Gott meint es gut mit uns

Liebe Gemeinde,

man kann sehen und doch nicht sehen. Ich habe diese Woche mit jemandem gesprochen und sie gefragt, ob sie im Nachrichtenblatt gelesen hat, dass Brunnentreff ist. Sie sagte: Ja, selbstverständlich, ich lese die kirchlichen Nachrichten gründlich. Alles, was mich im Nachrichtenblatt interessiert, lese ich zweimal. Aber manche lesen es und lesen es doch nicht. Hinterher wissen Sie nicht mehr, was sie gelesen haben, weil es sie nicht richtig interessiert.

Man kann sehen und doch nicht sehen. Man kann sehenden Auges blind sein, weil man etwas nicht wahrnimmt. Etwas nicht sehen, das kann ich aus mangelndem Interesse oder weil ich da einen blinden Fleck habe. Psychologen, die Familien beraten, lassen gerne die Familie mit ihrer Geschichte und ihren Beziehungen. Und spannend wird es genau da, wo etwas fehlt, wo ein blinder Fleck ist. Da muss weitergearbeitet, da muss hingeschaut werden, da muss Blindheit überwunden werden.

Blinde Flecken gibt es in Familiengeschichten. Ich sehe Sie sehr deutlich z.B. bei einem Beerdigungsgespräch. Da gibt es etwas, das soll nicht zur Sprache kommen und die Verwandten kontrollieren sich gegenseitig, dass sich auch niemand verplappert. Dann ist es schwer, eine Beerdigungsansprache zu entwerfen, die der verstorbenen Person gerecht wird. Viel einfacher ist es, wenn die Angehörigen den Mut aufbringen, das Tabu zu brechen und zu benennen, was los ist. Dann weiß ich, was ich nicht sagen soll und kann trotzdem der verstorbenen Person gerecht werden.

Jeder Mensch hat blinde Flecken und muss Dinge verdrängen. 80 Prozent unserer Seele, so schätzt man, liegt im Unbewussten. Wir können nur sehr begrenzt hinschauen, wirklich hinschauen, aber es ist sehr heilsam, wenn wir das können. Und unser Glaube ist eine große Hilfe, dass Heilendes in diesem großen Bereich des Unbewussten passiert. Nicht umsonst stellen immer wieder Untersuchungen fest, dass gläubige Menschen im Durchschnitt seelisch gesünder sind. Wir Christinnen und Christen sind nicht unbedingt besser als andere, aber wir haben es besser, weil Gottesdienst feiern und beten uns hilft, zu sehen, was wir sonst zu sehen vermeiden.

Um uns das etwas genauer vor Augen zu führen, möchte ich Sie auf eine Entdeckungsreise einladen. Zu entdecken ist, wie Jesus einen Blinden geheilt hat und was das mit uns zu tun haben könnte. Ich lese den Predigttext aus dem Markus-Evangelium Kapitel 8, 22-26.

[TEXT]

Betsaida ist ein Dorf am Nordufer des See Genezareth. Die Speisung ist dort in der Nähe geschehen. Von den 12 Aposteln stammen drei aus diesem kleinen Ort: Petrus und sein Bruder Andreas und Philippus. Jesus ist also dort als Wundertäter bekannt. Also bringen sie einen Blinden zu ihm und bitten Jesus, den Blinden zu berühren. Sie wissen, durch eine Berührung wird heilende Kraft fließen und Jesus wird so den Blinden sehend machen. Die blutflüssige Frau, die Jesus von hinten berührt hatte, war ja auch plötzlich gesund geworden und das war ja ganz in der Nähe passiert.

Aber dann durchbricht Jesus die feste Erwartung, eine feste Erwartung des Glaubens. Er nimmt den Blinden an der Hand und führt ihn hinaus vor das Dorf. Da Jesus sonst keine Scheu hat, auch vor großer Öffentlichkeit Wunder zu tun, geht es hier also um den Blinden. Blindheit, die psychosomatische Ursachen hat, hängt oft damit zusammen, dass die blinde Person nicht gesehen werden will, den Leuten aus den Augen kommen will. Diesem dringenden Wunsch des Blinden kommt Jesus nach. Er handelt also nicht gegen die unbewusste Störung, sondern mit ihr.

Der Blinde hat Angst vor anderen Menschen. Und zunächst nimmt Jesus ihn mit aus der Menge. Aber dann kommt eine höchst intime Berührung. Jesus tut Spucke auf seine Augen. Wie genau wird nicht beschrieben. Ob er ihn anspuckt oder die Spucke mit seinem Finger auf die Augen des Blinden tut, das bleibt offen. Austausch von Körperflüssigkeiten; das kommt uns eklig vor, und das geschieht sonst nur in erotischen und sexuellen Situationen oder wenn eine Mutter ihr Kind tröstet. Sie kennen alle die Situation: ein kleines Kind ist hingefallen, rennt schreiend zu seiner Mutter. Die Mutter tut ein wenig kühlende Spucke auf die Wunde und singt "Heile heile Gänschen".

