Gott wertet anders

Anruf in der Lokalredaktion einer Zeitung: "Unser Vorstandschef möchte im Behindertenheim einen Scheck übergeben, können Sie bitte einen Fotografen vorbeischicken?" Ein fast alltäglicher Vorgang, besonders vor Weihnachten, aber auch vor Wahlen häufen sich solche Anliegen. Für das Unternehmen ist die Scheckübergabe eine gute Imagewerbung, ganz abgesehen davon, dass die Spendenbescheinigung von der Steuer abgesetzt werden kann – und die soziale Einrichtung kann die Spende gut gebrauchen. Am Rande des Pressetermins bleibt dem Journalisten Zeit, mit dem Leiter der diakonischen Einrichtung ein paar private Worte zu wechseln, Worte, die nicht in der Zeitung stehen werden: "Offen gesagt, ich mag das gar nicht, wenn unsere Leute so zur Schau gestellt werden müssen – aber anders bekommt man heutzutage ja überhaupt keine Spenden mehr…", seufzt der Mann, selbst ein aufrichtiger Christ, dem die eben gehörte Passage aus der Bergpredigt irgendwo im Hinterkopf sein mag. In der Zeitung sieht man andern Tages strahlende Gesichter, der Vorstandschef hat beim Verlassen der Einrichtung auch noch geäußert: "Wenn man etwas für eine gute Sache tun kann, geht es einem selbst gleich ein Stück besser."

Szenenwechsel: Ein Industrieller gab kürzlich einem bekannten Nachrichtenmagazin ein Interview über seine ziemlich offensichtliche Verflechtung in die CDU-Spendenaffäre. Befragt zu den Millionen, die da die Kontonummer gewechselt haben, zitiert er einen Satz aus dem heutigen Predigttext: "Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut". Mich hat das wütend gemacht. Ist es schriftgemäß, die Bergpredigt für einen recht klaren Fall von Steuerhinterziehung und Bestechung heranzuziehen? Wohl kaum.

"Habt acht auf Eure Frömmigkeit", so übersetzt Luther den Beginn unseres Predigttextes. Das griechische Wort dikaiosunh, das der Evangelist hier gebraucht, bedeutet allerdings im angestammten Gebrauch "Gerechtigkeit, Rechtsprechung" und kann auch mit "Rechtfertigung" übersetzt werden. In anderen Bibelübersetzungen finden wir diese Interpretation. "Habt acht , dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Menschen", lautet die Elberfelder Übersetzung, in der Einheitsübersetzung ist davon die Rede "Hütet euch, nur Gutes zu tun, wenn es die Menschen sehen". "Habt acht auf Eure Frömmigkeit", wer fühlt sich da heute schon angesprochen? Für die Hörer von damals, unter denen sich auch Schriftgelehrte befanden, allerdings war die Thora, die Heilige Schrift, gleichzeitig Gesetz. Almosengeben, Barmherzigkeit war im jüdischen Leben eine "Mizwa", eine Pflicht, die durchaus öffentlich geübt wurde ("in den Synagogen und auf der Straße"), denn die anderen sollten ja möglichst sehen, dass man ein guter Jude ist. "Ich gebe den Zehnten von allem, was ich habe", rühmt sich in einer Textstelle, die erst vor wenigen Sonntagen Lesung war, ein Pharisäer im Gebet und dankt dem Herrn, dass er nicht ist "wie dieser Zöllner", der sich gleich daneben nur an die Brust schlägt und bittet "Gott sei mir Sünder gnädig". Mit seinem Aufruf, Almosengeben, Fasten und Beten im Verborgenen zu üben, rüttelt Jesus an Konventionen seiner Zeit. "Tu Gutes und sprich darüber", der Slogan, der heute gerne zitiert wird, war auch damals schon gängige Praxis. Genau dagegen setzt Jesus seinen Appell an die stille und selbstverständliche Mitmenschlichkeit, die nicht "das Ihre" sucht, wenn sie teilt und gibt.

