Goldener Weg

Liebe Gemeinde,

schon wie an den letzten Sonntagen dreht sich auch der heutige Bibeltext, um gelingendes Leben. Es geht um das, was im Leben wirklich wichtig ist, es geht um das, was wirklich zählt, um das Große und Kleine im Angesicht Gottes.

Gerade haben wir eine unverschämte Geschichte gehört – zwei Jünger Jesu – Jakobus und Johannes – bitten um Vorzugsplätze in Gottes Reich. Die Geschichte wird noch ein zweites Mal ein wenig anders in
der Bibel überliefert – da wird erzählt, dass diese Bitte um vordere Plätze nicht von den Jüngern selbst, sondern von deren Mutter kommt – egal – unverschämt bleibt die Bitte – unverschämt und ich will sagen „herzlos“ deshalb, weil Jesus gerade voll Trauer zum dritten Mal von seinem bevorstehenden Geschick erzählt hat. Jesus hatte gerade gesagt, dass er seinen bevorstehenden Tod für unvermeidlich ansieht und wenige Atemzüge später feilschen die beiden Jünger um gute himmlische Plätze. Es ist schon verwunderlich, dass Jesus da so ruhig und sachlich bleibt.

Stellt euch doch einmal vor, ihr besucht einen todkranken Menschen, er hat Schmerzen und Angst vor dem, was ihm bevorsteht und ihr sagt: nun, wenn du gestorben bist, dann bedenkst du mich doch wohl in deinem Testament?!

Wir spüren wie pietätlos das ist, ungeheuerlich, einfach dreist.

Und doch gibt es ähnliche Geschichten zuhauf – gerade wenn es ums Erbe geht, wenn es um den Vorteil
geht, den wir mitunter durch die Nähe zu einem einflussreichen Menschen zu gewinnen suchen. Man muss nur die richtigen Leute zu kennen, um zu seinem Ziel zu kommen. Wir kennen das: Beziehung ist das halbe Leben und warum wollte man seine guten Verbindungen nicht nutzen?! Wer das nicht tut, ist dumm.

Und so haben wohl auch die beiden Jünger und deren Mutter gedacht. Waren wir nicht von Anfang an auf der Seite von Jesus?! – Haben wir nicht auch das unsere dazu beigetragen, diesen Jesus bekannt zu
machen, haben wir nicht auf das bequeme Leben verzichtet – das muss sich doch lohnen – da muss doch am
Ende etwas herausspringen – für uns. Leistung muss sich lohnen – alles andere wäre ungerecht.

Und so kommt aus dem kindlichen Herzen das alte Spiel: Sag „Ja“, Jesus, am besten gleich – bevor wir noch gesagt haben, wozu. Wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

Doch Jesus fragt nach und dann sprechen sie aus, worum es geht. Rechts und links – in der Nähe Jesu wollen sie bleiben.
Wir denken – wenn’s nicht mehr ist – nur die Nähe Jesu, die sie weiter genießen wollen – dann ist die
Bitte vielleicht ja doch nicht so unverschämt. Doch Halt: Wer „rechts“ und „links“ von einem Mächtigen sitzt, der hat bekanntlich Einfluss – hier geht es um mehr als um Nähe, hier geht es um Macht. Die „Rechte Hand“ von jemandem sein, das heißt, an der Macht
des Mächtigen zu partizipieren, an seiner Linken zu sitzen, an der Herzseite, das impliziert auch Einfluss. Es geht also um mehr als um Nähe – hier wird die Machtfrage, gestellt, es geht um einflussreiche Positionen.

So lässt die Reaktion der anderen nicht lange auf sich warten. Sie reagieren empfindlich, explosiv, was doch wohl zeigt, dass sie wohl auch in ihrem Herzen davon träumten, in der Machtsphäre Jesu zu bleiben. Sie sind empört – ich glaube nicht, weil sie die Pietätlosigkeit der beiden missbilligen, sondern, weil ihnen diese Vorzugsplätze damit von vorn herein streitig gemacht werden. Und so ist das Wort, das
Jesus den beiden entgegenhält von ganz grundsätzlicher Natur – er sagt ganz grundsätzlich wie es im Reich Gottes, wie es letztlich schon unter seinen Anhängern auf dieser Erde zugehen soll.

