Gott gab uns Atem

Liebe Gemeinde!
Heute ist der Sonntag Cantate. Cantate heißt: Singt. Es ist ein Sonntag, an dem ich immer besonders gern Gottesdienst halte, weil ich gerne singe, und weil ich gerne andere zum Singen bewegen will. Die Bibeltexte dieses Sonntags, die Lesungen und Predigttexte haben immer Inhalte, die etwas mit Singen zu tun
haben. Und dass ausgerechnet heute Nachmittag Gemeindesängerfest ist, passt hervorragend zu diesem Sonntag. Singen macht mir Spaß, und manchmal bin ich ganz enttäuscht, dass ich meine Freude am Singen so wenig meinen
Konfirmanden vermitteln kann. Im ersten Jahr sind sie noch motiviert zu singen. Im zweiten Unterrichtsjahr albern sie dabei herum. Und wenn ich dann manchmal denke: Die Leute heute singen nicht mehr – werde ich eines Besseren belehrt.

Am letzten Montag war ich mit meinem Mann in Bremen im Grönemeyerkonzert. Mehr als 40000 Menschen waren dort. Und ich kam aus dem Staunen nicht heraus, dass die Leute im Stadion sangen und sangen. Junge Leute, ältere Leute – Jedes Lied, das Herbert Grönemeyer zu singen anfing, wurde Wort für Wort von
Tausenden mitgesungen. Viele konnten alle Texte auswendig. Und ich klage über Singmüdigkeit …

Der heutige Predigttext will uns zeigen, warum wir Grund haben zu singen. Sie haben das zwar eben schon in der Evangeliumslesung gehört, aber ich will es noch einmal erzählen. (Anregung
aus: Der Kindergottesdienst 2/99)

Jesus zog mit seinen Jüngern durch Galiläa, das Land am See Genezareth. Sie kamen durch viele Städte und kleine
Dörfer. Überall, wo Jesus hinkam, warteten Menschen auf ihn, viele Menschen. Sie baten ihn um Hilfe. Viele von ihnen waren in großer Not, einsame, kranke, bekümmerte Menschen. Aber Jesus sah ihre Not. Er sah ihre Angst. Er tröstete sie und rief ihnen zu: „Kommt her zu mir, ihr müden, belasteten, ihr ängstlichen Menschen! Ich will euch stärken und aufbauen und will
euch Ruhe geben. Ich will euer Leben wieder zur Freude machen. Ihr sollt gern leben wollen. Das Leben ist nicht nur Sonnenschein. Das Leben ist auch viel harte Arbeit, viel Trauer und Leiden. Aber das Leben soll euch nicht so niederdrücken, wie das Joch die Ochsen niederdrückt, wenn sie den Pflug ziehen, der das Feld umgräbt. Die Ochsen müssen ein schweres Joch tragen. Ihr müsst das nicht, auch wenn andere euch sagen: Du musst stark sein, sei kein Angsthase, sei kein Schwächling – du darfst nicht versagen. Du musst Erfolg haben, in der Schule, im Beruf. Erfolglose gelten nichts. Du musst alles richtig machen, sonst mag dich keiner. Du musst dir von klein auf alles selbst erarbeiten. Dieses schwere Joch sollt ihr nicht tragen. Ich sage euch: Du darfst einfach sein, so wie du bist. Du darfst auch schwach sein, weil ich für dich da bin. Vor mir brauchst du deine Ängste nicht zu verstecken. Lebe jetzt. Suche deine Ziele nicht nur in den Sternen und Träumen. Fürchte dich nicht. Denn ich bin bei dir.

Und Jesus nahm den Menschen die Angst. Er sah ihr Leid. Ihr Schmerz tat ihm weh. Er redete ihnen gut zu oder legte seine Hand auf sie. Er heilte sie. Er brachte Heil dem Körper und der Seele. Manche Menschen hatten alle Hoffnung verloren. Sie sagten: Uns kann keiner mehr helfen. Gott hat uns vergessen. Aber Jesus sah ihre Not: Freut euch, rief er ihnen zu. Gott ist euch nah. Was früher einmal war, das zählt nicht mehr. Vergeben und vergessen. Ihr dürft ganz neu anfangen. Da wurden sie frei und spürten, wie die Lasten von ihnen fielen. Und viele vertrauten Jesus und konnten wieder
aufatmen.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. So heißt es im alten
Lutherdeutsch. Und bei Jörg Zink ist es so schön umschrieben: Kommt her zu mir alle, die ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last (die ihr seufzt unter harten Geboten und unter der Last eurer Schuld). Aufatmen sollt ihr und frei sein. Wer sehnt sich nicht danach, aufzuatmen und frei zu sein. Gerade wenn wir uns sehr belastet fühlen, wünschen wir es uns sehr, einmal aufatmen zu können. Weil viele Menschen in unserer Zeit sich belastet fühlen, gibt es viele Angebote, um sich etwas Gutes zu tun. Das Wort Wellness ist in aller Munde. Neulich erzählte eine Freundin begeistert von einem Wellness-Wochenende, das sie zusammen mit einer anderen Freundin gemacht hätte. In dem Hotel-Angebot waren Massagen, eine Kosmetikbehandlung, ein schönes Essen, Sauna, Eintritt zum Schwimmbad und eine gute Unterkunft. Nach dem Wochenende hatte sie wieder neue Kraft geschöpft.

Ich denke, es ist gut, wenn jeder für sich Angebote herausfindet und wahrnimmt, die zur eigenen Entspannung beitragen. Sie müssen ja nicht immer teuer sein. Manchmal tut es auch ein einfacher Spaziergang durch den Gristeder Rhododendronpark. Aber die Entlastung, die Jesus den Menschen anbietet, geht noch tiefer. Kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.

Ursprünglich sind mit diesem Satz wohl alle gemeint, die sich mit religiösen Vorschriften abplagen,
diejenigen, die den Glauben als Gesetz ansehen und alles richtig machen wollen. Das ist gar nicht mehr so sehr unser Thema heute. Aber unser Bemühen, allen Ansprüchen zu genügen, ist doch sehr groß. Wir wollen unseren eigenen Ansprüchen genügen und denen unserer Mitmenschen. Aber Jesus sagt uns: Wir müssen nicht alles im Griff haben, nicht alles wissen, machen, können, durchsetzen. Lebenswichtig ist, dass wir uns von ihm beschenken lassen und daraus leben. Bei ihm können wir Last abgeben,
loswerden. Daran glauben zu dürfen schafft Ruhe, Gelassenheit, Geduld. Wir müssen nicht in Angst leben, das Entscheidende zu verlieren. Christus schenkt es. Mühe und Arbeit und manche Last im Leben werden trotzdem bleiben. Aber sie müssen uns den Atem nicht nehmen.

Vielleicht ist der Sonntag Kantate nicht ein Sonntag für Sänger oder für Leute, denen nach Singen zumute ist. Vielleicht ist es eher ein Sonntag für solche, denen die Kehle eng wird und die Klage näher liegt als ein
Lobgesang, die sich aber danach sehnen, mit freiem Herzen loben und singen zu können. Herbert Grönemeyer hat nach dem Tod seiner Frau seinen Kummer in seinen Liedern herausgesungen, und viele Menschen, die Ähnliches erlebt haben, haben sich in diesen Liedern wiedergefunden. Die christlichen Lieder sind Ausdruck dafür, woraus wir Kraft schöpfen: Gott gab uns Atem, damit wir leben.

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