"Sehen und gesehen werden", bei dieser Gleichung rutscht das Schwergewicht allzu leicht auf den zweiten Teil, beim Bemühen ums "Gesehen werden" geht die Scharfsichtigkeit verloren. Ein Beispiel dafür haben wir vorhin im Evangelium gehört: Zwei gottesfürchtige Männer gehen an einem Verletzten, der im Straßengraben liegt, vorbei. Showeffekte konnten sie an dieser Stelle kaum erwarten, wenn sie dem Mann geholfen hätten, was soll’s also? Gehen wir doch lieber weiter und machen uns die Sonntagskleider nicht schmutzig, vielleicht ist dieses blutige und verdreckte Subjekt im Straßengraben ja an seinem Elend selbst schuld. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter hängt mit Jesu Rede über das Almosengeben eng zusammen. Denn Almosen können auch Taten sein. Taten, die sich nicht vor aller Augen abspielen und die keine Rettungsmedaille oder ein Bundesverdienstkreuz (auch nicht vor dem inneren Auge) zur Folge haben. Taten, die in der Gemeinde vielleicht gar nicht wahrgenommen werden. Man stelle sich vor, der Levit oder der Pharisäer hätten den Gottesdienst verpasst, weil sie den Samariter verarztet hätten. Und hätten dann nicht mal "herausposaunt", warum sie nicht gekommen sind. "Lass die linke Hand nicht wissen, was die Rechte tut", damit können auch Hilfeleistungen gemeint sein, die sich mehr oder weniger im Verborgenen abspielen, auch Zeit, die man Menschen schenkt, die sonst keiner besucht – ohne davon Aufhebens zu machen. "Vergelt’s Gott", sagen vor allem alte Menschen in Süddeutschland und Österreich zuweilen noch statt "Danke" – und eigentlich finde ich diesen Wunsch viel schöner und warmherziger.

Sicher ist es ein gutes Gefühl, die Blicke der ganzen Gemeinde auf sich gerichtet zu sehen, wenn man seinen Baustein für die Sanierung der Kirche gestiftet hat. Das Bild wird dann schon wieder schief, wenn der Nachbar neidisch denkt (und denken soll) "was der kann, kann ich schon lange" – und spendet aus diesem Grund die doppelte Summe, um ein doppeltes Maß an Öffentlichkeit zu erfahren. Solche geheimen Motive bemerkt vielleicht kein Mensch – "aber der Herr sieht das Herz an", wie meine Großmutter gerne zitierte, wenn ihr ein Geschenk mit Hintergedanken gemacht schien.

Die Worte Jesu fordern dazu auf, etwas öfter nachzudenken über die Motive unserer Taten, uns innerlich genauer zu prüfen, auch auf die Gefahr hin, über uns selbst zu erschrecken. Ehrlichkeit zu sich selbst ist sehr schwer, ist aber Voraussetzung dafür, zu einer inneren Lauterkeit zu gelangen. "Habt acht auf Eure Frömmigkeit", das ist eine Aufforderung zur Selbstbesinnung und Einkehr – und solches gehört wirklich nicht unter die Leute. Erst, wenn ich mein eigenes Verhältnis zu Gott ins Reine gebracht habe, wenn nichts mehr zwischen uns steht, bin ich frei dazu, ohne Hintergedanken zu geben, loszulassen und zu lieben, meinen Nächsten wie mich selbst. Dann wird auch der Gedanke an öffentliche Anerkennung von selbst in den Hintergrund rücken, denn was gibt es bedeutenderes als das Wissen: "Dein Vater, der das Verborgene sieht, wird’s dir vergelten". Jesus sagt hier nicht "mein Vater", sondern o pathr sou, "dein Vater". Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, was gab es schon Größeres, als mit seinem "irdischen" Vater ein Geheimnis zu haben, etwas, das anderen eine Freude macht. Mir fällt da etwas scheinbar Banales ein: gemeinsam spätabends den Abwasch machen und den Frühstückstisch decken und am anderen Morgen erstaunt behaupten: "Wir wissen auch nicht, wer das war, es müssen die Heinzelmännchen gewesen sein." Das klingt zwar nun reichlich kindlich, aber so ähnlich kann ich es mir vorstellen – "lass deine linke Hand nicht wissen, was die Rechte tut". Und wieviel schöner, ein solches Geheimnis mit seinem himmlischen Vater zu teilen! Zum Beispiel das Geheimnis, jemandem aus der Klemme geholfen zu haben, indem man eine seiner dringendsten Rechnungen einfach ohne Aufhebens bezahlt hat. Oder das Geheimnis, von wem das Päckchen mit Kaffee, Schokolde und Tabak war, das der Pfarrer mit ins Gefängnis nehmen konnte. Manchmal wünsche ich mir, insgesamt könnten die Menschen etwas kindlicher an ihr Gottvertrauen und damit an ihre Frömmigkeit oder Gerechtigkeit herangehen.

"Dein Vater, der das Verborgene sieht, wird’s dir vergelten", das heißt auch, Gott lässt sich nicht bestechen durch gewaltige Geschenke, seine Gnade und Liebe sind nicht käuflich. Der öffentlich überreichte Scheck an eine Hilfsorganisation fürs gute Gewissen und die heimlich herübergeschobene mehrfach so hohe Summe an eine Partei, das mag die Öffentlichkeit und den Spender selbst überzeugen.

Gott wertet anders. Er liebt uns, wenn wir seine Liebe bedingungslos weitergeben. Und wenn wir sie samt dem, was wir selbst entbehren können, auch und gerade mit denen teilen, die uns nicht als edle Spender in die Schlagzeilen bringen. Dass wir dies auch im Kleinen ohne Hintergedanken, ja froh und mit leichtem Herzen tun können, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

drucken