Gott ist Mensch geworden

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern!
Ein neues Jahr hat begonnen. Wohin werden wir gehen? Wohin wird es uns bringen? Ich lasse mich von Jesus daran erinnern, was mein Leben ausmacht, mich hält, mich bindet: der sonntägliche Gottesdienst, das Hören auf Gottes Wort und die Zusage seiner Nähe. "Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters Haus ist?" Hier kann ich mich bergen, hier bin ich geborgen.

Der 2. Sonntag nach Weihnachten steht noch ganz im Zeichen der Weihnachtsbotschaft. Morgen ist Heilige Drei Könige. Und zugleich ist dieser Sonntag der erste Sonntag im Neuen Jahr. Die Sehnsucht nach Frieden im Kleinen wie im Großen, nach Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, dieses Sehnen bleibt bestehen und ist vielleicht bedrängender als je. Wie kann da die `rettungsversprechende, heilversprechende, frohe Botschaft´ ausgerechnet von dieser Geschichte des 12jährigen Jesu im Tempel ausgehen?

Gott ist Mensch geworden. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus, um unser Menschsein zu verstehen. Er kennt das Ausgeliefertsein an Behörden, die Menschen von einem Ort zum andern schicken, nur um ein Stück Papier ausgefüllt zu bekommen. Er wird im letzten Loch geboren. Seine Wiege ist ein Futtertrog. Schon bald nach seiner Geburt wird seine Familie fliehen müssen. Er weiß, was Flucht und Vertreibung heißt. Er kennt das Elend des Fremden, der als Asylant aufwächst. Er weiß, wie es ist, wieder von vorne anzufangen, wenn das Handwerk am Boden liegt, und die Werkstatt neu eingerichtet werden muss. Gott ist Mensch geworden. Und zur Menschlichkeit Jesu gehört auch, dass er ein Jugendlicher war, der herumtollte, darüber seine Eltern vergaß, den seine Mutter nicht verstehen konnte. Gott ist wirklich Mensch geworden. Was die Geschichte vom 12jährigen aber darüber hinaus erzählt, ist, dass seine Eltern fromme Menschen waren, die mit ihrem Kind den Glauben praktizierten, den Glauben lebten. Sie nehmen ihren Sohn Jesus mit in den Gottesdienst. Gott ist Mensch geworden. Was mag dem Menschen Jesus als Kind Halt gegeben habe im Auf und Ab seines Lebens. Ich denke, es waren zwei Dinge: das verlässliche Elternhaus, die Fürsorge von Vater und Mutter und das Wissen um ein ganz anderes Zuhause, sich geborgen wissen beim Vater im Himmel, dessen Namen heißt "Jahwe" oder übersetzt "Ich bin für dich da!" Und diese Erfahrung macht Jesus im Tempel: "Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Ich muss sein im Haus meines Vaters! Ich muss heute zum Gottesdienst. Dieses "Muss" kann viele Gründe haben: Hierher fliehe ich, um der häuslichen Enge und den alltäglichen Sorgen zu entfliehen. Hierher fliehe ich, um endlich zur Ruhe zu kommen in der Hektik dieser Zeit. Hierher fliehe ich, weil ich hier ein Wort höre, das mich weiterführt. Ich höre Gottes Zusage: Du bist mein Kind, das ich liebe, das ich begleite. Ich bin dein einziger Trost im Leben und im Sterben. Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein für andere.

Ich muss sein im Haus meines Vaters! Ich muss heute zum Gottesdienst. Dass ich, dass Sie heute hier in diesem Gottesdienst sind, hat eine sehr persönliche Geschichte, und diese Geschichte ist immer auch die Geschichte von Menschen, die uns an der Hand genommen haben, um uns zum Gottesdienst, in die "Kersch", mitzunehmen. Und merkwürdigerweise sind es gerade diese Menschen, die – auch wenn sie schon lange tot sind – stille Begleiter geworden sind auf dem Weg durch unsere Lebenszeit. Dass ich, dass Sie heute hier in diesem Gottesdienst sind, hat auch mit Ereignissen und vielleicht Schicksalsschlägen zu tun, die zeigen, dass – wie einer einmal gesagt hat: Gott schreibt auf krumme Linien. Aber es gilt die Erfahrung: Ich muss sein im Haus meines Vaters, weil ich hier geborgen bin auf meinem Lebensweg, und dass der Gottesdienst mir Tankstelle ist, um Sprit zu kriegen für den Alltag. Ich weiß, dass der Gottesdienst für mich Dankstelle ist, weil ich auch Grund habe, Gott für Hilfe und Bewahrung zu danken. Und ich weiß sehr wohl, dass der Gottesdienst auch Denkstelle ist, um nachzudenken über Gottes Wort und sein Wort neu zu bedenken, damit mein Leben Ziel und Richtung hat, bis ich gehen muss zu meinem letzten und geliebten Vaterhaus – bei IHM.

