Gott lässt uns nicht im Stich

Liebe Gemeinde!

Wir befinden uns in der Passionszeit. In dem Predigttext heute geht es um den Beschluss des Hohen Rates, Jesus zu töten. Der Hohe Rat steht vor einer schwierigen Entscheidung. Jesus hat viele Wunder getan. Die Menschen verstehen sie als Zeichen, dass er der verheißene Retter ist. Er wird das Volk von der römischen Herrschaft befreien. Er wird dafür sorgen, dass Gottes Herrschaft anbricht. Alles wird gut werden. Die Unterdrückung bald zu Ende sein. Viele bereiten sich auf den letzten Kampf gegen die Römer an Jesu Seite vor. Der Hohe Rat muss etwas tun. Keine Entscheidung wäre auch eine Entscheidung. Wenn Jesus eine Aufstandsbewegung anführt, dann wird die von den Römern niedergeschlagen, und viele Menschen werden sterben. Außerdem verlieren die Juden das Privileg nicht am Kaiserkult teilnehmen zu müssen. Unser Predigttext wirft einen Blick in die entscheidende Sitzung des Hohen Rats. Ich lese Johannes 11,47-53:

[TEXT]

Die Überlegungen des Kaiphas sind vernünftig. Lieber opfern wir den einen und dafür passiert dem Volk nichts. Und das Johannesevangelium stimmt dem zu: Ja, so musste es kommen. Jesus musste für das Volk sterben, damit die verstreuten Gläubigen gesammelt werden. Gottes Ziel mit Jesu Auftreten war offensichtlich nicht der Aufstand gegen die Römer und eine neue Welt seiner Herrschaft, die wunderbar vom Himmel kommt. Es geht in der Botschaft Jesu um etwas Größeres und langfristigeres und weiterführendes. Und das kann nicht in einem wunderbaren Moment oder einem Kampf hergestellt werden.

Jesus möchte erreichen, dass sich die Menschen von innen heraus wandeln. Jesus möchte, dass die Menschen freiwillig und von sich aus zu Gott finden. Und das lässt sich nicht gewaltsam erreichen. Aber er muss nach Jerusalem, weil alle wichtigen Veränderungen im Judentum in Jerusalem im Tempel angekündigt und hergestellt werden müssen. Er muss nach Jerusalem um seinen Geltungsanspruch öffentlich zu machen. Und da gerät er zwischen die Fronten. Und er muss sterben. Er muss sich von dem Hohen Rat ausliefern lassen und er muss von den Römern getötet werden, denn die Alternative wäre, einen Aufstand anzuführen, und das würde ein Blutbad bedeuten und damit allem widersprechen, was er verkünden wollte. Es gibt keine Alternative zum Sterben, wenn er nicht darauf verzichten will, seinen Auftrag zu erfüllen. Insofern ist Jesus gestorben, damit das Volk und seine Anhängerinnen und Anhänger leben können. Und er ist auch gestorben, damit seiner Botschaft in Jerusalem Geltung verschafft wird.

Mit Jesu Leben und Sterben hat also etwas Neues angefangen, dass dieses Opfer wert ist. Was ist das Größere und Langfristige und Weiterführende, was nun in der Welt ist, und dass auf Dauer alles verändern wird? Unser Predigttext sagt dazu: Jesus musste für das Volk sterben und damit die verstreuten Kinder Gottes zusammenkommen. Und das ist ja auch tatsächlich passiert. Aus allen Völkern aus allen Weltgegenden kommen seit 2000 Jahren Menschen zusammen, weil sie Kinder Gottes geworden sind. Es ist das neue Israel aus allen Völkern entstanden. Von überall her finden Menschen zu dem Gott Israels und glauben, dass nicht ein dumpfes schreckliches Schicksal ihr Leben bestimmt sondern ein liebender Gott. Wir sind wie Töchter und Söhne für Gott. Wenn wir das begreifen ändert sich unser Lebensgefühl radikal. Dann ist klar: Auf eine wie auch immer undurchsichtige Art und mitunter durch Krisen hindurch wird unser Leben gelingen. Es wird gut gehen und am Ende gut sein. Auch wenn wir nicht begreifen wie das sein kann. Wie wir als Eltern dafür sorgen, dass unser Kind beschützt und ernährt und geliebt wird. So sorgt auch Gott für uns.

