Gott gibt sich zu erkennen

Liebe Gemeinde!

„In den nächsten Tagen werden neue Anschläge befürchtet" lese ich und weiter auf der gleichen Seite der Zeitung: „Bomben fallen auf Afghanistan: stärkste Angriffe seit Beginn der Bombardements." Es sind diese Meldungen, die uns in den letzten Wochen ständig in Atem halten. Die Angst vor einem neuen Krieg geht um. Alte Menschen fühlen sich an die längst vergangen geglaubte Zeiten erinnert. Auch damals fing alles mit einem einigen schnellen militärischen Aktionen an.

Wohl selten zuvor ist uns bewusst geworden, wie zerbrechlich und angreifbar unser Gesellschaftssystem ist. Jetzt richtige Antworten zu finden, ist unendlich schwer. Allein die Frage nach dem Entstehen des Terrors lässt sich kaum mit einfachen Aussagen beantworten. Was ist das für eine Welt, in der die Menschenverachtung solche Ausmaße angenommen hat? Wir ahnen, dass uns einzelnen die Hände gebunden sind, wenn es darum geht in die große Politik einzugreifen. Das können wohl wirklich nur andere. Aber dazu beitragen, dass ein Klima entsteht, in dem der Hass keine Chance hat, dazu ist jede und jeder einzelne aufgerufen. Ich glaube bestimmt, dass es Auswirkungen haben wird, wenn viele Menschen sich nicht klein kriegen lassen, sondern sich leiten lassen von dem Willen zum friedlichen Umgang miteinander.

Unser heutiger Predigttext spricht mitten hinein in diese Gedanken, weil er so etwas bietet wie das Grundgesetz zum friedlichen Zusammenleben. Er stellt uns den Gott vor Augen, an dem sich unser Leben ausrichten kann, ganz konkret im Handeln ihm gegenüber und gegenüber unseren Mitmenschen. In diesem Text macht sich Gott bekannt und stellt uns vor, was er sich von uns wünscht. Wenn alle Menschen sich danach richten würden, dann gäbe es in dieser Welt weder Hass noch Gegengewalt, dann würde niemand auf die Idee kommen mit entführten Flugzeugen tausende von Menschen zu töten oder mit hochmodernen Waffen ein Land zu bombardieren, das schon ganz am Boden liegt.

Besinnen wir uns also gemeinsam auf einen Grundtext unserer Menschheit, der sowohl Juden wie auch uns Christen und im Wesentlichen auch Moslems vereint. Im 20. Kapitel des 2. Mosebuches heißt es:

[TEXT]

Die zehn Gebote, liebe Gemeinde, sind die große Freiheit, die Gott seinen Menschen gibt. Das mag sich ungewohnt anhören. Werden doch die Gebote oft erlebt als etwas, das die Freiheit einengt. Viele Menschen empfinden es als eine Bevormundung, wenn ihnen gesagt wird, wie sie sich verhalten sollen. Allerdings braucht jede persönlich Freiheit auch so etwas wie Richtlinien, die einen Raum zeigen, in dem man sich bewegen kann. Keine menschliche Gesellschaft kommt deswegen ohne Gesetze aus. Die Gebote allerdings sind mehr als Gesetze. Sie sind Gottes Angebote an seine Menschen, es mit seiner Freiheit zu probieren. Sie stecken den Rahmen ab, in dem menschliches Leben gelingen kann.

Zu allererst sind die Gebote aber eine Richtschnur, um klar zu kommen mit dem Gott, der seine Menschen in diese ungeheure Freiheit entlässt. Dieser Gott ist nämlich kaum fassbar und nicht festzulegen. Es ist ein Gott, der von seinen Menschen nicht erwartet, dass sie sich unterwerfen, nicht vor ihm in die Knie gehen, sich nicht vor ihm auf den Boden werfen. Es ist ein Gott, der von sich sagt, der Mensch sei sein Ebenbild, ihm ebenbürtig, ihm gewachsen. Das kann Gott seinen Menschen aber nur zumuten, wenn diese ihren Gott ernst nehmen und ihn Gott sein lassen. Dieser lebendige Gott entzieht sich seinen Menschen, er hat keinen Namen, lässt sich auch nicht abbilden oder sonst in irgendwelche Bilder festlegen. Dieser Gott tritt seinen Menschen entgegen und sagt: ich bin der Herr. Er ist es, der Welt in seinen Händen hält und sich gleichzeitig auf seine Menschen eingeht, der sich um uns sorgt. In Sorge um die Menschen hat er die zehn Gebote gegeben, damit Menschen sich nicht verlieren.