Die Bibel kennt nur eine Geschichte Jesu aus seiner Jugend, und auch diese Geschichte ist gekennzeichnet vom Motiv des Nichtverstehens:

Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

Dass zwischen Eltern und Jugendlichen, zwischen Jugendlichen und Erziehenden oft ein Nichtverstehen ist, dass Missverständnisse gibt und oft auch ein willentliches Missverstehen, das ist alltägliche Wirklichkeit. Dass auch wir als Gottesdienstbesucher von Menschen nicht verstanden werden, ja dass der Besuch des Gottesdienstes vielleicht sogar mit Häme bedacht wird, wissen wir aus eigener Erfahrung. Wie sollen uns aber andere verstehen, da sie unseren festen Standort in dieser Welt nicht kennen, dass wir uns eben gehalten wissen von Gott. Lothar Zenetti hat dazu einmal ein schönes Wortspiel erfunden: Wenn du mich fragst, was ich von Gott halte, so antworte ich, dass er zu mir hält. Und wenn du fragst, wer Gott für mich ist, so sage ich, dass er für mich da ist.

Gott ist Mensch geworden. Und dazu gehört auch seine Jugendzeit, in dem er seinen Weg gefunden hat. Auch zum eigenen Erwachsenwerden gehört es zu wissen, dass du bei Gott zuhause bist, denn die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus will ja keine vergangene Geschichte sein, sondern zielt ja darauf, dass wir alle Kinder Gottes werden, die in der Gemeinschaft mit Gott wirklich leben, dass wir aus dem Worte Gottes leben und mit dem Wort Gottes leben.

1. Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

2. Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

3. Der Anker haft‘ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

4. Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

5. Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

6. danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.

Wir feiern Gottesdienst. Wir feiern Gottes Dienst, weil Gott Mensch wird in Jesus Christus, der mit uns gehen will in das Neue Jahr, das eben auch ein Jahr des Herrn sein will, in dem er uns trägt. Und wir werden es uns immer wieder neu erzählen lassen müssen: ER ist da. Wo wir verlieren, irren, suchen, reden und handeln, geht er mit – "dir zur Seite, still und unerkannt, dass er treu dich leite" …

Ich will enden mit einem Text von Peter Karner: Gott ist für dich Mensch geworden!

Wenn Gott einem Menschen begegnet, so wird dieser Mensch sein Herz entdecken, er wird liebevoll sein und voller Zärtlichkeit, und er wird ganz behutsam sein im Umgang mit anderen. Aber das wissen wir ja aus eigener Erfahrung, und deshalb feiern wir so gerne Weihnachten! … … weil wir dann endlich wieder wir selber sein können, und so unsere Entfremdung und Uneigentlichkeit überwinden. Es muss, scheint’s, immer erst Weihnachten werden, dass eine Welle von Liebe und Zärtlichkeit um die Welt geht. Das Jesusbaby schafft es eben, uns zu verzaubern. Aber was ist, wenn es älter wird und zum Manne heranreift? Ist es dann aus mit der Liebe, der Begeisterung, geschweige denn der Zärtlichkeit? Wenn ja, dann wird Weihnachten allerdings zu einem faulen Zauber: Wenn wir nämlich so tun, als wäre der Sohn Gottes ein ewiges Baby, ein Baby also, das nicht wachsen darf, damit es alle Jahre wieder hübsch in die Krippe passt. Es ist beglückend zu wissen, dass der Gottessohn keine kitschige Weihnachtspuppe ist, sondern ein Partner für jedes Lebensalter: Kinder, mit dem 6jährigen Jesus hättet ihr sicher wunderbar spielen können, und zusammen mit dem 12jährigen hättet ihr durch pfiffige Fragen eure Lehrer auf die Probe gestellt. Mit dem 30jährigen könnte man die Tische der Etablierten umschmeißen und ihnen engagiert entgegenschleudern: Ich aber sage euch…! Jesus muss ein wunderbarer Freund gewesen sein… Jetzt sind es bald 2000 Jahre, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde. Vielleicht darf er im kommenden Jahr endlich seine Krippe verlassen und uns in vielerlei Rollen und Menschen nahe sein: als Spielkamerad, als Freund, als Genosse, als Partner, ja als Geliebter! Es steht ja schließlich nirgends geschrieben, dass nur ein Baby Zärtlichkeit erwecken darf. ( Peter Karner, das Lächeln, das aus der Krippe kam; Evangelischer Presseverband in Österreich, Wien 2000 Seite 63. 64f., WPL 11/2002 ).

drucken