Good Friday

Liebe Gemeinde,

Wissen Sie eigentlich was Karfreitag auf englisch heißt? Natürlich nicht. Und wenn ich die Jugendlichen fragen würde, würden sie nur den Kopf schütteln. Denn erstens haben sie Ferien und möchten nicht an die Schule erinnert werden und zweitens gehört das Wort nicht zu dem notwendigen Vokabelschatz, um sich im Alltag in englisch zu verständigen.

"Wissen Sie eigentlich was Karfreitag auf englisch heißt?" so fragte mich einst ein Theologieprofessor im Seminar und ich habe den Kopf geschüttelt. "Sie werden lachen, wie der Karfreitag im englischen heißt", sagte der Professor, "good friday – guter Freitag." Treffender kann dieser Tag eigentlich nicht umschrieben werden. Übrigens das deutsche Wort "Kar" leitet sich vom altdeutschen "chara" ab und bedeutet Klage, Sorge oder auch Trauer. So ist es nur folgerichtig, dass die Farbe des Karfreitag schwarz ist, die Gesichter ernst, ja in manchen Kirchen der Blumenschmuck auf dem Altar fehlt, die Kerzen nicht brennen und das Glockengeläut schweigt. Alles ein symbolischer Ausdruck der Trauer: Jesus stirbt am Kreuz.

"Good friday – guter Freitag" richtet den Blick auf das Kreuz Jesu und legt den Akzent auf das Geschehen am Kreuz. Es erkennt den Sinn des Leidens und Sterbens Jesu als gut für uns Menschen. Und genau darum geht es auch im heutigen Predigttext, einigen Versen aus dem 9 Kapitel des Hebräerbriefes, die ich nun verlese.

[TEXT]

1. Was ist an diesem Freitag gut?
Und der Hebräerbrief antwortet: Einmal fand dieser Tod statt. Ein für allemal. Alle Zeiten des Menschen schließt er ein und sogar alle Ewigkeiten Gottes. Inklusiv ist dieser Tod am Kreuz. Jeden Tod schließt er ein. Jeden Tod des Menschen.

Aber eben hier liegt unser Problem. Hier steigern sich die Ratlosigkeiten mit dem Karfreitag. Was soll das alles bedeuten? Was ist gemeint? Wie vertragen sich solche großen Aussagen mit unseren Erfahrungen? Die Konfrontation alltäglicher Nachrichten springen ins Auge: Hat denn der Tod etwa aufgehört, unter Menschen zu wüten? Hat der gewaltsame, bösartige, entstellende, menschenunwürdige Tod aufgehört, Menschen zu ängstigen und zu drangsalieren? Hat sich am Tod etwas geändert seit dem Tod auf Golgatha? Die Erfahrung sagt uns nein. Und die immer neuen Hunger- und Kriegstoten sprechen eine deutliche Sprache! Inwiefern also ein für allemal?

Und der Hebräerbrief antwortet: Es ist wahr, es wird weiterhin gestorben. Doch dieser Tod ist der Mittler des neuen Bundes. Es ist der Ausdruck jener göttlichen Liebe, die in Jesus Christus sich zeigt.

Lothar Zenetti hat diese Liebeserfahrung mit folgenden Worten umschrieben:
"Ein Mensch wie Brot
Er lehrte uns die Bedeutung und Würde
des einfachen und unansehnlichen Lebens
unten am Boden
unter den armen Leuten
säte er ein
seine unbezwingbare Hoffnung
Er kam nicht zu richten sondern aufzurichten
woran ein Mensch nur leiden mag
er kam ihn zu heilen
Wo er war
begannen Menschen freier zu atmen
Blinden gingen die Augen auf
Gedemütigte wagten es
zum Himmel aufzuschauen
und Gott ihren Vater zu nennen
sie wurden wie Kinder
er rief sie alle ins Leben
Er stand dafür ein
dass keiner umsonst lebt
keiner vergebens gerufen hat
dass keiner verschwindet namenlos
im Nirgends und Nie
dass der letzte noch heimkehren kann als Sohn
Er wurde eine gute Nachricht
im ganzen Land ein Gebet
ein Weg den man gehen kann
ein Licht
das man in den Händen halten kann
gegen das Dunkel
Ein Mann wie Brot
das wie Hoffnung schmeckt
bitter und süß
Ein Wort das sich verschenkt
dass sich dahingibt wehrlos
in den tausendstimmigen Tod
an dem wir alle sterben
Ein Wort
dem kein Tod gewachsen ist
das aufersteht und ins Leben ruft
unwiderstehlich
wahrhaftig dieser war Gottes Sohn"

