Gospelmeeting 2003

Liebe Gemeinde,

im Staat wie in der Kirche scheint es nur noch ein Thema zu geben: Finanznot, Stellenkürzungen, und Mittelknappheit. Alles in allem: Düstere Horizonte finden ihre Beschwörer. Um so mehr sind wir glücklich, dass wir heute an diesem Tag des Dankes an der Frische und der Fröhlichkeit, an der Glaubenstiefe und am Glaubensmut der Gospelmusik Anteil haben dürfen. Ich bin froh und dankbar dafür, dass wir heute in unserem Gottesdienst allein durch die Gegenwart der Chöre, durch die Gegenwart der Jugend davor bewahrt bleiben, in den Chor der Düsternis uns einzureihen.

Kirche, so sagen manche, soll um Gottes Willen nicht politisch sein. Und wäre sie es tatsächlich nicht, dann sollten wir unsere Türen still und beschämt schließen. Denn wenn wir nichts mehr zu verkünden hätten, was der Gemeinschaft förderlich oder nützlich ist, bräuchte man uns nicht mehr. Sie brauchen die Kirche und das Evangelium nur für sich allein? Nur für ihr Leben – allein? Nur für ihre Hoffnung – allein? Du brauchst Gott, Jesus, Heiligen Geist nur in deinem Lebensraum, nur in deinem Lebenshorizont? Hast du, haben Sie noch die Worte aus dem Gleichnis im Ohr? Wie der eine nur mit sich und seiner Seele spricht? Politisch zu sein, heißt ja nicht, dass wir uns seitens der Kirche in jede Sachentscheidung mit Bibelzitaten einmischen. Da ist wahrlich nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe aber ist es, den Boden zu bestellen, aus dem heraus Sachentscheidungen gefällt werden. Es macht schon einen großen Unterschied, ob ich die Auffassung vertrete, jeder Bürger soll seines eigenen Glückes Schmied werden und ganz für sich alleine das Leben und dessen Risiken bewältigen. Oder ob ich am Gedanken der Solidarität, am Gedanken der Gemeinschaft, am Gedanken des miteinander zu teilenden Lebens festhalte. Es kommt darauf an, aus welcher Quelle ich schöpfe.

Was aber hat die Kirche als Perspektive, als Quelle zu bieten? Wie wäre es mit dieser: Hoffnung? Ein Plakatwort, das gerade wegen seines Hochglanz-Charakters so leer und blass geworden ist.

Hoffnung – schön und gut. Doch auf was kann man sie gründen?

Davon erzählt unser Gleichnis, das Gleichnis vom „Reichen Kornbauer“. Es führt uns einen Menschen vor Augen, der in aller berechtigten Klugheit seiner Daseinsfürsorge doch nur bei sich selbst bleibt. Nicht sein Reichtum ist das Ärgernis, nicht wegen seiner gefüllten Kornspeicher kündigt Gott ihm an: „Noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern“.

Denn Vorsicht! Wenn man das so hört, ist der Schritt zur selbstgefälligen, zynisch grinsenden Neidäußerung nicht weit: „Da hat ihm alles Geld nichts geholfen! Gott sei Dank müssen auch die Reichen sterben. Jedermann hat dieses Schicksal.“ Und mancher wäre sogar geneigt, das als „Gerechtigkeit“ zu bezeichnen. Nein, solch klammheimlich böse Befriedigung mag mir nicht schmecken. Evangelisch ist sie auch nicht. Jesus erzählt keine Gleichnisse, aus denen wir Neidbefriedigung saugen könnten. Er erzählt Gleichnisse, damit wir Gottes Spuren in unserer Welt erkennen.
Und hier taucht der Horizont der Hoffnung wieder auf. Nicht die Tatsache, dass er Daseinfürsorge betrieben hat, bringt dem „Reichen Kornbauer“ biblischen Tadel ein. Die Enge seines um sich selbst kreisenden Dialogs, den er mit sich selbst allein führt, ist es, was Gott durchbricht.

Sein „innerer Dialog“ bekommt einen unerwarteten Gesprächspartner. Redet er gerade noch mit sich, mit seiner Seele, spricht Gott ihn nun an. Er gerät in einen Horizont, den er bislang vernachlässigt hatte. Er gerät in den Horizont Gottes, der hier im Gleichnis als Herr über das Leben in Erscheinung tritt. „Noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern“. Das versteht man für gewöhnlich als Drohung, als Ankündigung nächtlichen Sterbens. Wir könnten es auch anders hören: Als Ruf Gottes: „Tritt aus dem Kreis, den all dein Sorgen um dich selbst gezogen hat, heraus. Tritt heraus aus deinem nur dir selbst geltenden Dialog. Lass dich ein auf das Gespräch mit Gott, lass ihn den Sprachgesell deiner Nöte werden, und du wirst sehen, welche Horizonte sich dir erschließen.“ Wir könnten es auch so verstehen: „Deine und meine Seele sind es auch, die Gott fordert, doch nicht uns zum Tode, sondern zum Leben.“

Die Gospelmusik, die auf den einen oder die andere als leicht und allzeit fröhlich wirken mag, bloß einladend, in die Hände zu klatschen und Halleluja zu jubeln, hat ihre Wurzeln in der Sklaverei auf den Feldern Amerikas im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es ist eine Musik voll Hoffnung, voll Hoffnung, die im Leid und Elend sich bewährt hat. Musik, die in der Klammer an den Glauben gereift und stark geworden ist. Musik, die aus der Seele zu Gott empor ruft und ihn singend zum Sprachgesell der Lebenshoffnung macht.