Vieles spricht dafür, an diese Situation zu denken, denn der Blinde versucht ja, der erwachsenen Wirklichkeit zu entkommen, wieder in die dunkle Welt des Mutterbauchs zu schlüpfen, frei von Verantwortung und frei von Problemen. Jesus nimmt seine Angst vor den Menschen ernst und behandelt ihn dann wie eine tröstende Mutter ihr Kind behandelt. Er legt kühlende Spucke auf und legt ihm die Hände auf die Augen. Beides sehr intime Gesten, die eine ungeheure Nähe ausdrücken; und das bei einem, der vor Menschen und ihrer Nähe flüchtet. Es geht nur, weil der Blinde ein großes Vertrauen in diesen Wundertäter im Namen Gottes hat und weil dieser Wundertäter Jesus so überraschend mütterlich auf seine Bedürfnisse eingeht.

Diesmal funktioniert das Heilen nicht mit einer einfachen Berührung. Es gibt einen sehr ausführlichen körperlichen Kontakt. Der Weg vor das Dorf, auf dem Jesus den Blinden an der Hand führt; dazu braucht ein Blinder schon eine Menge Vertrauen. Hier bestätigt sich das Vorschussvertrauen in den Wundertäter. Dann die Spucke; man kann sich vorstellen, wie der Blinde zunächst zurückschreckte und dann unter Jesus Händen in seinem Inneren etwas zurechtgerückt wurde, in Ordnung gebracht wurde, geheilt wurde.

Und es hat Wirkungen. Er sieht die Menschen unscharf wie Bäume in der Entfernung herumlaufen. Die Annäherung an die Menschen ist mühsam. Die Verletzungen, die ihm andere zugefügt haben, müssen groß, sehr groß sein. Sie lassen sich nicht so schnell überwinden.

Noch einmal legt Jesus ihm die Hände auf. Er stellt eine intime Nähe her und diesmal sieht der Eben-Noch-Blinde ja, was da auf ihn zukommt. Sein Zurückweichen vor den Menschen wird bei dieser Vertrauensperson überwunden. An dem wahrhaft menschlichen Jesus lernt er, den Menschen wieder zu vertrauen.

Wiederhergestellt wurde er, so heißt es wunderschön im Bibeltext. Einem Theologen klingeln dabei die Ohren – denn die Wiederherstellung aller Dinge ist uns verheißen in Gottes neuer Welt. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem Gottes heilendes Handeln immer wieder neu an uns sichtbar wird. Nichts und niemand von Gottes Geschöpfen fallen aus Gottes liebender Hand heraus. Was an dem Blinden geschieht, Wiederherstellung, Heilung, die zärtliche Berührung Jesu, die das Leben zum Guten verändert, das ist Ziel unserer Hoffnung für alle Menschen und für die ganze Welt.

Jesu heilsames Handeln aber endet nicht damit, dass der Blinde wieder vollständig sehen kann. Jesus schickt ihn heim, aber er sagt: geh nicht in das Dorf. Vielleicht wohnt er am Dorfrand und soll einen Weg wählen, der möglichst direkt zu seinem Haus führt, möglichst ohne anderen zu begegnen. Mit Vertrauen wieder anderen Menschen zu begegnen, von Angesicht zu Angesicht, offenen Auges, das hat der Nicht-mehr-Blinde gerade erst gelernt. Und daran muss er sich erst allmählich gewöhnen. Dazu muss er erst mal in Ruhe zu Hause beginnen, bevor er sich weiter ins Dorf wagt.

Gott meint es gut mit uns, liebe Gemeinde, das sehen wir an dieser Geschichte von dem wahren Menschen Jesus, der uns Gott als liebenden Vater und tröstende Mutter gezeigt hat. Und er mutet uns nicht mehr zu, als wir gerade schaffen. Er ist mit uns auf dem Weg, und das Ziel heißt Heilung, Wiederherstellung, gelingende Beziehungen, gelingendes Leben. Wir sind eingeladen, zu vertrauen und zu hoffen, und dadurch zu sehen, was wir uns nicht zu sehen getrauen. Der das Licht geschaffen hat und der die Blinden sehend macht, der öffne uns die Augen, zu sehen, was weiterbringt, was heilt, was wiederhergestellt werden muss.

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