Gott kommt uns entgegen

Liebe Volkstrauertagsgemeinde,

wir denken heute an die Opfer. V.a. an die Opfer der beiden Weltkriege, aber auch an die Opfer heute. Die Opfer von Krieg, Katastrophen, Hunger, Armut, Krankheit, Terror, Bürgerkrieg. Oft sind es die ersten Bilder in der Tagesschau, die davon berichten. Wir erschrecken, wir schauen vielleicht noch den Brennpunkt an, wir spenden vielleicht, aber allmählich kommt die Normalität zurück und das muss ja auch so sein.

Heute allerdings öffnet sich ein Fenster. Das Fenster der Verwundbarkeit unserer Seele. Heute können wir ein wenig innehalten bei unserem Erschrecken, bei unserer Trauer, auch bei unserer Angst, dass uns treffen könnte, was andere getroffen hat.

Wir stellen uns heute dieser dunklen Seite der Welt, weil sie ja da ist und wirkt. Die dunkle Seite, Ursache unseres Erschreckens und unserer Trauer, braucht einen Ort und einen Rahmen, damit wir damit umgehen können und ihre Wirkung begrenzt ist.

Gottesdienst zu feiern ist ein sehr guter Rahmen dafür, denn die dunkle Seite ist eingebettet in den, der sprach „Es werde Licht!“ – und es ward Licht.

Ich habe mir in dieser Woche einen Soldaten im Schützengraben vorgestellt. Ein junger Mann, der sich fragt, in was für eine Welt er da geraten ist. Der gut nachvollziehen, wieso diese Welt als Jammertal bezeichnet wurde. Und der sich sehnt nach einem Ort, der wirklich Heimat wäre.

Dieser junge Mann, vielleicht einer der Soldaten aus Messel, er sehnt sich sicher zurück in das sichere Messel, in seine Heimat. Aber noch mehr sehnt er sich nach einem Ort, an dem wir mehr sind als Gäste und Fremdlinge, nach einem Ort, an dem das Leben gelingt, die Beziehungen stimmen und Menschen ihre Fähigkeiten entwickeln und einbringen können, all ihre geistigen, geistlichen, seelischen und körperlichen Fähigkeiten. Wo Menschen wirklich Bilder Gottes sind, weil auf ihrem Antlitz ein Licht leuchtet, das Barmherzigkeit und Sanftmut, Frieden und Gerechtigkeit verspricht.

Diesem jungen Soldaten im Schützengraben würde ich gerne ein Wort aus der Bibel zusagen.

Als Predigttext für den heutigen Volkstrauertag lese ich uns aus 2. Korinther 5,6-9:

[TEXT]

Es ist uns klar: Solange wir dieses Leben leben, sind wir weit weg von Christus in der Fremde. Wir sind aber trotzdem zuversichtlich. Denn jetzt leben wir unser Leben voll Vertrauen auf Gott und sehen das Heil noch nicht. Aber gerade weil wir zuversichtlich sind, würden wir lieber dieses Leben verlassen, um bei Christus daheim zu sein. Diese Zuversicht aber ist es, auf Grund der wir uns nicht von dem Eindruck der Fremdheit bestimmen lassen, sondern alles daran setzen, Christus zu gefallen.

Wir sind in der Fremde. Unser ganzes Leben lang sind wir nicht wirklich zuhause. Unsere wirkliche Heimat liegt im Himmel. Unsere wirkliche Heimat liegt in der Zukunft und kommt uns entgegen, weil Gott uns entgegenkommt. Unsere wirkliche Heimat liegt aber auch über uns und um uns herum und in uns: sie ist der Ort, wo wirkliches Leben schon manchmal ansatzweise gelingt, wo ein Stück Himmel auf Erden ist.

Frühere Generationen von Christen haben diese Welt als Jammertal bezeichnet. Diese wurde von vielen als Vertröstung auf das Jenseits kritisiert. Man sagte: wir müssen doch hier auf der Erde schon für bessere Verhältnisse sorgen. Deshalb ist die Rede vom Jammertal in Verruf geraten. Leider, denn ich finde, wir können dem einiges abgewinnen.

Als wir im letzten Jahr unseren Singegottesdienst zwischen den Jahren in Dieburg hatten, hat Pfarrer Stocklossa eine schöne jugendgemäße Liedpredigt zum Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ gehalten. Leider blieb dann keine Zeit mehr für die letzte Strophe. Deshalb lassen Sie uns einmal diese Strophe singen 30,4 …

Die Welt ist ein Jammertal – und es wartet auf uns der Freudensaal. Hier sind wir fremd – dort ist die Heimat, die himmlische Heimat.

Der Soldat im Schützengraben hätte dem zustimmen können, zumindest dem Teil, dass die Welt ein Jammertal ist, dass wir in einer sehr fremdartigen Welt leben, dass diese kalte und brutale Welt uns nicht wirklich Heimat ist.

