Gott will unser Leben

Liebe Gemeinde!

"Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden"; ist ein altisraelitisches Sprichwort. Es hält die immer wiederkehrende bittere Erfahrung nachfolgender Generationen fest, für die Taten und Untaten der Väter- und Müttergeneration die Zeche zahlen zu müssen. Und das gilt nicht nur in Israel so. Unzählige Geschichten belegen das Leid der Söhne und Töchter:

– Die Kinder eines alkoholkranken Vaters oder einer so belasteten Mutter tragen nicht nur eine tiefe seelische Wunde davon, sondern sind oft auch körperlich und geistig für ihr ganzes Leben gezeichnet, ohne dass es für sie ein Entkommen gäbe.

– Die Söhne und Töchter von Eltern, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, haben ohne ihre direkte Mitschuld teil an der gesellschaftlichen Ächtung ihrer Eltern.

– Wir Nachgeborenen bleiben Mitbetroffene im Blick auf die Folgen der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus, auch wenn uns unmittelbar keine Schuld trifft. Der Holocaust wird stets ein einmaliges nicht zu nivellierendes Ereignis für die deutsche Geschichte bleiben und an die besondere Verantwortung für Israel mahnen.

Es ist wahr und wird wahr bleiben: die Schuld der einen produziert nicht selten das Unglück der anderen. Wir vererben nicht nur unser Sparbuch, sondern mehr noch die Folgen unseres gesellschaftlichen und privaten Tuns oder Lassens an die jeweils nachfolgende Generation. Und leider müssen diejenigen, die "die Suppe eingebrockt haben", sie nicht immer selber auslöffeln. Als Beispiel möge hier der Hinweis auf den Umgang mit unseren Energievorräten genügen. Die Wissenschaftler prognostizieren ja nicht erst seit gestern, das unser 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Terrors wird, eines Lebenskampfes um Wasser, Öl und andere Bodenschätze. Es ist wahr und wird wahr bleiben: unsere Gegenwartssituation ist nicht zu denken ohne die Vorgeschichte, und unsere Gegenwart wird für die kommende Generation unausweichlich die sie mitprägende Vergangenheit sein.

Was heißt auf diesem Hintergrund, wenn Gott in unserem Predigttext sagt: "So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel."? Die Vergangenheit darf nicht zur eigenen Entschuldigung herhalten. Wo die Rede umgeht, "da könne man sowieso nichts ändern", da ist der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen, da sind die Kinder nicht besser als ihre Väter und Mütter, da wird die Stafette nur weitergeben. Anders gesagt: Wer sich nur als Objekt der Geschichte seiner Vorfahren und der ungerechten Launen des Gottes seiner Väter betrachtet, stiehlt sich aus der Verantwortung für das Heute und drückt sich um seine aktive Mitgestaltung für das Morgen. Und daher wendet sich Gott in seiner Rede nicht an ein anonyme Masse, sondern wendet sich einem jeden Einzelnen zu.

"Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen." Jede/r ist mit seinem / ihrem Tun und Lassen vor Gott eine eigenständige und ernstgenommene Persönlichkeit und als solche selbst verantwortlich. Damit wird gerade der Kreislauf der Entschuldigung durchbrochen. Ich selbst bin haftbar für mein Tun und Lassen in einer Welt, die zwar von ihrer Vor-Geschichte geprägt ist, aber damit nicht unabänderbar festgelegt ist. Indem Gott den Einzelnen zur Rede stellt und von ihm Rechenschaft fordert, läßt er ihn nicht ein bloßes Objekt und Produkt anderer sein, sondern gibt ihm Würde und Ehre und Persönlichkeit. Gegen die Meinung von der Fremdbestimmung des Lebens, gegen die Irritationen über die Rätsel des Schicksals und unmittelbarer Verzweiflung über persönliches Unglück setzt Gott die eine Frage: "Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?" und in der Fortführung wird sein Herz offenbar, "und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?"

Ein Ausleger hat sehr treffend bemerkt: "Gott kann wohl machen, was er will. Ihm gehört alles Leben. Aber er will nicht machen, was er kann. Er will nur eines: unser Leben. Er hat weder Wohlgefallen am Untergang, noch Schadensfreude an unseren Irrwegen….Er ringt um das Leben des Einzelnen. So wie der gute Hirte das Schaf sucht und sich freut, wenn er es gefunden hat. Er selbst wirft sein Leben in die Schanze, auf dass wir Chancen des Lebens haben." (F. Merkel GPM 1989/90, S.315f) Gottes Barmherzigkeit also ist der Schlüssel zu unserer Existenz, zum Geheimnis der großen Weltgeschichte und unseres kleinen persönlichen Lebens. Aus diesem Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit wächst die Kraft zur Umkehr, der Mut für eigenverantwortliches Handeln. So ende ich wie diese Prophetenrede mit der Wiederholung der Zusage Gotte: "Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben."

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