Gott – mit uns auf gleicher Augenhöhe

Liebe Gemeinde,

keine Sorge – ich fange jetzt nicht an, ihnen dieses Stück aus dem Hebräerbrief von Anfang bis Ende auszulegen. Das ist an einem Abend gar nicht machbar, denn es geht darin um mindestens fünf verschiedene Themen, von denen die meisten auch sehr abhängig sind von ganz bestimmten Diskussionen in den christlichen Gemeinden, an die sich der Hebräerbrief richtet. Das umfassend aufzudröseln, gäbe eine historisch-theologische Vortragsreihe, aber keine Gründonnerstagspredigt.

Nein, ich möchte Ihnen etwas erzählen, was Ihnen bestimmt nicht ganz fremd ist. Sind zwei Kinder zusammen, sagen wir in einer Schulklasse. Die beiden tun irgendetwas zusammen, allmählich wird es lauter, sie giften sich an, streiten, rangeln. Ein Erwachsener geht dazwischen: Hört doch mal auf damit! – Und jetzt ruft der erste: Ich hab‘ gar nichts gemacht! – Und der andere: Doch! Ich hab‘ nichts gemacht! – Der erste: Stimmt gar nicht, der hat angefangen! Der zweite: Spinnst Du? Duuu bist schuld! Der erste: Nein! Duuu bist schuld! – Nein, Duuu!

Ja, so sind sie, die lieben Kleinen – aber es gibt Indizien dafür, dass es unter uns Großen gar nicht so viel anders zugeht. Ein Zusammenstoß zweier Autos mit Blechschaden. Hat nun der eine dem anderen die Vorfahrt genommen, oder war der andere zu schnell? Wer ist schuld? Ja nichts zugeben, heißt da die Devise. Der eine ahnt, dass er sich das mit der Vorfahrt nicht so genau überlegt hatte. Oder der andere weiß, dass er zu schnell unterwegs war. Aber: Erstmal probieren, ob man nicht doch als Unschuldiger davonkommt. Ob man später, im Ermittlungs- und Gerichtsverfahren, dem anderen nicht wenigstens eine sogenannte ‚Teilschuld‘ zuschieben kann. Er wird schon auch irgendwie Dreck am Stecken haben, hoffentlich. Denn es geht um viel Geld. Also: Ja keine Schuld eingestehen!

Das ist genau das Gleiche wie bei den Kindern. Jeder hofft, dass er als Unschuldiger oder doch zumindest nicht als Alleinschuldiger aus der Situation herauskommt. Für jeden ist es wichtig, am Ende gut dazustehen. Und wer Schuld an etwas Schlechtem hat, der steht nicht gut da. Das ist eine grundlegende Spielregel in unserer Gesellschaft.

Es gibt Menschen, die knallhart dieser Spielregel folgen. Für sie sind immer die anderen schuld. Auch an ihren eigenen Taten und Versäumnissen. Ein Schuldiger findet sich immer: Die Erziehung durch die eigenen Eltern, die miesen Verhältnisse, aus denen man kommt, der andere der angefangen hat und gegen den man sich schließlich wehren muss, oder? – Die anderen, weil sie nicht genug Verständnis für einen haben. Ja die Gesellschaft ganz allgemein hat die Schuld dafür, dass es so und so gekommen ist.

Diese Menschen halten es nicht aus, dazu zu stehen, dass ihnen etwas misslungen ist, dass sie Unheil angerichtet haben. Und selbst wenn ihnen ihre Schuld, etwa durch die Polizei oder ein Gerichtsurteil, klar zugesprochen wird, so sind sie doch ihr ganzes Leben lang davon überzeugt, dass es sich dabei um einen großen Irrtum handelt, der sie zu den Sündenböcken macht und die wahren Schuldigen verdeckt.

Allerdings gibt es auch die anderen: Menschen, die Schuld auf sich nehmen und daran zerbrechen. Es gibt Kinder, die denken: Ich bin schuld daran, dass meine Eltern sich getrennt haben. Es gibt Eltern, die denken: Ich bin schuld, dass mein Kind sich im Leben so schwer tut. Es gibt Menschen, die nach dem Tod ihrer alten Eltern sich Vorwürfe machen: Hätten wir sie nicht doch zu Hause pflegen sollen? Wir sind schuld, dass sie so schwer gestorben sind. Es gibt Menschen, die nehmen wenn in einer Gruppe oder einem Team ein Konflikt auftritt, die Schuld, die herumgeschoben wird, freiwillig auf sich, nur damit wieder Frieden einkehrt.

Beides scheint extrem weit voneinander entfernt – das ständige Sich-Entschuldigen und das ständige Schuld-auf-sich-Nehmen. Und trotzdem läuft es auf ein und dasselbe hinaus: Die Auseinandersetzung über Schuld wird blockiert. Denn davor haben die einen wie die anderen Menschen große Angst. Diese Angst kommt daher, dass am Ende einer solchen Auseinandersetzung über Schuld ich unter Umständen genötigt bin, mein Gegenüber um Ent-Schuldigung zu bitten. Und das fällt umso schwerer, je wichtiger es für mich ist, ein Mensch zu sein, der nichts falsch macht, ein Mensch, der mit dem, was er tut und lässt, immer gut dastehen muss.