Jesus hat gesagt als er gefragt wurde, welches das wichtigste Gebot sei: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist für mich die kürzeste Zusammenfassung der zehn Gebote. Genau das wird ja in den Geboten näher ausgeführt, wie es gelingen kann, Gott den größten Stellenwert im Leben zu geben und deshalb eben auch der Liebe zu den Mitmenschen. Gottes Hingabe an die Menschen, sie wird ganz konkret da zu fassen, wo Menschen sich an diesen Geboten ausrichten. Gott bekommt Gestalt, wo Menschen sich an seine Regeln halten. Und insofern gibt es in meinen Augen auch ein ganz gutes Erkennungszeichen dafür, ob Menschen wirklich sich auf Gott berufen können für ihr Tun oder nicht.

Überall, wo dazu aufgerufen wird, andere Menschen zu töten oder wo Menschenopfer in Kauf genommen werden aufgrund von kriegerischen Mitteln, da wird Gottes Gebot mit Füßen getreten, in dem es heißt: du sollst nicht töten. Und da ist es egal, ob jemand das aus Hass auf die westliche Welt tut oder ob das getan wird um die westliche Freiheit zu verteidigen. In meinen Augen gibt es da keinen Unterschied zwischen gerechtfertigtem Töten und nicht gerechtfertigtem Töten. Es bleibt für Gott ein Gräuel, wenn Menschen sich so etwas antun.

Dieser Gott des Lebens hat etwas anderes im Sinn mit dieser Welt und stellt sich deshalb vor als einer, der sein Volk Israel befreit hat. Befreit aus der Sklaverei und der Gefangenschaft damals in Ägypten. Die Freiheit, in die er damals sein Volk Israel geführt hat, ist jederzeit bedroht. Sie kann verloren gehen, wenn Menschen sich von anderen Göttern abhängig machen. Damals waren es vielleicht Götzenbilder, heute heißen diese Götzen Geld oder Auto, sie heißen Karriere oder Sicherheit durch Waffen, sie heißen Eigenheim oder Dax und Dow Jones. Jedenfalls besteht die Gefahr, dass Menschen sich an solche Götzen verlieren und ihr Leben davon abhängig machen. Denn all diese Dinge sind an sich nicht schlecht. Nur in dem Moment, wo Menschen sich von ihnen abhängig machen, ihr ganzes Leben in deren Dienst stellen, da können diese Dinge zu Götzen werden. Wie Luther einmal gesagt hat: woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Der Gott Israels, der auch unser Gott ist, der will uns davor bewahren, dass wir uns verlieren. Deshalb sein Angebot: habt keine anderen Götter außer mir. Denn er ist der einzige, der seine Menschen nicht zu Sklaven macht, nicht erwartet, dass wir uns klein machen vor ihm, sondern in seinem Schatten vielmehr zu unseren eigentlichen Bestimmung finden: wir sollen freie und aufrechte Menschen sein, die Mut und Kraft haben, im Frieden miteinander zu leben.

Darum auch das Gebot, sich nicht von der Arbeit knechten zu lassen, sondern so frei zu sein, an einem tag in der Woche alle Arbeit ruhen zu lassen. Darum auch sein Wunsch, dass erwachsene Menschen ihre alten Eltern ehren und ihnen die Würde belassen, die sie verdient haben, weil durch sie das Leben weitergegeben wurde. Und darum auch die Gebote, die bis heute Grundlage fast aller Gesetze dieser Welt sind: dass wir uns nicht töten, nicht bestehlen, uns die Ehepartner nicht gegenseitig wegnehmen und nicht über andere Menschen lügen sollen. Gerade diese Gebote sind auch ein Ausdruck dafür, wie ernst wir den Gott des Lebens nehmen. Er hat uns große Freiräume gelassen und schenkt sie uns jeden Tag. Er hat uns aber auch Grenzen gesetzt, die einzuhalten nicht nur klug ist, sondern vor allem davor bewahrt, dass unsere Welt in einen Abgrund stürzt.

Es ist das Mindeste, was jede und jeder in dieser angespannten Situation tun kann, um neue Gewalt zu vermeiden, dass wir uns von Gottes Willen ansprechen lassen. Besinnen wir uns auf seine Worte, die Angebote zum Leben sind. Besinnen wir uns gemeinsam mit allen, die den einen Gott des Lebens verehren, mit Juden und Moslems gemeinsam. Allein darin liegt für mich die Kraft, die diese Welt verändern kann. Auch heute noch, so lange Zeit nachdem die Gebote zum ersten Mal aufgeschrieben wurden. Gottes Wunsch für diese Welt und sein Wunsch an uns ganz persönlich, lässt sich an allen zehn Fingern ablesen.

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