalten, wie lange er in keiner Kirche war. Der Herr des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.

Und auch nicht, ihm die Vergangenheit seiner Eltern oder auch die eigene nachzutragen. Paulus sagt nicht: "Reißt erst mal eure Altäre ab", sondern er baut etwas auf, indem er den Athenern mit Respekt und Toleranz begegnet, ohne sich aber nur im Geringsten anzubiedern. Den Namen Jesus Christus gebraucht er wohlgemerkt in der ganzen Rede kein einziges Mal. "Gott hat allen Menschen den Glauben angeboten durch einen Mann, den er von den Toten erweckt hat", dieser Satz macht neugierig. Hier wird auch deutlich, dass Paulus in seiner Rede etwas anbietet, was ganz anders ist als die "Neuigkeiten", die man sonst auf dem Areopag zu hören gewohnt ist.

Denken wir an die Parteienredner der letzten Wochen: Sorge um Frieden und Gerechtigkeit haben sie durch die Bank weg versprochen, aber das, worauf letztlich alles zielt, die Bewahrung der Schöpfung, haben sie ausgespart. Das ist nun ja auch das Einmalige an unserem Glauben: Im Wissen darum, dass wir allesamt geliebte Geschöpfe Gottes sind, sind wir dazu aufgerufen, so sorgsam und liebevoll mit unseren Mitgeschöpfen umzugehen wie es Gott selbst mit uns tut. Diese Botschaft sprengt jedes Parteiprogramm und ist erhaben über Wahlversprechen. Wer darüber deutlich spricht, läuft Gefahr, sich vor Mehrheiten lächerlich zu machen, wie es Paulus hier auch passiert. Aber andererseits gibt es immer auch die zwei oder drei Menschen, die auf eine solche Botschaft gewartet haben, die gespürt haben, dass es noch etwas geben muss, worüber sie gerne mehr wüssten.

"34 Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen."

Ich denke, um dieser zwei oder drei willen lohnt sich die Mühe und das Wagnis, es immer wieder zu versuchen, hier, in dieser entchristianisierten Gesellschaft, über den Glauben zu reden. Nicht selbstgerecht oder mit frommen Floskeln, sondern schlicht so, wie es unserem Gegenüber angemessen ist. Dazu gehört es auch, zu lernen, in jedem Gegenüber das Göttliche zu sehen, das ihm mitgegeben ist, auch, wenn es uns einmal völlig verborgen scheint.

Dass wir das können und auch mit Freude wagen, dazubewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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