Gleichnis mit doppeltem Boden

Liebe Gemeinde!

Es gibt Gleichnisse Jesu, die rätselhaft wirken und nicht verständlich sind ohne eine gründliche Auslegung. Es gibt auch Gleichnisse Jesu, die ihren Sinn ganz unmittelbar entfalten. Über die muss man eigentlich nicht predigen; es würde genügen, einfach nur den biblischen Text vorzulesen. Und es gibt Gleichnisse Jesu, die sehen so aus, als würden sie zu der zweiten Gruppe gehören, aber in Wirklichkeit sind sie von der ersten Sorte, die einer ganz gründlichen Auslegung bedarf. Es sieht nur nicht so aus, weil sie auch so, beim ersten flüchtigen Hinhören einen Sinn machen, freilich einen, der an der Oberfläche bleibt. Nicht immer hat man etwas schon verstanden, wo sich etwas von selbst versteht.

So ist es mit dem Evangelium für den heutigen 11. Sonntag nach Trinitatis. Es steht bei Lukas im 18. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wir brauchen dieses Gleichnis nicht einmal bis zum Schluss zu hören, da liegt es schon offen vor uns, und alles scheint klar. Das liegt daran, dass das Gleichnis uns ein überdeutliches Identifikationsangebot macht: Der erste ist ein Pharisäer – der KANN gar nicht einfach so recht behalten; der zweite ist ein Zöllner – mit denen hat es Jesus immer wieder, gerade weil sonst niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte.

Und so machen wir es uns in diesem Gleichnis gemütlich, wissen ganz, ganz sicher, dass wir so wie der Pharisäer nie, nie sein wollen, und dass das eigentlich ganz gut mit dem zusammenpasst, wie wir sowieso nicht sein wollen. Und so könnte ich jetzt aufhören mit der Predigt, mein Manuskript wegpacken, und wir würden stattdessen ein schönes Lied mehr singen, und beim Singen würden wir uns mit stiller Erleichterung denken: Danke, Gott, dass ich nicht so bin wie diese anderen Leute, nicht so selbstgerecht, scheinheilig, heuchlerisch, dass ich nicht so bin wie dieser Pharisäer…

Halt! Ich hoffe, Sie fühlen sich erwischt. Dieses Gleichnis hat nämlich einen doppelten Boden. Es passiert bei diesem Gleichnis ganz leicht, dass man sich in die Identifikation mit dem Zöllner fallen lässt – und prompt landet man genau da, wo das Gleichnis den Finger in die Wunde legt. Im Bestreben, sich von dem Pharisäer abzusetzen, denkt man am Ende, wie der Pharisäer dachte.

Dieser doppelte Boden hat in der Auslegungsgeschichte dieses Gleichnisses ganz schön zugeschlagen. Es ist nämlich ganz simpel, von diesem Gleichnis ausgehend Fronten aufzumachen und dabei immer auf der richtigen Seite zu stehen. Nehmen wir etwa einen Gegensatz von jüdischer Gesetzlichkeit – der Pharisäer – auf der einen Seite, und christlichem Sündenbewusstsein – der Zöllner – auf der anderen Seite. Ein Punkt für uns. Oder nehmen wir einen Gegensatz von katholischer Werkgerechtigkeit und Frömmelei einerseits – alles Heuchelei, versteht sich – , und auf der anderen Seite die protestantische Ernsthaftigkeit und Tiefgründigkeit. Nochmal gewonnen. Oder nehmen wir den Gegensatz zwischen einer mechanischen Religionsausübung als Pflichterfüllung einerseits – wie das die Leute früher halt so machten – und einer reifen Gottesbeziehung andererseits, wie wir modernen Christen sie pflegen. Jetzt steht es Drei zu Null für uns. Oder: nehmen wir den Gegensatz zwischen Leuten, die für ihren Glauben nur das tun, was allgemein erwartet wird und üblich ist, die zu Taufe und Konfirmation mal für ein, zwei Stunden religiös werden, an Weihnachten und vielleicht noch zum Sommerfest in die Kirche kommen, weil man das so tut – und auf der anderen Seite die, die wirklich in Beziehung zu Gott leben und am Leben seiner Gemeinde teil haben. Vier zu null! Gut dass wir auf der richtigen Seite sind, da, wo die Tiefe und die Reife und das Niveau und überhaupt alles Wahre, Gute und Schöne und Christliche zu Hause sind.

Genau so dachte der Pharisäer eben auch. Er wird uns zum Pappkameraden, in dem alles zusammenfällt, wovon wir uns gerne abgrenzen. Das sollte er nicht bleiben. Denn der Pharisäer in diesem Gleichnis, er ist ja unser Bruder im Geiste. Diese Figur hat einen sehr bestimmten Sinn: Dass wir uns in ihr wiedererkennen in unseren angestrengten Bemühungen, auf die richtige Seite in diesem Gleichnis zu kommen. Das ist der doppelte Boden dieses Gleichnisses: Je mehr wir versuchen, uns auf der Seite des Zöllners ein gemütliches Plätzchen zu verschaffen, umso mehr landen wir drüben bei dem Pharisäer.

