Gott erfahren

Liebe Gemeinde!

Was für eine Geschichte! Fern und nah zugleich, fremd und vertraut. So fern und fremd wie die riesigen Steinquader vom Palast des Königs Ahab, die wir noch heute in Samaria (bei Nablus) bestaunen können, und zugleich so nah und vertraut wie die Erfahrung von Verfolgung und Angst, von Erschrecken und Errettung, wie sie jedem von uns passieren könnte. So fern und nah zugleich ist uns Elia, der Prophet aus der frühen Königszeit in Israel, der leidenschaftlich gegen die Verwechslung des Gottes Israels mit den Baalen des Landes gestritten hat – und damit zu scheitern drohte. Worum es in diesem Streit ging, ahnen wir nur von ferne. Aber die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung des Propheten rührt uns unmittelbar an. Denn wer so wie er für den Anspruch Gottes auf sein Volk eintritt und eifert, kommt um Niederlagen und Verzweiflung nicht herum. Machen wir uns mit Elia auf den Weg! Begleiten wir ihn auf seinem Pilgerweg zum Gottesberg! Die entscheidenden Erfahrungen unseres Lebens muss man ja er-fahren bzw. erwandern. Wir gewinnen sie nur, solange wir unterwegs sind. Elia hat auf seinem Weg den lebendigen Gott erfahren. Das Evangelium von Jesus Christus verspricht uns, dass derselbe lebendige Gott uns in der Nachfolge Jesu Christi begegnet.

Die erste Station auf der Pilgerreise des Elia liegt eine Tagereise südlich von Beerscheba in der Wüste Negev. Dort verkriecht er sich erschöpft und todmüde unter einem Wacholderstrauch, der ihm dürftigen Schatten spendet. Der Eifer für den Gott Israels hat ihn verzehrt und aufgerieben. Im Kampf gegen Baal und seine Priester, die dem Volk Wohlstand, Fruchtbarkeit und Sicherheit versprachen, ist er zuletzt allein übrig geblieben. Die Propheten Jahwes, die das Volk an den Gottesbund vom Sinai und die zehn Gebote erinnerten, waren als Störenfriede umgebracht worden. Schließlich hatte die Königin Isebel dem Elia den Tod geschworen. So wird sein Pilgerweg zum Gottesberg eine Flucht. Er läuft um sein Leben. Er ist am Ende. Der Propheten-Auftrag ist ihm zu schwer geworden. Jetzt wünscht er sich den Tod. So schläft er ein mit dem Wunsch, nicht mehr aufwachen zu müssen. In der Wüste einschlafen – das könnte der Tod sein.

Aber gerade in dieser Gottverlassenheit kommt ihm der Gott Israels ganz nahe – wie einst dem Volk, als er es auf seinem Zug durch die Wüste mit Manna und Wachteln versorgte. Ein Bote Gottes rührt Elia an und weckt den Schlafenden: „Steh auf und iss!“ Als er seine Augen öffnet, stehen vor ihm ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Kein Traum, der narrt, sondern das Nötige zur rechten Zeit! Das berührt ihn tief. Im Schatten des Todes spürt er die Hand, die ihn zum Leben erweckt. In Brot und Wasser erfährt er den Zuspruch, der es mit seiner Verzweiflung aufnimmt. Dann schläft er noch einmal ein. Jetzt wird aus dem Todesschlaf ein Erholungsschlaf, der erfrischt. Als ihn der Bote Gottes noch einmal anrührt, um ihn zum Essen und Trinken einzuladen, da weiß er: Sein Pilgerweg zum Gottesberg wird gelingen. Mit der Kraft dieser wunderbaren Speise und dieses erquickenden Trankes wird er seinen Weg bewältigen – 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste! So geht er den Weg jener 40 Jahre zurück, den sein Volk vom Gottesberg bis ins gelobte Land gegangen war. 40 Tage und 40 Nächte ist auch Jesus in der Wüste – eine lange Zeit des Fastens und Betens und der Versuchung, um Klarheit über seinen Weg nach dem Willen Gottes zu finden.

