Gnade und Geschenk

Er war der erste "Gegenpapst" der Kirchengeschichte, geboren um 170 in Kleinasien oder Ägypten, so genau wissen wir es nicht, ließ sich taufen und wurde Christ, ein Schüler des berühmten Irenäus von Lyon, eines bedeutenden Theologen, Bischofs und Märtyrers, kam nach Rom und wurde Presbyter, der römischen Gemeinde.

Nach dem Tod des Bischofs übte er scharfe Kritik an dessen Nachfolger Callistus, der ihn daraufhin exkommunizierte, ließ sich von seinen Anhängern zum Gegenbischof einsetzen, berechnete (wenn auch falsch) den Ostertermin neu, verfasste bedeutende theologische Schriften wie die berühmte "Traditio Apostolica" (= "Apostolische Überlieferung"), den ältesten vollständig erhaltenen christlichen Bibelkommentar zum Danielbuch und die "Widerlegung aller Häresien", sein wichtigstes Werk, in dem er mit der frühchristlichen Gnosis abrechnete.

235 wurde er im Zuge der Christenverfolgung unter Kaiser Maximus Thrax zusammen mit Pontianus, dem Bischof der Mehrheit in der Gemeinde, ins Exil auf Sardinien verbannt und zur Zwangsarbeit im Bergwerk verurteilt. Dort dankten beide ab, versöhnten sich und starben, vermutlich an Entkräftung. Zunächst in Rom beigesetzt, ruhen seine Gebeine heute angeblich in St. Pilt im Elsass.

Hippolyt, so sein Name, zu deutsch: "der Pferdebändiger", eie wahrhaft schillernde und kontroverse Figur, einer, an dem man sich reiben und stoßen konnte, streitbar und widersprüchlich. Und doch starb er wie so viele andere Blutzeugen in Treue zu Christus, seinem Herrn und hinterließ er uns Texte, von denen wir noch heute in unseren Gottesdiensten zehren – vom Lichtgesang zu Beginn der Vesper bis hinein in die Abendmahlsfeier heute Abend, wenn wir nachher mit seinen Worten, jawohl, den Worten eben dieses streitbaren und widersprüchlichen Hippolyt, die Feier der Eucharistie eröffnen – die sogenannte "Präfation" – Brot und Wein segnen und darüber beten.

Eine Ausnahme? Ein Sonderfall? Ein Versehen? – Nein, keine Ausnahme, kein Sonderfall, sondern die Regel. Wie ein roter Faden zieht sich das ja schon durch die ganze Heilige Schrift und dann eben auch durch die Kirchengeschichte hindurch.

Wir Heutigen sind immer schnell dabei, kritisch oder gar verächtlich auf frühere Generationen zurückzublicken, auch auf frühere Generationen des Glaubens, weil die ja dies und jenes und überhaupt alles falsch machten, diesen oder jenen Irrtümern verfielen und entsprechend schuldig wurden.

Nicht nur, dass wir dabei leicht selbstgerecht werden – als ob wir heute alles richtig machten und so gar nicht schuldig würden – ich möchte ja nicht wissen, wie man in 100 oder 200 Jahren einmal über unsere Zeit und Generation denken und reden wird – sondern wir vergessen dabei etwas ganz Entscheidendes, ja, das Wichtigste überhaupt:

· dass nämlich Gott sich genau solcher Menschen bedient, um SEIN großes Werk der Erlösung, Heilung und Befreiung in dieser Welt voranzutreiben,
· dass Gott sich nie irgendwelche "Superheiligen" sucht, die frei von Fehl und Tadel sind – da könnte ER ja wohl auch lange suchen – sondern ganz normale Menschen mit Fehlern und Macken, die ER (!) dann vielleicht ganz groß herausbringt und zu "Superheiligen" macht oder auch einfach nur zu lebendigen Gliedern SEINER Kirche und Gemeinde, die versuchen, ihr Christsein zu leben, so gut oder schlecht sie es eben vermögen,
· und dass Gott auch durch die Geschichte der größten menschlichen Irrtümer, Wirren und Verbrechen hindurch noch immer segensreich zu wirken vermag, die damit wohlgemerkt nicht entschuldigt oder beschönigt werden sollen, aber doch in einem anderem Licht, SEINEM Licht nämlich, erscheinen.

Der Kleinglaube, wenn er sieht, wieviel Pleiten, Pech und Pannen es in der Geschichte des Christentums gegeben hat, oder wenn er einen Blick auf die Kirche der Gegenwart wirft, muss verzweifeln. Der Glaube hingegen weiß: Gottes Liebe und Gottes Rettungs und Versöhnungswillen sind stärker und größer als alle menschliche Dummheit oder Bosheit.