Und viele andere können dem zustimmen: das hungernde Kind im südlichen Sudan, in dem es seit vielen Jahren einen Bürgerkrieg gibt und die vorwiegend christlichen Stämme vom islamistischen Staat bekämpft werden. Die illegalen Einwanderer bei uns, die vom sozialen Netz nicht aufgefangen werden. Die, die nach einer unfreundlichen Schulsituation in eine Familiensituation kommen, in der keine freundliche Atmosphäre herrscht. Die, die ein schlechtes Klima am Arbeitsplatz haben und zuhause zuviel Streit haben. Die, die zuwenig Freunde haben und nicht fähig sind, auf andere zuzugehen. Die, die ein schönes Haus, ein gediegenes Auto und genug Geld haben, aber irgendwie vergessen haben, ihre Seele, ihre Beziehungen, ihren Geist zu entwickeln und reifen zu lassen.

Liebe Volkstrauertagsgemeinde, auch wir nach 57 Jahren Frieden und mit viel Wohlstand, auch wir können dieses Bild „Jammertal“ gut verstehen. Unser Problem ist, dass unsere Welt so geistlos geworden ist, so ohne Erbarmen, weil zu sehr der Glaube an Gott sich verflüchtigt hat.

Noch nie waren unsere Literatur und unsere Filme so resigniert und depressiv wie in der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem wir richtig in Wohlstand leben, scheint die Hoffnung sich sehr verflüchtigt zu haben. Zwar gibt es heute auch wieder viele Filme mit Happy End, aber in den Fernsehkrimis wird unsere Gesellschaft als sehr brutal und zynisch beschrieben. Ein Beispiel: Ich lese gerade Krimis von Hakan Nesser, einem sehr guten schwedischen Autor. In „Das vierte Opfer“ wird der Täter, ein Mörder von drei Männern, mit sehr viel Sympathie und Verständnis beschrieben. Er rächt sich und seine Rache hat sehr viel Berechtigung. Als er seine Geschichte erzählt, beginnt er folgendermaßen: „Das Böse, das ist ein Prinzip, das nicht zu umgehen ist, so viel ist sicher. Das Prinzip, dem wir entgegensehen können, auf das wir uns als das absolute verlassen können, das ist das Böse. Das Gute ist nur eine Basis, ein Hintergrund für das Teuflische, um besser hervortreten zu können. Es ist schwer zu ertragen, alle Hoffnung fahren lassen zu müssen, alle diese Illusionen und Luftschlösser, die man anfangs aufgebaut hat.“ So schreibt ein Mann, der 1950 geboren wurde und den schwedischen Wohlfahrtsstaat erlebt hat.

Liebe Gottesdienstgemeinde am Volkstrauertag, das Bild vom Jammertal ermöglicht uns, das Schlimme wahrzunehmen – und doch nicht das Schlimme für das Letzte und Grundlegende zu halten. Es gibt etwas, was dahinter liegt. Nach dem Jammertal wartet auf uns der Freudensaal. Und er beginnt schon jetzt, denn die göttliche Welt bricht immer wieder in unsere Welt ein. Wir müssen nur Herzen und Sinne öffnen dafür.

Liebe Gemeinde, dass wir hier fremd sind, heißt ja eben nicht, dass wir keine Heimat haben. Unsere Heimat ist eben nur nicht hier, sondern dort, woher wir stammten und wohin wir gehen. Unsere Heimat ist, wie wir sein werden, Menschen, auf deren Antlitz das göttliche Erbarmen liegt. Und wo wir sein werden und wie wir sein werden: das findet schon statt. Wir sind schon Bild Gottes und wir werden ihm gleichgestaltet. Das göttliche Erbarmen leuchtet über uns. Das Licht scheint mitten in der Finsternis.

Selbst zu Zeiten, als man diese Welt als sehr, sehr fremd empfand, zur Zeit der Gnosis im ersten und zweiten Jahrhundert, ist man davon ausgegangen, dass noch ein kleiner göttlicher Funke in der Tiefe der menschlichen Seele liegt und dass der Mensch Zugang finden kann zum göttlichen Licht.

Heute am Volkstrauertag denken wir an all die Toten, an all die Opfer damals und heute. Und wir vertrauen uns in unserer Trauer Gott an. Die Trauer ist nötig, um das Leben achten und würdigen zu können. Und mitten in unserer Trauer kommt uns Trost zu, göttlicher Trost.

Denn Gott kommt uns entgegen: Als unser Heil aus der Zukunft. Als unsere Heimat, der feste Boden unter unseren Füßen, die Nähe unserer Freunde, die Wurzeln, die mir Halt geben. Mitten in der Fremde erscheint uns Heimat, mitten in der Trauer erscheint uns Trost, mitten in der Dunkelheit ein göttliches Licht – diese Erfahrung wünsche ich uns.

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