Schließlich liegt der Gottesberg vor Elia – gewaltig und fremd – und doch vertraut aus der Geschichte seines Volkes. Überwältigend war hier einst die Begegnung Gottes mit seinem Volk. Unter Erdbeben, Donner und Blitz und Feuer war Gott einst gekommen, um mit seinem Volk den Bund zu schließen. So erzählt es die Geschichte von Mose, der seinem Volk die 10 Gebote überbrachte. Wenn Gott kommt, wie sollte sich der Mensch nicht fürchten? So verbirgt sich Elia in einer Höhle – und zittert und bangt vor der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Dort bleibt er über Nacht, bis ihn die Stimme Gottes herausruft: „Was machst du hier, Elia?“ Da klagt der Prophet noch einmal sein Leid: „Israel hat deinen Bund verlassen und deine Propheten getötet. Ich bin allein übrig geblieben.“ Aber seine Klage findet keine Antwort. Vielmehr fordert ihn die Stimme heraus, Trauer und Verzweiflung hinter sich zu lassen, um sich der Begegnung mit Gott zu stellen: „Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn!“ Da erhebt sich ein gewaltiger Sturm, ein Erdbeben erschüttert den Berg und Feuer fällt vom Himmel. Kommt Gott so? Sind das seine Machterweise? Begegnet er seinem Propheten so, um ihn anzurühren und aufzurichten? Nein – so heißt es in unserer Geschichte: Gott war nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Aber dann kommt ein stilles, sanftes Sausen – „die Stimme eines verschwebenden Schweigens“ (wie der jüdische Gelehrte Martin Buber übersetzt hat). Da wird auch Elia still; denn er weiß, jetzt ist die Stunde da, in der er hören soll, was ihm Gott sagt. Denn dessen Macht ist nicht gewalttätig und zerstörerisch wie Orkan, Erdbeben und Feuer, sondern eine leise Stimme, auf die ein Mensch hören muss, damit sie ihm Gewissheit und Kraft gibt. So schwach gibt sich Gott – wie eine leise Stimme, die man im Getöse der Machtkämpfe – um uns und in uns – überhören kann. Diese Stimme sucht das Ohr von Menschen, die erkannt haben, dass es mit ihrer eigenen Macht und Herrlichkeit nicht weit her ist, und sich nach der Kraft aus der Höhe ausstrecken. „Denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“, hat Paulus erkannt, als ihm der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus begegnete, um ihn in seinen Dienst zu nehmen. Als Elia diese leise Stimme hörte, verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel aus Furcht, den heiligen Gott zu sehen. Denn er weiß: Kein Mensch kann leben, der Gott von Angesicht zu Angesicht sieht. Wir Christen dürfen Gott unverhüllt ins Angesicht sehen – im leidenden und sterbenden Jesus am Kreuz. Da lässt er sich in seiner unendlichen Liebe anschauen und möchte, dass wir unser Herz erweichen und anrühren lassen zu neuem Leben. Elia darf zurückkehren ins Leben. Er hat nun wieder die Kraft und den Mut, den Mächtigen mit ihren falschen Göttern Widerstand zu leisten und für die Gerechtigkeit Gottes einzutreten. Er fürchtet den Tod nicht mehr und sehnt sich auch nicht mehr danach; denn als er seine Furcht und Klage, seinen Stolz und seine Kränkung vor Gott ablegte, war er wieder ganz gewiss, dass Gott mit ihm ist.

Was für eine Geschichte! Fern und nah zugleich. Vielleicht kann sie uns die Augen für unseren eigenen Weg öffnen.
– z.B. wenn wir Wegweisung brauchen, weil wir nicht weiter wissen;
– oder wenn uns jemand unvermutet erquickt, wie ein Schluck Wasser in der Mittagshitze der Wüste erquickt;
– oder wenn uns ein Wort hilft, den nächsten Schritt zu gehen.
– oder wenn wir in unserem Leben nach einem langen Weg an einen Berg kommen, dem wir nicht ausweichen können, sondern bewältigen und besteigen müssen, um über den Berg zu kommen.
– oder wenn der Sturm der Ereignisse über uns hinweggeht und an uns zerrt und wir vergeblich nach einem Sinn bzw. nach Gott suchen;
– oder wenn uns überraschend eine Stille umgibt, die uns nötigt, nach Gottes Wort für heute und morgen zu fragen. Dieses Wort ist leise – wie die Stimme Jesu zu seiner Zeit und heute leise ist. Dass es Macht hat, Menschen zu erneuern und Leben zu verändern, erfährt nur, wer sich dieser Stimme öffnet, auf sie hört und ihr gehorcht. Er wird erfahren, dass Gott mit seinem Wort aus dem Tod zu Leben erweckt.

Dieses Wort kommt zu uns auch in Brot und Wein in der Mahlgemeinschaft Jesu Christi, zu der wir (heute in Pottenstein) eingeladen sind. Die Boten Gottes sagen uns: „Steh auf, iss und trink! Du hast einen weiten Weg vor dir.“ Aber durch die Kraft dieser Speise wirst du ihn gehen können und dabei sollst du erfahren, dass Gott mit dir ist.

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