Gott selbst in uns wohnen lassen

Liebe Gemeinde,

die Zeit des Advents, in die wir heute eintreten, ist eine besondere Zeit. Eine Zeit der Vorbereitung und der Vorfreude; eine Zeit, in der wir unsere Herzen öffnen wollen für das, was zu uns kommen will. Wir haben die erste Kerze auf dem Adventskranz angezündet und wünschen uns, dass ihr Licht uns erreicht; dass es uns erwärmt und erleuchtet.

In diesem Jahr wird es einige geben, die sagen: "Adventslieder mag ich in solchen Zeiten nicht singen, und Kerzen will ich nicht anzünden. Sie werden ja doch ausgeblasen in dem scharfen Wind von Terror und Vergeltung, der unsere Welt durchweht." Das ist verständlich. Aber es ändert nichts. Und dabei ist es gerade jetzt so nötig, dass sich etwas ändert.

Der Advent ist eine Zeit, in der es darum geht, dass wir uns ändern, und dass die Welt mit uns eine andere wird. Eine Zeit der Besinnung, die der Unbesonnenheit unserer Tage entgegentritt. Eine Zeit des Friedens, die dem Unfrieden dieser Wochen entgegensteht. Eine heilige Zeit, die dem Unheil in der Welt zuwiderlaufen will.

Heute sind wir in der Kirche zusammengekommen, um uns hineinnehmen zu lassen in diese Bewegung des Heils. Die Tür soll aufgehen für uns und für viele. Die Tür soll hoch und das Tor weit gemacht werden, damit Jesus durch sie einziehen kann. Das zu sehen und daran teilzunehmen, das ist für uns nicht leicht. Es ist, als ob die Ereignisse der letzten Monate sich wie ein Schleier zwischen uns und den Advent geschoben hätten und nun die Sicht verdunkelten. Wer zieht jetzt diesen Vorhang beiseite, dass wir sehen können, wie Jesus uns entgegenkommt, damit wir ihm auch entgegengehen können?

Das Stück aus dem Hebräerbrief, das in diesem Jahr zum ersten Advent von unseren Kanzeln gepredigt wird, gibt darauf eine verblüffende Antwort. Es sagt: "Weil wir denn nun (…) die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den Jesus uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang (…), so lasst uns hinzutreten." Kommt, wird uns hier gesagt, das Tor ist offen, die Tür ist aufgetan. Der, auf den wir warten, hat uns selbst den Vorhang aufgezogen. Er nimmt alles beiseite, was sich zwischen ihn und uns gestellt haben mag.

Wir müssen also nicht mit einem großen Kraftakt die Türen aufmachen, damit es bei uns Advent werden kann. Wenn wir ihn begrüßen wollen, den König, dann können wir es den Einwohnern von Jerusalem gleichtun und vor ihm das ausbreiten, was wir mitgebracht haben. Wie alte Anziehsachen können wir das abstreifen, was wir mit uns herumtragen. Wir dürfen es vor ihm auf den Weg legen. Auch, wenn es uns womöglich wie Lumpen scheint: die Trauer und der Zorn, die wir mit uns herumschleppen; die Angst und die Sorge, die uns einhüllen; der Trotz und das Aufbegehren, die wir wie dicke Polster vor unser Herz gestopft hatten – wir legen es ihm vor die Füße. Es macht ihm, dem sanftmütigen König, den Weg zu uns leichter.

"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; eur‘ Herz zum Tempel zubereit’" – so haben wir eben gesungen, und so tun wir es auch. Wir bereiten unser Herz. Dass es ein heiliges Haus ist für den Gottessohn, das sehen wir bald, wenn wir den ganzen alten Stoff erst herausgeräumt haben, der da herumlag. Nun macht er der Eselin und ihrem Fohlen den Weg weich und eben. Was uns bedrückt und belastet hatte, es tut jetzt einen guten Dienst. Jesus reitet sanft darauf ein, ob es nun Enttäuschung war oder eine vorwurfsvolle Haltung. Ob es Angst war oder eine tiefgreifende Verunsicherung. Ob es Wut war oder das Gefühl der Ohnmacht. Es ist mehr als ein Reinigen unserer Seele, wenn wir ihm das vor die Füße legen. Es ist eine Einladung an ihn, dort einzuziehen, wo dieser Ballast vorher lag; dort zu wohnen, wo der Platz jetzt frei geworden ist, und in unserem Herzen ein Zuhause zu finden. Ein Menschenherz kann auf diese Weise ein Tempel werden für den Menschensohn, ein Haus für Gott.

"Wir haben einen Hohepriester über das Haus Gottes", sagt der Schreiber des Hebräerbriefs. Jesus ist dieser wahre Hohepriester, und er freut sich über den Weg, den wir ihm bereiten zu unserem Herzen. Er will ja dort wohnen. Es soll sein Zuhause sein. Heute will er dort einziehen, und wir wollen ihn begrüßen. "Hosianna", rufen wir. Das heißt: "Hilf doch!"