Der Pharisäer beruft sich ja bei seinem Besuch im Tempel darauf, dass er das tut, was Gott geboten hat. „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Ist das verkehrt? Blanke Werkgerechtigkeit? Nein, das ist eines der vielen Missverständnisse, die in diesem Gleichnis lauern. Es geht hier überhaupt nicht darum, das Bemühen um das Halten der Gebote Gottes, wie es die Existenz jedes halbwegs frommen Juden prägt, zu diskreditieren. Mit keinem Wort sagt Jesus, dass es Unfug ist, zu fasten oder den Zehnten zu geben. Was ist also das Problem an dem Pharisäer? Es gibt bei Matthäus eine verwandte Stelle, in der die Zielrichtung der Kritik Jesu klarer wird. Sie lautet: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen.“ (Mt 23, 23) Wenn man das genau bedenkt, ist dem dem Pharisäer also nicht vorzuwerfen, dass er sich um das Halten des Gesetzes bemüht. Das Problem ist ein anderes: Er ist so beschäftigt mit dem, was überschaubar und in feste Regeln fassbar ist, dass er die größeren Herausforderungen nicht nur übersieht, sondern meint, er sei schon am Ziel angekommen.

Und das äußert sich in unserem Gleichnis auf fatale Weise: Der Pharisäer glaubt, sich sicher sein zu können, dass er in Bezug auf Gott weiter ist als andere. Das ist sein Irrtum, nicht sein Bemühen als solches. Dieser Pharisäer ist einer, dessen Selbstbewusstsein baut sich daran auf, dass es andere gibt, auf die er herabsehen kann. Und er meint dabei, zu einem solchen Urteil von Gott legitimiert zu sein. Da liegt er falsch.

Wir haben bisher immer nur den Pharisäer im Blick gehabt. Schauen wir doch mal auf die andere Seite, die Seite des Zöllners, die Seite, die in diesem Gleichnis am Ende so strahlend leuchtet, dass wir sofort wissen, dass wir natürlich dorthin gehören wollen. Wenn ich mir den Zöllner so anschaue, dann würde ich als Pharisäer mir das nicht gefallen lassen, was Jesus da sagt. Der Zöllner nimmt tagaus, tagein die Leute aus mit überhöhten Gebühren, macht gemeinsame Sache mit den ungläubigen Römern und ist stadtbekannt für allerlei krumme Geschäfte. So lebt der also, und kommt eines Tages in den Tempel, wirkt recht demütig, gibt sich zerknirscht – und Gott vergibt ihm aus Gnade – und dann geht er heim, und am Ende macht er genauso weiter wie vorher? So könnte sich der Pharisäer beschweren, und das ist doch nicht ganz vom Tisch zu wischen. Das Gleichnis ist so konstruiert, dass wir ganz selbstverständlich annehmen, dass der Pharisäer ein Heuchler ist, während wir ebenso selbstverständlich davon ausgehen, dass der Zöllner ab sofort ein guter Mensch wird. Davon steht aber nichts im Text. Da steht nur: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus“. Ja reicht es denn, sich in regelmäßigen Abständen recht demütig an Gott zu wenden, zu sagen „Gott sei mir Sünder gnädig“, und dann munter genauso weiterzumachen wie bisher? Wer sagt eigentlich, dass der Zöllner nicht der schlimmere Heuchler von beiden ist?

Genau so ist in der Polemik der konfessionellen Auseinandersetzungen der letzten Jahrhunderte die lutherische Rechtfertigungslehre karikiert worden: Als ein Freibrief zum Sündigen. Und genau um den urlutherischen Schlüsselbegriff der Rechtfertigung geht es ja hier: Es ist eine der seltenen Stellen, wo in den Evangelien das Wort „dikaiosyne“ vorkommt, das sonst in den paulinischen Briefen zu Hause ist, etwa in dem berühmten Ausschnitt aus dem Epheserbrief, den wir vorhin als Lesung gehört und auch besungen haben. Dikaiosyne – das Gerecht gesprochen werden des sündigen Menschen durch den gnädigen Gott, allein aus seiner Gnade, nicht weil sie sich der Mensch durch Wohlverhalten irgendwie verdient hätte. Wir müssen nicht die Anfragen von katholischer oder auch jüdischer Seite aufrufen, um dem Befremden über die moralische Ignoranz einer solchen Lehre Ausdruck zu verleihen. Denken Sie nur an den Protestanten Immanuel Kant, der die Notwendigkeit, dass es Gott geben müsse, damit begründete, es brauche schließlich eine Instanz, die in einer anderen Welt als dieser für Gerechtigkeit sorgt, um den Anständigen zu motivieren, der auf Erden oft den Kürzeren zieht. Kant hat sicher viel für den Pharisäer in unserer Geschichte übrig gehabt, nicht so sehr für den schuldbewussten Zöllner. Bricht die nicht allgemeine Moral zusammen, wenn man es sich so leicht machen kann wie der Zöllner?