Wir können uns natürlich – wie größere Kinder das immer können – dem entziehen. Wir können uns abwenden. Aber es bleibt doch das eine bestehen. Das ist Jesu Botschaft an alle Welt: Die Macht, die die Welt geschaffen hat und lenkt, ist uns wohlgesonnen. Sie bietet uns Orientierung und Schutz an. In Ihren Händen finden wir Geborgenheit und Freiheit, wenn wir uns ihr anvertrauen. Wir sind wie Töchter und Söhne für Gott. Das heißt auch: Gott liebt uns. Und es fällt ihm schwer dabei zuzusehen, wie wir uns verrennen, wie wir uns von unserem Geld versklaven lassen, wie wir unter die Herrschaft von Gier und Alkohol und anderen Suchtmitteln geraten, wie wir unsere Integrität zerstören, indem wir uns vom Hass und von Rachegefühlen beherrschen lassen. Jesus sagt und lebt vor: Wir können da herauskommen, und uns wieder Gott zuzuwenden. Die Liebe Gottes kann in unserem Leben wirksam werden, wenn wir das zulassen. Denn Gott respektiert unsere Entscheidungen, auch die Entscheidungen gegen ihn. Nun, wir haben die Wahl, ob wir zum Einflussbereich Gottes dazugehören wollen als seine geliebten Kinder oder ob wir anderem erlauben uns zu beherrschen.

Wenn man so eine Frage stellt, ist die Antwort doch eigentlich klar zumindest für uns die wir hier in der Kirche sitzen. Natürlich wollen wir zu Gott gehören. Natürlich wollen wir mit dazu beitragen, dass das gelingt wofür Jesus gestorben ist, nämlich dass die Kinder Gottes zusammenkommen und alle die Chance zu einem guten Leben im Glauben an Gott bekommen und Gottes Herrschaft sich ausbreitet in der Welt. Welche Frage. Nur wie meistens sitzt der Teufel im Detail. Denn natürlich fühle ich mich gefangen in meiner Esssucht oder Arbeitssucht oder Fernsehsucht oder Geldgier oder panischer Angst, dass mein Besitz nicht reicht mein Leben zu sichern, oder Drogensucht oder meiner Sucht nach Anerkennung und anderen Zwängen. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher als dieser Fremdbestimmung über mein Leben zu entkommen. Und trotzdem gelingt es nicht. Ich wünsche mir die Freiheit der Kinder Gottes, und sehe mich doch daran scheitern. Ja, so ist es.

Ich glaube Jesus wusste wie schwer das ist, und dass man alleine praktisch keine Chance hat. Aber wir sind ja nicht alleine. Wir haben ja hier und überall andere Christinnen und Christen mit den zusammen wir unseren Glauben leben können. Wir haben andere, um uns gegenseitig zu ermutigen, uns immer wieder neu Gott zuzuwenden. Wir haben andere, die uns Vorbild sein können. Wir bilden zusammen die Kirche. Und zusammen halten wir die Räume offen, und sorgen dafür, dass Jesu Botschaft gehört werden kann. Zusammen können wir uns auch immer wieder daran erinnern, dass der Kampf um die innere und äußere Freiheit sich lohnt und dass wir ihn letztendlich gewinnen werden. Denn Gott lässt uns nicht im Stich. Gott kämpft mit uns darum, dass unser Leben von ihm bestimmt wird und nicht von den Suchtstrukturen um uns herum. Vertrauen wir uns ihm an und hoffen wir dass die Liebe sich letztendlich durchsetzt und den Hass und die Abhängigkeit überwindet.

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