Gottes Boten

Liebe Gemeinde,

im Rahmen eines Seelsorge-Seminars machte ich vor einigen Jahren Krankenbesuche im Leipziger Diakonissen-Krankenhaus. Eines Tages sagte die Oberschwester zu mir: "Hier liegt eine Frau, die sich bestimmt über ihren Besuch freuen würde. Ich glaube, sie arbeitet bei der Kirche." Als ich dann das Zimmer betrat, sah ich, dass diese Frau große Schmerzen hatte. Vor wenigen Tagen war sie operiert worden, und die Schmerzen machten ihr sogar das Sprechen schwer. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, sagte sie zu mir: "Wissen sie, am meisten leide ich unter diesen furchtbaren Schmerzen. Ich fühle mich dann so verlassen und ausgeliefert… Aber eigentlich dürfte ich doch so etwas gar nicht empfinden… Über meinem Schreibtisch hängt die Jahreslosung aus der Apostelgeschichte: ‚Keinem von uns ist Gott fern‘. Jeden Tag habe ich diese Worte mehrfach gelesen. Aber jetzt spüre ich davon so wenig. Jetzt kann ich Gottes Nähe nicht spüren."

Haben Sie das auch schon einmal erlebt? Obwohl wir in unserem Leben gerade in schwierigen Zeiten Hilfe erfahren haben, befallen uns angesichts neuer Schwierigkeiten Hoffnungslosigkeit und Resignation. Ich denke da an Christen in ganz verschiedenen Situationen. Ich denke an Christen, die wie diese Frau schreckliche Schmerzen zu leiden haben. Ich denke an Christen, die Enttäuschungen erleben, die an Gott und am Sinn ihres Lebens in Zweifel geraten. Ich denke an Christen, die einen lieben Menschen verloren haben und sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen können. Christen haben manchmal schwere Zeiten zu bestehen, und ihr Glaube schützt sie nicht immer vor Angst und Verzweiflung. Zweifel kommen auf, Zweifel am Sinn unseres Einsatzes, unserer Liebe, unseres Lebens überhaupt. Immer tiefer können wir in diesen Zwiespalt geraten und daran verzweifeln. Ist unser Glaube dann umsonst, wenn wir Angst haben und verzweifeln?

Der Text für die Predigt berichtet uns von dem großen Propheten Elija ähnliches. Als einziger ist er von den Propheten Gottes übrig geblieben. Und nun packt ihn das Grauen. Er flieht in die Einsamkeit der Wüste, um dort einen schnellen Tod zu finden. Es ist derselbe Elija, der auf wunderbare Weise am Bach Kerit von Raben gespeist worden war. Er hatte erlebt, wie im Haus der Witwe eine Handvoll Mehl und ein Rest Öl lange Zeit ihn und die Familie der Witwe ernährt hatten. Auf sein Gebet hin war der tote Sohn der Witwe wieder ins Leben zurückgekehrt. Sein Gebet hatte auf dem Berg Karmel die Macht Gottes für alle sichtbar gemacht und die Propheten Baals vernichtet. Und jetzt ist dieser Mann Gottes ein Häufchen Elend, Angst und Jammer …

Offenbar bewahren uns auch erstaunliche Glaubenserfahrungen nicht vor dem Zusammenbruch unseres Vertrauens. Zweifel und Resignation gehören wohl ebenso zum Glauben wie Zuversicht und Hoffnung.

Aber wie schnell geraten wir durch Verzweiflung und Resignation in die Wüste. Wie schnell breitet sich dann die Wüste in uns aus. Eine Leere, die durch nichts gefüllt werden kann. Für mich war die Wüste der Einsamkeit immer besonders schlimm, wenn ich mit Schmerz und Zweifel allein zurechtkommen wollte. Man lässt ja nichts hinter sich zurück. Alles schleppt man mit. Und in der Einsamkeit drückt diese Last noch viel schwerer. Wie kommt man da wieder heraus? Lässt sich überhaupt ein Weg aus der Wüste der Einsamkeit, der Verzweiflung, des Schmerzes finden?

Anscheinend gibt es da nur eines. Nach einer Weile muss man aufstehen, sich stärken und einen langen Weg beginnen. Elija wandert vierzig Tage und vierzig Nächte. Diese Zahl 40 erinnert uns an Gottes früheren Weg mit dem Volk Israel. Vierzig Tage und vierzig Nächte war Mose in Gottes Nähe, um die Worte des Bundes aufzuschreiben. Und vierzig Jahre musste Israel durch die Wüste irren, bevor es in das gelobte Land einziehen durfte. Vierzig Tage und vierzig Nächte, das heißt hier wohl: Es geht nicht von heute auf morgen, dass du aus der Wüste herausfindest. Mache dich auf einen weiten Weg gefasst. Du brauchst Geduld mit dir selbst. Du musst Schmerz erdulden. Dazu ist Stärkung nötig. Deshalb: Steh auf und nimm etwas zu dir! Für Elija ist es scheinbar gar keine Frage, wohin er gehen soll. "Er stand auf, aß und trank und wanderte in der Kraft jener Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg, dem Horeb." Elija bricht auf, um wieder den Urgrund des Glaubens zu finden. Gott hatte am Horeb seinen Bund mit Israel geschlossen und war dem Volk dort erschienen. Deshalb ist der Horeb Elijas Ziel. Ich denke, auch wir können neues Vertrauen fassen und wieder Boden unter die Füße bekommen, wenn wir uns auf den Grund unseres Glaubens besinnen… Elija wurde täglich durch seinen Namen daran erinnert. Denn Elija heißt "Mein Gott ist Jahwe", also "Mein Gott ist der, der immer bei mir ist". Pater ALFRED DELP, der von den Nationalsozialisten umgebracht wurde, war sich dessen gewiss. Vor seinem Tod schrieb er: "Die Wüsten müssen bestanden werden. Aber ich weiß dies: Ich bin nicht allein."