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Nun ist es raus – bei Jesus, bei Gott geht es nicht um Vorzugsplätze. Wer nach Gottes Weg in seinem Leben fragt, der soll sich nicht benehmen, wie das in der Welt so
üblich ist – wie das bei den Mächtigen der Welt so unübersehbar vor aller Augen steht. Sie sind immer in der Gefahr, ihre Macht, ihre Position zu missbrauchen. Sie fragen nicht danach, was das Volk will, sie hören nicht auf die Demonstranten auf der Straße, sondern sie gehen den Weg, den sie selbst als
richtig und für sich als vorteilhaft erkannt haben mögen und halten die Menschen nieder. So weltlich redet Jesus, so politisch wird er an dieser Stelle. So hellsichtig durchschaut er die Spiele der Macht, die in dieser Welt damals und heute gespielt werden. Und sein Urteil steht fest: So soll es nicht unter euch sein! Und dann fügt er hinzu, wenn es Vorzugsplätze geben wird, dann ist es ganz allein Gottes Sache, diese
zu vergeben.

Danach erzählt er von sich und von seinen Intentionen auf dieser Erde und er sagt: mir geht es nicht
um Macht, mir geht es um den Weg Gottes und dieser Weg ist gepflastert mit der Aufgabe, für andere da zu sein: mit meinem Tun und Lassen, ja mit meinem Leben.

(Zum Schluss kommt auch noch Geld ins Spiel – der Inbegriff für Macht. Von Lösegeld redet Jesus,
Lösegeld für viele. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern
dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Wenn wir das Wort „Lösegeld“ hören, so sind uns gleich die spektakulären Entführungen unserer Zeit im Kopf. Es geht also kriminell zu, und ist es nicht auch kriminell, wenn Jesus, der sein Leben lang nur für andere lebte, am Ende hingerichtet wird?

Und doch liegt für Jesus gerade in dieser Hingabe bis zum Letzten der Sinn seiner Mission. Mit seinem konsequenten Gottesweg gibt er den Zugang zu Gott frei, vor dessen Thron allein Glaube, Hoffnung und
Liebe Bestand haben.)

Dass Gottes Weg über das Dienen geht, ist vielleicht im ersten Augenblick nicht sehr verlockend. Dass es sich dennoch lohnt, dass es sich um den goldenen Weg gelingenden Lebens handelt, wissen aber auch andere Religionen. Und so lasst mich zum Schluss eine Geschichte von Tagore wieder geben.
Er erzählt: Ich ging bettelnd von Tür zu Tür die Dorfstraße entlang, als dein goldener Wagen aus der Ferne
auftauchte. Welch großartiger Traum!
Ich fragte mich wer wohl dieser König aller Könige sei.

Meine Hoffnung wuchs, und ich dachte, die Zeiten der Mühsal seien vorbei. Ich wartete auf die Gaben, um die ich nicht bat, auf Reichtümer im Überfluss. Dein Wagen hielt neben mir. Du schautest mich an
und stiegst lächelnd aus. Ich fühlte, dass endlich das Glück in mein Leben getreten war. Dann gabst du mir überraschenderweise die Hand und batest: „Hast du irgendetwas für mich?!
Welch edle Geste! Die Hand ausstrecken und einen Bettler um etwas bitten.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dann holte ich aus meinem Beutel ein winziges Weizenkorn und
gab es dir. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich am Abend zu meinem Hügel zurückgekehrt meinen Beutel ausschüttete und ein Korn aus reinstem Gold vor mir sah. Ich weinte bitterlich und wünschte, ich hätte den Mut gehabt, dir alles zu geben, was ich besaß. (aus Anthony de Mello, Auf dem Weg nach
Ostern)

So ist das wohl mit dem Dienen, liebe Gemeinde, zu geben ohne Berechnung – gibt Gewinn, von dem man
zuvor nichts geahnt hat. Sich einsetzten für andere, dienen, ohne nach dem eigene Nutzen und Vorteil zu fragen, wird
„vergol(d)ten“ durch Leben, erfülltes, glückliches Leben, ein Leben, das weiß, wozu es auf der Welt ist.

Wo man glaubte, man gäbe allein ab, bekommt man hundertfach zurück. Erstaunlich, nicht wahr – eben ein Geheimnis unseres Gottes, das unser Herz entdecken darf.

drucken