Und selbst wenn es eine solche Entschuldigung gegeben hat, so wirkt sie oft weniger befreiend als es zu hoffen wäre: Da gibt es Menschen, die sagen von ihrem Gegenüber: "Entschuldigt hat er sich zwar, aber das war doch nur eine Förmlichkeit, in Wirklichkeit ist der immer noch davon überzeugt, dass er alles richtig gemacht hat." Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sagen: "Ich habe um Entschuldigung gebeten und der andere hat auch gesagt, dass er sie annimmt – aber ich habe nicht den Eindruck, dass mir wirklich verziehen worden ist. Ich schleppe weiter meine Schuld mit mir herum, und dem anderen passt es ganz gut, dass ich für immer in seiner Schuld stehe."

Ja, an unserem Umgang mit der Schuld, die wir auf uns laden, erkennt man, dass wir Menschen, wie unser Predigttext sagt, unter der Knechtschaft des Todes stehen. Das klingt vielleicht dramatisch. Es hat jedoch in Konflikten, die sich zuspitzen, einen sehr konkreten Beschreibungswert. Denken wir an den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der auch in diesen Tagen die Welt erschüttert und zu immer neuen Steigerungen der Unmenschlichkeit führt. Hier kann keiner zugeben, etwas falsch gemacht zu haben. Schuld ist die andere Seite, und dadurch hat man das Recht, Vergeltung zu üben, also selbst schuldig zu werden an den anderen, die dann wieder Vergeltung üben, undsoweiter, mit tödlichen Konsequenzen.

Aber die Knechtschaft des Todes gilt auch im übertragenen Sinn, immer da, wo Menschen ihre Schuld nicht annehmen können und wegschieben. Die Erinnerung daran, was mir der andere angetan hat, die bleibt und vergiftet schleichend unsere menschlichen Beziehungen. Wir lauern darauf, was der andere uns als nächstes antun wird. Wir warnen andere, was das für ein schlechter Mensch ist. Alles in allem: Wir gehen nicht menschlich mit anderen Menschen um, wie Gott es gewollt hat, sondern wir dienen der Macht des Todes: der Zerstörung, dem Hass, dem Misstrauen.

Ich denke, jeder Mensch hat schon auf der einen oder anderen Seite Szenen von Ent-Schuldigung erlebt, und auch schon den Unterschied gespürt, wenn Schuld wirklich bekannt und Verzeihung wirklich gewährt wird – oder nicht. Was macht den Unterschied aus? Ich denke, schwierig wird es immer da, wo der, der um Verzeihung gebeten ist, den anderen spüren lässt, dass er ihm etwas voraus hat: die Unschuld. Niemand kann seine Schuld annehmen in dem Gefühl, ein grundsätzlich schlechterer Mensch zu sein als der andere.

Das ist nun auch in unserem Predigttext der zentrale Gedanke. Der Mensch tritt vor Gott als ein Schuldiger, als ein Wesen, das dem Tode mehr gehorcht als dem von Gott gestifteten Leben. Gott könnte ihn für seine Taten und Untaten sozusagen von oben herab ent-schuldigen. Aber das wäre schlechterdings für keinen Menschen annehmbar. Schon mit dem Schuldbekenntnis wäre jedes menschliche Selbstbewußtsein ausgelöscht, und die Vergebung träfe auf einen, der nie gut genug sein wird. Und weil das so ist, könnte kein Mensch vor Gott wirklich bekennen, wie es um ihn steht.

Deshalb musste Gott Mensch werden. Er musste, wie das neuerdings gern in anderem Zusammenhang ausgedrückt wird, "auf gleiche Augenhöhe" kommen mit uns Menschen. "Worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden", heißt es im Hebräerbrief. Das wird beispielsweise sichtbar in der Szene der Fußwaschung, von der wir vorhin gehört haben. Jesus wäscht den Jüngern, diesen doch eher wankelmütigen und wenig perfekten Gestalten, die Füße. Gott geht auf gleiche Augenhöhe mit ihnen. Der Widerstand bleibt nicht aus. Kann Gott so sein? Ja, er kann.

Das merken wir auch in der Tischgemeinschaft mit Gott. Wir wissen, dass er uns zu Brot und Wein einlädt, obwohl wir nie seinem Willen entsprechen können, obwohl wir immer unwürdig sind und bleiben, mit ihm den Tisch zu teilen. Dennoch lädt er uns ein und versichert: Ich bei euch bleiben bis an der Welt Ende. Gott auf Augenhöhe – das können wir annehmen, ohne uns unendlich schuldig fühlen zu müssen. Gott auf Augenhöhe – dem können wir anvertrauen, wie viel uns schief geht im Leben und wie schlecht wir mit anderen umgehen. Wir sind eingeladen, das zu bekennen, und dürfen doch seine Gegenwart feiern. Ein Gott, der so auf uns zugeht, der so mit uns umgeht, der kann uns aus der Macht des Todes wirklich befreien.

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