Gibt es nur diesen einen Weg – aufbrechen, sich stärken und neue Glaubensgewissheit finden? Leider sieht es oft ganz anders aus. Meist sind wir zu schwach, um von selbst aufzustehen. Wir sind am Ende, und wir haben es satt. Deshalb suchen wir auch keine Stärkung, um uns auf den Weg zu machen. Wir drehen uns im Kreis, in einem Teufelskreis. Und aus Teufelskreisen kommt man von selbst nicht wieder heraus. Wir wissen das ja nur zu gut von Alkoholikern und Drogenabhängigen. Aber ich denke da auch an den Teufelskreis der Einsamkeit. Wie viele alte Menschen leben in unserem Land, in unserer Stadt völlig einsam und ohne regelmäßige Kontakte zu anderen. In der Zeitung lesen wir manchmal von Menschen in Großstädten, die ganz unbemerkt sterben und von niemandem vermisst werden. Sie sind im Teufelskreis der Einsamkeit zugrunde gegangen.

Wie gut ist es da, wenn solche Teufelskreise von außen durchbrochen werden. Ein Bote Gottes, ein Engel, kommt zu Elija und rüttelt ihn wach. Gott will nicht, dass wir in Resignation versinken oder uns im Schmerz vergraben. Resignieren heißt verzichten. Und wer resigniert, verzichtet aufs Leben. Deshalb schickt Gott seine Boten. Deren Aufforderung, sich in der Wüste zu stärken, ist kein Hohn. Für alles ist gesorgt. Elija findet, was er für seinen Weg benötigt. Boten Gottes lassen nicht locker, wenn es um das Leben geht. Sie kommen auch ein zweites Mal. Und wenn es sein muss, noch ein drittes, viertes, fünftes Mal …

Am 29. September, dem Michaelistag, feiert eigentlich auch unsere Kirche den Gedenktag des Erzengels Michael und aller Engel. Für viele Menschen gehören heute Engel in die Welt der Märchen, in die Welt der Elfen und Feen, die Kinder immer wieder fasziniert. Oder sie gehören als Holzfiguren in die Weihnachtszeit und wecken damit Kindheitserinnerungen. Für unsere Vorfahren waren die Engel nichts Kindisches, sondern ganz reale Wesen. Sie gehörten zu den guten Mächten, von denen sich die Menschen beschützt und geborgen fühlten. An vielen Stellen ihres Lebensweges spürten Menschen die bewahrende Hand ihres Schutzengels. Vielleicht haben Sie auch schon einmal ganz deutlich gespürt, wie Sie auf wunderbare Weise bewahrt worden sind. Nur die Scheu, von anderen ausgelacht zu werden, hält Sie zurück, von einem Schutzengel zu reden. Wir müssen solche Erlebnisse auch nicht an die große Glocke hängen. Wichtig ist nur, dass wir wissen, Gottes Boten lassen nicht locker, wenn es um das Leben geht.

Und deshalb dürfen wir – so glaube ich – mit Hoffnung in die stets sehr ungewisse Zukunft sehen. Wir dürfen auch sehr zuversichtlich sein im Blick auf das Leben von Ann-Marie, die wir heute getauft haben. Enttäuschungen, Angst, Verzweiflung und Rückschläge im Glauben werden uns Christen in der vor uns liegenden Zeit nicht erspart bleiben. Aber wenn wir am Ende sind, kann es einen neuen Anfang geben. Wenn die Wüste uns gefangen hält, kann uns eine Quelle stärken. Und wenn wir uns im Teufelskreis drehen, kann ein Engel uns befreien. Gott hat genügend Boten, um Teufelskreise zu durchbrechen und Resignierte aufzurichten. Lassen Sie mich darum mit Worten schließen, die WILHELM WILLMS zu diesem Predigttext geschrieben hat:

der engel
der weiterhalf
war ganz bescheiden
aber er war einer
einer der hand und fuß hatte
der zeit hatte
einer
der keinen aufgab
der selbst brot und wasser
eiserne ration
gewesen sein muss
denn
bloß fürn stück brot
bloß fürn schluck wasser
wär elija nicht aufgestanden
welcher engel wird uns sagen
dass das leben weitergeht
welcher engel wird wohl kommen
der den stein vom grabe hebt
wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein
welcher engel wird uns zeigen
wie das leben zu bestehn
welcher engel schenkt uns augen
die im keim die frucht schon sehn
wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein
welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn
welcher engel leiht uns flügel
unsern himmel einzusehn
wirst du für mich
werd ich für dich
der engel sein

Ich wünsche uns allen für die nächsten Wochen und Monate einen Engel, wenn wir ihn nötig haben. Und ich wünsche uns allen die gute Erfahrung, selbst Bote sein zu dürfen.

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