Wenn man selbst daran ist, den Horizont der Hoffnung im Nebel des Lebenskummers zu verlieren, dann helfen einem die rasch zugerufenen Worte kaum: Es wird schon wieder. Kopf hoch und dgl. mehr. Christliche Hoffnung ist kein Hochglanz-Plakat-Wort, das mit neonleuchtender Farbe gemalt wird. Was am meisten tröstet – das wissen wir doch – ist das Gespräch mit denen, die das gleiche Leid in anderer Zeit gekannt, gekostet und – überwunden haben. Wenn man ein Kind hat, das sich schwer tut mit der Rechtschreibung , geben weder Parolen, geben weder bloß aufmunternde Worte und Drohungen erst recht keine Hoffnung. Gesteht der Vater aber, wie hoch die stets zweistellige Fehlerzahl seiner eigenen Aufsätze war, dann keimt Hoffnung auf, weil nun erkennbar wird: Da war wohl ein Weg gewesen, dennoch die Schule schaffen. Da war ein Weg und da wird ein neuer sein – nun auch für mich.

Schauen wir auf unseren Altar. Sie sehen dort, wie Christus am Kreuz erstorben sich in das Leid hinabsenkt, wie Christus dem Tod entgegenfällt. Hoffnung, die sich mit Leiden tränkt. Hoffnung, die sich im Tal des Todes bewährt. Christus, der das Leiden kennt, wird uns so zum Sprachgesell der Hoffnung.

Zweimal haben wir dieses Bild in unserer Kirche: Einmal die Kreuzesabnahme, dargestellt in unserem Brenck-Altar und einmal die Grablegung Christi, hinten rechts in der Kirche. Darstellungen, die eigentlich eher selten sind. Warum aber haben wir sie vor Augen?

Der Altar ist den Jahrzehnten nach dem 30jährigen Krieg entstanden. Kulmbach lag damals in Schutt und Asche. Noch lange nach dem Krieg waren Not und Elend spürbar als tägliche Last. Doch es neigt sich seinem Ende, verkündet unser Altar – leise flüsternd von der Hoffnung. Verrat, Verspottung, Geißelung Christi, der schrill aufdröhnende Dis-Akkord des Leidens verklingt. Noch schmerzt die Seele und doch hebt das Ende der Lähmung an. Diesen Moment stellt unsere Altarszene meisterhaft dar: Wie Menschen um Christus und mit Christus wieder zur Kraft zurückfinden. Wie sich langsam im Dunkel des Karfreitags Hoffnung Bahn bricht, Hoffnung, von Leid getränkt und doch nicht erstorben. Noch ist das Leid präsent im erstorbenen Christus. Darin aber, dass er vom Kreuz genommen wird, kündigt sich eine neuer Morgen an, ein neuer Horizont. Und in diesen Horizont des hoffnungsvollen Glaubens will uns Gott uns rufen. Und diesen Ruf weiterzugeben ist die politische Aufgabe der Kirche. Ich denke, dass in vielen Seelen „moderner“, d.h. ja meist sehr diesseitig ausgerichteter Menschen, ein Hunger ist nach Gott. Wenn doch endlich jemand da wäre, der meine Seele anspricht, sie fordert und darin zum Leben bringt! Wenn doch endlich jemand da wäre, der meine Seele herausruft aus ihrem engen Kreis, dass in ihr der Egoismus stirbt und sie neu ersteht als Seele vor Gott und darin für den Nächsten.

In vermute, dass doch so mancher, der sich einem Gospelchor anschließt, diese Sehnsucht kennt. Und ich bin mir gewiss, dass viele in diesen Chören nicht nur Gemeinschaft und Freude, sondern auch Hoffnung finden. Manchen mag die englische Sprache stören. Aber so ist es doch: Glaube und seine Hoffnung, die Kirche und ihre Botschaft sind für uns vielfach fremd und unverständlich geworden. Der „Umweg“ über die englische Sprache mag da durchaus sinnvoll sein. Denn so können wir uns Schritt um Schritt, Strophe um Strophe wieder hineinsingen in den Glauben und seine Kraft, ohne uns dabei allzu kindlich oder gar lächerlich zu fühlen.

Die Gospellieder sind von ihrer Wurzel her gesehen politische Lieder, Lieder, die mit dazu beigetragen haben, dass Menschen am Horizont der Hoffnung festhalten konnten. Lieder, die den Schatz des Glaubens bewahrt haben in düsterer Zeit.

In diese Perspektive, in diesen weiten Horizont, den grüßend im Altar Gott Vater über uns eröffnet, wollen auch wir uns am Tag des Dankes hineinrufen lassen. In diesen weiten Horizont wollen wir gemeinsam glaubend schreiten. Wir feiern heute das Erntedankfest. Wir feiern es in der Schlusskurve eines Jahres, dass uns einen heißen Sommer beschert hatte. Die große Hitze und der geringe Niederschlag haben den Menschen in der Landwirtschaft heftige Sorgen bereitet. Und doch müssen wir nicht hungern. Wir danken all denen, die sich in der Landwirtschaft gemüht, gesorgt und geplagt haben, um dem heißen Sommer zum Trotz, Ernte einzubringen. Sie haben das für uns getan. Wir danken ihnen und wir danken Gott, der uns im Leben hält.

Und wenn wir die Augen ganz nach oben erheben, dann erblicken wir den auferstandenen Christus, die Sieger des Lebens, wie er über dem Altar steht und seine Krone bildet. Dort steht die Hoffnung, nicht als Leuchtreklame, wohl aber als Bote Gottes, unsere Seelen zu sich zu rufen, auf dass wir leben, wie düster auch die Finanznot, die Stellenkürzungen und die Mittelknappheit sich gebärden mögen in Kirche und Staat.

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