2. Was ist an diesem Freitag gut?
Und der Hebräerbrief antwortet: Exklusiv ist dieses Opfer am Kreuz. Alle weiteren Opfer schließt er aus. Alle Opfer, die Menschen sich abverlangen, zu denen sie andere Menschen machen, macht es überflüssig.

Aber eben hier liegt unser Problem. Hier steigern sich die Ratlosigkeiten mit dem Karfreitag. Was soll das alles bedeuten? Was ist gemeint? Wie vertragen sich solche großen Aussagen mit unseren Erfahrungen? Und wie steht es mit den Opfern? Gibt es seit Golgatha keine Opfer mehr? Haben sich seither Menschen nicht unmenschliche Opfer abverlangt? Haben sie nicht andere Menschen zu Opfern gemacht? Zu Opfern von Machtbesessenheit, von Dummheit oder bloßer Nachlässigkeit? Und gibt es trotz Golgatha irgendeinen plausiblen Grund zu der Annahme, dass Menschen je aufhören werden, Opfer zu verlangen und zu Opfern zu machen?

Wie soll das sein:
Das Kreuz von Golgatha –
der Tod aller Tode?
Das Ende aller Opfer?
Dieser Tod am Kreuz
einmal –
ein für allemal?

Mehr Fragen wirft dieses "einmal" auf, als dass wir Antworten erhalten. Haben jene also recht, die an das Sprichwort erinnern: "Einmal ist keinmal!"?

Es gibt eine Antwort auf unsere bohrenden Fragen, sagt der Hebräerbrief:

Das Kreuz Jesu
auf Golgatha
hat die Sünde
und alles Unheil,
das aus der Sünde kommt
benennbar
und dingfest gemacht.
Ein für allemal.

3. Was ist an diesem Freitag gut?
Und der Hebräerbrief antwortet: Wir leben im Warteraum der Hoffnung: "zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil". Aber eben hier liegt unser Problem. Hier steigern sich die Ratlosigkeiten mit dem Karfreitag. Was soll das alles bedeuten? Was ist gemeint? Wie vertragen sich solche großen Aussagen mit unseren Erfahrungen?

Samuel Bekett, der irische Dramatiker und Erzähler, hat in seinem Drama "Warten auf Godot" sehr anschaulich die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins geschildert, die noch gesteigert wird durch die Hoffnung, die nichts anderes sei als eine Betrügerin. Und zurück bleibt der Mensch, einsam – ratlos – auf sich selbst geworfen. Seit Golgatha hat die Hoffnung einen Namen: Jesus Christus. Nicht nur findet der Tod, auch in seiner schrecklichsten Gestalt, Antwort, die Opfer menschlicher Machtbesessenheit, Opfer menschlicher Dummheit und menschlicher Nachlässigkeit ein Ende, sondern auch die Hoffnung ihren unumstößlichen Grund, dass dieser Tod Leben, Zukunft, ja Heil birgt.

Marie Luise Kaschnitz hat dieses Heil so beschrieben: "Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode? Und ich antwortete: ja. Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben, wie das aussehen sollte dort. Ich wusste nur eins: keine Hierarchie auf goldenen Stühlen sitzend, kein Niedersturz verdammter Seelen. Nur, nur Liebe, freigewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend. Mehr also, fragen die Frager, erwarten Sie nicht nach dem Tode? Und ich antwortete: Weniger nicht."

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