Gott ist nahe

Liebe Gemeinde,

es war am Heiligabend in der Christvesper um 17 Uhr. Die Gottesdienstbesucher waren gebeten, nach vorn zu treten und eine Kerze für einen Menschen oder ein Ereignis in der Welt in einem stillen oder laut gesprochenem Gebet an der Altarkerze anzuzünden. Mucksmäuschen still war es in der proppenvollen Kirche, als Regina vortrat. Sie sagte: "Ich zünde diese Kerze an für meinen Bruder Walter, der durch meine Schuld nun im Krankenhaus liegt"! Vielen von uns standen Tränen in den Augen. Alle bekräftigten wir Ihr Gebet und sangen: "Herr, erbarme dich!" Wir spürten für einen kleinen Augenblick ganz fest Gottes Nähe. Die persönlichen Gebete taten uns alle gut.

Da gibt es einen Menschen, der betet für mich. Ich bin geborgen in der Liebe und dem Verständnis eines anderen. Er vertraut mich der Fürsorge Christi an. Das gibt ein wenig Kraft. Das gibt uns einen Vorgeschmack auf die Wiederkunft Jesu. Dann werden wir endgültig in der Liebe und Güte Gottes geborgen sein.

Wir rechnen nicht mit dem Kommen Jesu. Wir haben uns als Christen und auch als Kirche in dieser Welt eingerichtet. Der Alltag und die Weltereignisse holen uns schnell ein. Weltende und Wiederkunft Christi verbinden viele mit Zerstörung und Gewalt. Was jetzt weltweit mit Terroranschlägen wie am 11. September letzten Jahres, Bombenattentaten jeder Art geschieht, seien Zeichen der Endzeit.

Im Vers 2 bittet der Schreiber die Empfänger seines Briefes um ihr Gebet für ihn und sie : "Bittet Gott auch darum, dass er uns vor den Angriffen all der niederträchtigen und böswilligen Menschen schützt, die vom Glauben einfach nichts wissen wollen."

Es ist müßig, nach Zeichen des Weltendes zu suchen. Es gibt unendliche viele Verbrechen von Zerstörung und Völkermord in der Geschichte der Menschen. Sie wird es auch noch weiterhin geben.

Blicken wir auf unser eigenes Leben und unseren Glauben, wie wir geborgen und gehalten sind. Dann können wir uns vielleicht den zerstörerischen Kräften des Lebens und damit auch des Glaubens entgegenstellen.

Unser Leben geschieht innerhalb der Geschichte der Welt zu einer bestimmten kurzen Zeit zwischen Werden und Vergehen, geboren werden und sterben. Unser Glaube an Jesus Christus, seinem Wiederkommen und an die Auferstehung zum ewigen Leben ist ständig bedroht. Es hindert uns zu glauben, wenn schweres und dazu noch völlig sinnloses Leid uns oder andere trifft. Das kann niemals ein Friedensakt sein, wenn spielende Kinder auf offener Straße erschossen werden. Das ist nicht gerecht und macht keinen Sinn, wenn Mutter oder Vater von unter Drogen oder Alkohol stehenden jugendlichen Autofahrern umgenietet werden. Wo ist denn Gott gewesen, fragen wir immer wieder neu. Es ist gut, so zu fragen.

Was wäre das für ein Gott, den ich in meiner Not nicht auch in Frage stellen dürfte. Was wäre das für ein Glaube, der fraglos und selig lächelnd Leid jeder Art im eigenen oder fremden Leben wegsteckt? Die Verletzungen würden zusätzlich noch tiefer. Ein solcher Glaube würde uns verhöhnen.

Wir leiden allezeit. Auch dann, wenn nach außen alles so sonnig und fröhlich aussieht. Auch in diesem Sommer werden sich wieder Kinder und Jugendliche selbst töten, weil sie sich mit den schlechten Zeugnisnoten nicht nach Hause wagen. Schon endeten bereits Fahrten in den Urlaub für viele Menschen auf den Straßen tödlich. Das greift unser Vertrauen in Gottes Treue und Bewahrung vor dem Bösen, wie es Vers 3 sagt, erheblich an.