Eine solche Argumentation übersieht, dass es mit das Schwerste ist, wirklich zuzugeben, dass man etwas falsch gemacht hat, dass man sein Leben an falschen Prämissen ausgerichtet hat. Der Zöllner hätte tausend Gründe gehabt, warum er gar nicht anders kann als Zöllner zu sein, und für jede einzelne kleine und große Ungerechtigkeit lässt sich doch immer ein Sachzwang finden, der ein mildes Licht darüber wirft und dem Täter Entlastung verschafft. Wir kennen das zur Genüge aus den Selbstrechtfertigungen der Täter und Helfershelfer der Nazis und der DDR-Diktatur, aber jeder Konflikt in einer Grundschulklasse oder zwischen Nachbarn funktioniert letztlich so, dass immer die anderen schuld sind, oder die Umstände, jedenfalls nie man selber. Von daher ist das Verhalten dieses Zöllners außergewöhnlich, und das stellt Jesus im Gleichnis eben heraus.

Für uns allerdings ist es – anders als für Jesus –viel schwerer zu beurteilen, ob das sichtbare Schuldbewusstsein von Herzen kommt oder nicht auch eine Form der Selbstverstellung ist. Hinter uns liegt eine Frömmigkeitsgeschichte, in der offen zur Schau gestelltes Sündenbewusstsein Hand in Hand gehen konnte mit ausgesprochen unbarmherzigem Verhalten gegenüber den Mitmenschen im Alltag. In das Sich-Erniedrigen wird dann sozusagen das Erhöhtwerden schon fest einkalkuliert. Aber wer von uns könnte das eine von dem anderen definitiv unterscheiden?

Darin liegt eine weitere Pointe dieser Geschichte: Dass wir es Jesus nicht einfach nachmachen können und sagen: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener“. Im Gegenteil, wenn Jesus so etwas feststellt, dann eben um zu markieren, dass ein solches Urteil Menschen nicht zusteht. Den Einblick, den Jesus in die Gnade Gottes hat, den haben wir eben nicht.

Deshalb ist die ganze Debatte über den Pharisäer und den Zöllner nicht nur im Hinblick auf das Gottesverhältnis einzelner Menschen von Interesse; sie hat vielmehr fundamentale Bedeutung für das Miteinander in der Kirche oder in einer Gemeinde. Wenn nämlich kein sichtbares Verhalten die Gnade Gottes garantiert, und wenn es keinen Menschen gibt, der abschließend feststellen könnte, wem die Gnade Gottes gilt und wem nicht, dann heißt das ja, dass man in Kirche und Gemeinde beides findet: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ Die lutherische Theologie hat aus diesem Problem heraus eine bemerkenswerte Lehre entwickelt, die Lehre von der Kirche als ‚corpus permixtum’. Das heißt, die Kirche ist eine Einheit, ein Ganze, in dem Gutes und Schlechtes, Heilbringendes und Heilloses so miteinander vermischt ist, dass es Gott vorbehalten bleiben muss, das eine vom anderen zu unterscheiden. Die Grenze läuft mitten durch die Gemeinde, ja, mitten durch einzelne Menschen hindurch. Das heißt nicht, dass in der Kirche jeder machen kann, was er mag, und alles gleichermaßen richtig ist, so dass sich jede Diskussion erübrigt hätte. Aber das Einhalten von Spielregeln, die unter Menschen für ein sinnvolles, geschwisterliches Miteinander sorgen, ist nicht zu verwechseln mit der Annahme eines Menschen durch Gott.

Natürlich hat es immer wieder Versuche gegeben, eine größere Eindeutigkeit herzustellen. Im Mittelalter hatte das Mönchtum dieses Selbstbewusstsein; die Reformatoren protestierten schärfstens, weil sie die Folgen eines solchen christlichen Elitebewusstseins sahen. Heute versuchen manche Freikirchen, sich über den Status eines corpus permixtum zu erheben und nichts als wahre Kirche der Erlösten zu sein, etwa durch persönliche Erklärung, dass man ab sofort ein richtiger Christ sein wolle – und nur dann darf man dazu gehören. Solche Versuche, der Gnade Gottes zuvor zu kommen, enden regelmäßig in der Nähe des Pharisäers im Gleichnis, der da sagt: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute.“

Weder den Pharisäer noch den Zöllner können wir also in unmittelbarem Sinne als Vorbilder nehmen. Was aber an dem Zöllner allemal vorbildlich ist, dass er sich sehr genau darüber im klaren ist, dass er sich im Glauben auf dem Weg befindet und dass es nicht möglich ist, hinter die Sache mit Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Häkchen zu machen. Er setzt sich Gott aus und damit der Gefahr, verworfen zu werden. Er schaut nicht auf die anderen, sondern auf sein eigenes Leben. Und so ist es dann doch ganz richtig, dass wir in diesem Gleichnis auf die Seite des Zöllners gehören.

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