Liebe Gemeinde, wenn wir das sagen, dann wissen wir schon: er hilft wirklich und wahrhaftig. Wir wissen auch: Er ist der wahre Herr der Herrlichkeit, der Heil und Leben mit sich bringt, ein Heiland aller Welt zugleich. Die Herrscher dieser Welt lassen das Volk Spalier stehen und Fahnen schwenken. Ach Gott, wie viele Fahnen und Fähnchen sind gehisst und geschwenkt oder zertreten und verbrannt worden in den letzten Monaten! Aber hier sind es grüne Palmwedel, Zeichen des Friedens und Zeichen dafür, dass wir dem wahren König huldigen wollen. Wieviele Schlachtrufe und Parolen sind gebrüllt und skandiert worden in der zurückliegenden Zeit! Aber nun heißt es: Hosianna, hilf doch! Er hilft seinen Menschen wirklich, denn er ist wahrhaftig ein Heiland aller Welt zugleich und nicht einer Nation allein. Nicht für eine bestimmte Kultur oder Zivilisation steht er. Zu allen Menschen will er kommen, und alle, die ihm entgegengehen und ihn begrüßen, will er berühren.

"So lasst uns nun hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unseren Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser", so heißt es weiter in unserem Predigttext. Wir dürfen uns also getrost auf den Weg des Advents machen und auf ihn zugehen. Wahrhaftig ist unser Herz, wenn wir ihm das anvertrauen, was uns ängstet und bedrückt. Er gibt uns viel wieder für das, was wir an ihn abgeben. Einen Sinn für Wahrheit gibt er in unser Herz, damit wir seinen Weg erkennen und ihm folgen können. Vollkommen ist unser Glaube, wenn wir darauf vertrauen, dass er alles für uns bereithält, was wir brauchen.

Einen Geschmack für Schönheit schenkt er uns, wenn wir uns von ihm beschenken lassen wollen. Dann können wir wieder sehen, wie wunderbar die Welt erschaffen wurde für uns. Besprengt in unseren Herzen sind wir, wenn wir nicht aufhören, in dieser Zeit des Säbelrasselns auf Ausgleich und Versöhnung zu setzen. Denn er gibt uns einen Sinn für den Frieden, den er bringen will, und nimmt uns mit auf diesen Weg. Wer "Hosianna" ruft, statt nach Vergeltung zu schreien, braucht auch kein böses Gewissen zu haben. Gewaschen am Leib mit reinem Wasser sind wir durch die Taufe. Gott hat uns angenommen. Wir gehören zu ihm. Da ist nichts, was uns von ihm trennen müsste. Von ihm aus ist da gar nichts als lauter Liebe, mit der er uns entgegenkommt.

Darum "lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat." Verlassen dürfen wir uns auf ihn. Er kommt zu uns, in unser Herz, in unser Leben, in unsere Welt. Er ist schon unterwegs freut sich über alle, die voller Hoffnung ihm entgegensehen und entgegengehen. Wir sollen von diesen Wochen des Advent mehr getrost erwarten als nur einen märchenhaften Zauber, der sich wie eine gute Stimmung über unsere böse Zeit legt. Wer darauf hoffen und setzen will, dass Jesus Christus Einzug hält bei uns, der wird hineingenommen in das Wunder des Advents, das Wunder seines Erscheinens.

Liebe breitet sich aus dort, wo er Raum nimmt; eine Liebe, die viel größer ist als eine Zuneigung, die wir füreinander empfinden können. Diese Liebe bewegt uns, denn sie drängt nach außen und will sich zeigen. Wer von ihr berührt wird, wird sie nicht ängstlich festhalten und als Balsam für seine eigene Seele verwenden wollen. Dass wir von dem Wunder des Advents erfasst sind, zeigt sich darin, dass wir, die wir so trostbedürftig waren, nun andere trösten können. Wir haben viel zu geben, und es wird uns eine große Freude sein, das zu tun. Mit jeder Freundlichkeit und jeder liebevollen Tat, in die wir uns hineinnehmen lassen, gehen wir einen Schritt weiter zu auf den, der uns so freundlich entgegenkommt.

"Lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken, (…) und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht." Auf den Tag, der sich naht, gehen wir gemeinsam zu im Advent. Wir brauchen uns das Licht, das uns durch die Dunkelheit um uns herum und in uns selbst hindurchführt, nicht allein anzuzünden, Gott sei Dank. Jesus Christus selbst ist es, der uns den Weg erleuchtet, der uns "die Fackel beisetzt", wie es in dem Lied heißt, das wir gleich miteinander singen werden. Ihm zu singen, gibt uns Kraft. Ihn zu loben, macht uns frei. Ihn bei uns zu empfangen, das heißt, Gott selbst in uns wohnen zu lassen.

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