Wenn wir an Gottes gute Nähe verzweifeln, dann müssen wir es ihm auch sagen können. Zu fragen: "Warum lässt Gott das zu?" ist noch viel zu unverbindlich. Wir müssen ihn direkt fragen: "Warum lässt du das zu? Wie soll ich damit weiterleben? Wie können wir noch an deine Gerechtigkeit glauben, wenn wir das sinnlose Morden um des behaupteten Friedens Willen erleben?"

Es gibt keine schnelle Antworten. Es gibt auch keine allgemeingültige Antworten.

Das gibt mir ein wenig Kraft, Mut und Trost, wenn dann jemand zu mir sagt: "Ich bete für dich! Ich denke an dich!" Ich weiß mich dann vom Gebet der anderen getragen und spüre durch sie, dass Gott mich in der Not nicht im Stich lässt. Er hat Gedanken des Friedens und nicht Leidens mit uns. (# Jer 29,11)

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Durch das Gebet der anderen weiß ich, Gott nimmt mich in meiner Verzweiflung, meinem Fragen und Suchen ernst. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Mein Leben und Schicksal ist ihm wichtig. Mit Jesus kommt er in unser Leben hinein. Wir dürfen vertrauen, dass er uns durch Christus in unserem Alltag festhält, ermutigt und tröstet.

Im Gebet der anderen für mich und diese Welt weiß ich nun, dass Gott will, dass wir leben und nichts anderes. Das ist das Evangelium, das sich um die Welt verbreiten soll. Es soll nirgends wo auf der Erde einen Menschen ohne Hoffnung geben.

Wenn das so ist, will ich mehr von diesem guten Wort hören. Aber bitte die wichtigsten Worte: Jesu Auferstehung hält den Tod als vorläufiges Ereignis unseres Sterbens in Schach. Der Tod ist besiegt. Sein unaufhörliches Wüten ist durch seine Auferstehung von den Toten begrenztes Wüten geworden. Das darf ich glauben und mich damit trösten.

Glauben bemisst sich nicht darin, wie viel und wie oft ich in den Gottesdienst gehe. Er benötigt vielmehr immer wieder das frische lebendige Wasser des Wortes Gottes von Jesus Christus. Das singen wir hartnäckig jährlich zu Weihnachten: Gott ist Mensch dir Mensch zugute geworden. Er ist schon längst aus seinem Himmel herausgestiegen und lebt an unserer Seite. Im erbetenen Gebet für uns und andere wird uns seine Nähe bewusst und sichtbar.

Wie alles Lebendige vom Wasser lebt, so lebt auch der Glaube vom Wort Gottes. Jesus Christus ist lebendiges Wasser, das die trockensten Wüsten unseres Lebens blühen lässt. Wir müssen nur trinken. (# Joh 4,14)

"…wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt."

Was unseren Glauben bedroht ist unsere eigene Trägheit und Gleichgültigkeit. Mit der Kirche kann ich auch nicht so ganz viel anfangen. Die Bibel zu lesen muss ich mich auch entschließen. Auch für das Gebet außerhalb meiner Notzeiten muss ich mich bewusst entscheiden. Aber darum geht es nicht. Sondern ich benötige das tröstende, tragende und ermutigende Wort Gottes, dass ich bei ihm ohne Ende geliebt bin und lieben kann. Ohne sein gutes Wort werde ich innerlich austrocknen. Das spüre ich.

Ich brauche trotz aller Unterschiede zwischen uns Christen die Gewissheit, dass andere Menschen mich mit ihrem Gebet begleiten und tragen. Es geht nicht um die gute oder schlechte Predigt. Es geht auch nicht um die veralterten Traditionen oder modernen Gottesdienste. Gott selbst bringt sich uns in den vielfältigsten Weisen und Formen unserer Gottesdienste, unabhängig von unserem Urteil darüber, zur Sprache bringt. Der Glaube ist nicht abhängig von uns selbst, den Pfarrern, der Kirche, den Predigern oder sonst wen. Er ist Gottes Geschenk. Viele von uns erfahren das besonders nah im Gebet.

Gott bindet sich nicht an unser Gebet, ob er uns nahe sein will oder nicht. Das Gebet, der Gottesdienst, die Hand zur Versöhnung, die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen machen mir sichtbar und wieder bewusst, Gott ist nahe, er ist verdammt nahe. Darüber bin ich sehr froh.

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