Gott geht mit uns!

Liebe Gemeinde,

manchmal fühlen wir uns wie ein mutterloses Kind. Wir sind in die Welt hineingeworfen und müssen nun leben, ob wir wollen oder nicht. Von Anfang an wird uns beigebracht, verantwortlich zu sein. Erst für die Bauklötze und Unordnung im Kinderzimmer. Dann für die Noten im Zeugnis und schließlich an unserem Platz für uns selbst, für andere und manchmal auch für die Welt.

Niemand hat uns gefragt, ob wir überhaupt da sein wollen. Erst recht nicht, wenn wir der ersehnte Kinderwunsch unserer Eltern sind. Da nimmt es kaum Wunder, wenn Menschen sich jeder Verantwortung entziehen.

Tröstlich ist aus diesem Text zu hören, dass wir Menschen in unserer Verantwortung nicht allein sind. Gott geht mit uns mit. Er kennt uns schon, bevor wir überhaupt gezeugt waren. Er weiß, wie schwer uns unser Leben aufliegt.

Zuletzt hat sich Gott selbst in unser Leben aufgemacht. Er hat unsere Lasten mit uns geteilt. Er hat Hoffnung und Enttäuschung, Trauer und Tod erlitten. Er hat ein deutliches Zeichen dafür gesetzt, dass der Tod nicht das letzte Ereignis und Wort über unserem Leben ist. Gott kennt uns nicht nur vor unserem Leben. Er kennt uns auch noch nach unserem Leben. Er will, dass wir leben.

Das hat auch für unser Leben Folgen. Niemand braucht sich zu scheuen, die Verantwortung auf sich zu nehmen, die ihm abverlangt wird. Erst recht nicht, wenn das Zutrauen zu eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten fehlt. Wir dürfen uns im eigenen Reden und Tun der Nähe Gottes gewiss sein.

In dieser Gewissheit ist es möglich, wie es Dietrich Bonhoeffer tat und viele andere tun, gegen Unrecht und Unterdrückung einzusetzen. Darin liegt die Kraft, auch gegen die Gewalt von rechts Widerstand zu leisten.

Die Bibel erzählt über Jeremia hinaus von Menschen, die in der Gewissheit der Nähe Gottes viel Verantwortung für ihr Volk und darüber hinaus übernommen haben. Sie machten die Erfahrung, dass Gott nahe ist und die Kraft zum nächsten Schritt oder für eine besondere Aufgabe gegeben hat. Der Film über das Leben Dietrich Bonhoeffers läuft demnächst in den Kinos an. Bonhoeffer steht als Beispiel für die vielen ungenannten Menschen, die Verantwortung für die Welt übernommen haben.

Es erschreckt uns schon, wenn wir uns auf einmal in einer Aufgabe wiederfinden, die uns zu groß ist. Gründe, warum wir die Aufgabe nicht übernehmen können, fallen uns leicht ein. Jeremia schiebt seine Jugend vor. Oft aber ist es die selbst erlittene Not und die der anderen, die uns Verantwortung übernehmen lässt, der wir uns nicht gewachsen fühlen.

Gott lässt die Einwende nicht gelten. Sein Wort ist unabhängig von dem der es lebt und verkündigt. Er nimmt uns in seinen Dienst jenseits unserer Fähigkeiten. Sucht er sich doch in Jeremia den heraus, der reden soll und von sich behauptet, es nicht zu können. Sein Wort ist auch dann unabhängig von uns, wenn wir nicht dahinter stehen oder es manchmal sogar bekämpfen. Das musste der Apostel Paulus erfahren. Aus einem leidenschaftlichen Gegner der Christen wurde er zu einem ihrer brennendsten Befürworter.

Die Aufgabe und Verantwortung zielt nicht nur darauf, aufzubauen und einzupflanzen. Jeremia soll niederreißen und entwurzeln, zerstören und stürzen. Dietrich Bonhoeffer hat daraus keinen Grundsatz gemacht, wenn er sich daran beteiligte, den Tyrannen zu beseitigen. Diese Entscheidung fällte er ganz allein für sich selbst. Er wusste, dass er durch Nichtstun ebenso schuldig wird, wie durch etwas zu tun. Er war bereit, vor Gott dafür verantwortlich zu sein.

Manchmal geht dem Aufbauen und Einpflanzen das Niederreißen und Entwurzeln voraus, weil sonst kein Neuanfang möglich ist. Aber das kann auch kein ewig gültiger Grundsatz sein, sondern muss immer neu entschieden werden. Wir befinden uns mit diesen Gedanken auf der Grenze. Gott ist auch einer der zerstört, Unheil androht und geschehen lässt. Das ist unsere Erfahrung. Wir erfahren ihn aber gerade darin als den Gott, der will, dass wir leben. Davon erzählt Viktor E. Frankl in seinem Büchlein "Trotzdem JA zum Leben sagen".

In der größten Not erfahren wir auch noch Sinn und Trost von Gott her. Aber wir können das nicht als gültige Wahrheit den Menschen vor die Füße knallen. Es ist eine Erfahrung, die möglich wird, wenn wir Gott zutrauen, in unserer tiefsten Gottverlassenheit dennoch bei uns zu sein und uns zu halten.

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