Der Kleinglaube kann nur irre werden an der Wahrheit des Evangeliums, wenn er sieht, wie menschlich und all zu menschlich es in der Kirche oft zugegangen ist und zugeht. Der Glaube hingegen erkennt dankbar staunend, wie wunderbar Gott SEINE Gemeinde führt und bewahrt, wenn es sein muss, gegen sie selbst und gegen ihr eigenes Versagen.

Im Abendmahlssaal, als Jesus SEINEN Jüngern die Füße wusch und das letzte Mahl mit ihnen hielt, begann das schon. 12 waren es, berichten uns die Evangelisten und lassen die Anderen, darunter die Frauen, die vielleicht auch noch dabei waren, glatt unter den Tisch fallen, weil die 12 eben die Zahl des ganzen Gottesvolkes ist – in Erinnerung an die 12 Söhne Jakobs und die 12 Stämme Israels – aber was für 12 waren das? 12 dahergelaufene, mehr oder weniger ungebildete Figuren, armselige Fischer vom See Genezareth, widersprüchlich, schwankend und intrigant, aber auf jeden Fall vollkommen irrelevant nach den Maßstäben der Welt.

Menschen, wie sie in keinem Geschichtsbuch auch nur mit einem Wort erwähnt würden. Und doch werden sie von IHM hinausgesandt in alle Welt, als die "Zeugen des Auferstandenen", als die "Botschafter der Versöhnung", als das "Licht der Welt" und das "Salz der Erde" und nennt der 1. Petrusbrief sie und alle, die sich für Christus entschieden haben, wie verfolgt und verachtet, fremd und zerstreut in der Welt sie auch sein mögen, "das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk", zu verkündigen…. die Wohltaten dessen, der sie berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Wie es der Hebräerbrief hier sagt: "Denn ER nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt ER sich an. Daher musste ER in allem SEINEN Brüdern gleich werden, damit ER barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes."

Und so geht das weiter bis zum heutigen Tag, bis in diese Stunde, wo wir hier zusammengekommen sind, um das Gedächtnis an jenen letzten Abend und jenes letzte Mahl zu begehen und zu feiern. Denn nicht uns und unsere Kirche feiern wir hier, sondern IHN und das, was ER für uns getan hat. ER ist es, der uns "heiligt", ER ist es, der uns "ausweist", ER ist es, mit dem wir stehen und fallen als Christen, nicht unsere Klugheit oder Dummheit, nicht unsere Kraft oder Schwachheit, nicht unser Mut oder unsere Feigheit – da wär’s ja wohl schon lange zappenduster mit uns – sondern ER und ER allein.

ER befreit. ER erlöst. ER versöhnt. Nicht wir. Wir sind aufgerufen, als Christen in SEINER Nachfolge zu leben, glaubwürdig zu leben, gewiss, für Frieden und Gerechtigkeit und den Schutz des Lebens einzutreten, zu glauben, zu hoffen und zu lieben, im Kleinen wie im Großen, keine Frage, aber Achtung: Das ist es nicht, wovon wir leben!

Tappen wir um Gottes Willen bloß nicht in diese Falle, sonst geht es uns wie dem jungen Luther im "Schwarzen Kloster" zu Erfurt, der sich schier zu Tode quälte über der Frage nach dem gnädigen Gott und doch keine Ruhe fand, bis es ihm endlich wunderbar aufging, dass er diesen gnädigen Gott ja in Wirklichkeit längst hatte.

Nein, wovon wir leben als Christen, das ist, dass ER uns schwache, widersprüchliche, höchst fehlerhafte, schuldige und verlorene Menschen hier an SEINEN Tisch bittet, uns, deren Fleisch und Blut ER angenommen hat und durchgetragen hat bis ans Ende, dass ER uns hier in Wort und Sakrament stärkt und tröstet, die Schuld vergibt, ermutigt und aufrichtet, was unsere Last auch sei, dass ER uns zu einer Gemeinschaft zusammenfügt über alle Unterschiede hinweg und dass ER uns dann wieder hinaussendet in die Welt und ins Leben, uns, die wir IHM eben nicht zu blöd oder zu schlecht sind, sondern die ER brauchen kann und will, um durch uns wunderbar zu handeln, wie ER eben durch einen Hippolyt wunderbar zu handeln vermochte und durch einen Martin Luther und durch all die Anderen in der großen "Wolke der Zeugen", ob sie nun berühmt sind wie jene oder unbekannt und längst vergessen.

Mit einem Wort: Gnade ist es, von der wir leben, unverdientes und mit nichts auf der Welt zu verdienendes Geschenk. Und das ist auch gut so.

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