Glaubt an die Barmherzigkeit!

Liebe Gemeinde,

dieser Bibeltext ist sicher einer der bekanntesten überhaupt. Der Satz vom Splitter im Auge ist auch in unserer Sprache zur Redewendung geworden. Wirf einem anderen nichts vor, was dich selbst betreffen könnte! Der Satz: Er ist mir ein Dorn im Auge, meint ja fast dasselbe im Bild. Doch hierbei ist der Dorn oder Splitter keine Eigenschaft, sondern eine Person. Dafür gibt es auch ein Beispiel aus der Bibel, ein sehr hartes und unmenschlich zu nennendes Zitat. Als das Volk Israel nach den Vorstellungen der Moseerzählung in das gelobte Land kam, war es von anderen Völkern besetzt, die auch andere Götter anbeteten. Dagegen wendet sich der Satz: „Wenn ihr die Einwohner des Landes vor euch nicht vertreibt, dann werden die, die von ihnen übrigbleiben, zu Splittern in euren Augen und zu Stacheln in eurer Seite.“ (4. Mose 33, 54) Ich habe natürlich einen Moment lang überlegt, ob der sprichwörtliche Satz Jesu hier eher eine Anspielung auf diesen Text ist. Doch ich denke, dass man das getrost verwerfen kann. Der Zusammenhang ist hier so eindeutig und passend auf dieses Bild vom Splitter, dass er auch übertragen werden kann. Es geht ja auch nicht um den Splitter in meinem Auge, sondern in dem des Bruders und der Schwester. Ich sehe diesen Splitter, diese Sorge, dieses Problem, diese Unfähigkeit, diese negative Eigenschaft und nehme sie bei mir nicht wahr. Dazu setzt Jesus nun geschickt noch das Größenverhältnis. Das was mich aufregt, ist in Wahrheit ein Splitter, und das, was ich nicht sehe, ist ein Balken. Das ist dann das sprichwörtliche Brett vor dem Kopf. –

Was ist eigentlich schwierig an diesem Text? Ist es die Frage des Anspruches der Bibel, dem wir ja sicher alle nicht gerecht werden? Oder ist es die Tatsache, dass diese Worte tatsächlich einen Lebensmaßstab bilden können? Sollen wir schon gleich zu den konkreten Beispiele kommen?

Ich möchte eigentlich noch gern etwas bei dem Text bleiben. Es ist doch oft so, wenn etwas direkt ins Auge springt, dann bleibt der Rest im Schatten. Dabei haben wir hier in der guten Nachricht Bibel zwei deutlich abgeteilte Textabschnitte. Der Textabschnitt, der mit der Ermahnung beginnt „Werdet barmherzig“ endet mit der Erwähnung des überreichlichen Maßes, mit dem diejenigen beschenkt werden, die selbst schenken können. In diesem Fall ist die Gute Nachricht Bibel nicht in der Lage, das ursprüngliche Bild des biblischen Textes wiederzugeben, das auch in den Sprichwortschatz der deutschen Sprache eingegangen ist: Bei Luther ist die Rede vom gerüttelten Maß. Das Maß ist voll, könnte man sagen. Aber das ist nicht gemeint. Es geht offensichtlich darum, dass man das Korn auf manchen Märkten nicht gewogen, sondern in einem Hohlmaß, also einem Holzkasten gemessen hat. Wenn man den dann rüttelte, wurde die gleiche Menge Korn verdichtet und erschien weniger. Das konnte man dann auffüllen, so dass das Maß voller wurde. Dadurch hatten die Händler einen kleinen Spielraum. Manchen gaben sie mehr, manchen weniger, obwohl das Maß immer gleich war. In diesem Bild ist direkt von Gott die Rede. Hier ist eine Rechtfertigungslehre, wie es ja heißt genannt, in der es um das Urteilen und Verurteilen Gottes geht. Da sollte man genauer hinsehen:

A) Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! Gott, der in der Sprache Jesu hier Vater genannt wird ist barmherzig. Das wird nicht näher begründet, ist also Konsens, unstrittig. Die Barmherzigkeit Gottes muss also gar nicht mit Kreuz und Auferstehung Jesu Christi und dem großen theologischen Gnadenwerk begründet werden, sie liegt im Wesen der biblischen Rede von Gott begründet. Von einem anderen als barmherzigen Gott wäre nie die Rede in der Bibel. Und wie zeigt sich diese Barmherzigkeit? In der Geschichte Israels darin, dass sie nicht aufhört, trotz aller Fehlschläge, trotz allem Ungehorsam und der Anbetung des Mammon. Die israelitische Religion hat nichts gegen fremde Menschen, die die gleiche Rechte genießen wie die Israeliten auch, aber sie hat etwas gegen fremde und andere Götter. Wer sollte auch einen Gott, der barmherzig ist, gegen andere Götter vertauschen. Es gab mächtigere Götter wie etwa Jupiter. Es gab Götter, mit denen man mehr Feste feiern konnte, wie im Dyonisos oder Mithraskult. Aber es gab keinen anderen Gott, der barmherzig war. Jesu und unser Gott ist der barmherzige Vater. Das ist eine prima Gebetsanrede. „Gott, barmherziger Vater, gib mir und uns deine Gnade. Lass uns nicht an den Ergebnissen unserer Verfehlungen zugrunde gehen.“ So könnte man zu Gott in Jesu Sinn beten.

B) Auf dieses Bekenntnis zu Gottes Barmherzigkeit kommen vier kurze Sätze mit Ermahnungen: Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. Schenkt, dann wird Gott euch schenken. Hier wird eine kleine Ethik entfaltet. Zweimal wird gesagt, was Christen nicht tun sollen, und zweimal wird gesagt, was Christen tun sollen. Jeder dieser Sätze ist eine Ermahnung und ein Glaubenssatz. Gott verurteilt euch nicht, Gott sitzt nicht über euch zu Gericht. Gott wird euch verzeihen und etwas schenken. Die Tätigkeitsworte zeigen uns hier eine Gottesvorstellung, die leicht zu verstehen, aber nicht leicht nachzuvollziehen ist. Gott ist Richter, denn er kann verurteilen, zu Gericht sitzen, verzeihen und schenken oder eben nicht. Mit dem Begriff schenken ist vielleicht angedeutet, dass dieser Richter zugleich ein Schenkender ist. Vielleicht ist das eine ideale Gestalt, die auch auf einen König passen könnte, der richten und schenken kann. Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist in dieser Vorstellung nicht die freie Gnade, nicht die Rechtfertigung des Sünders, sondern die höhere Instanz der Barmherzigkeit, die durch ihre Ankündigung der Gnade und des Geschenks die Schenkenden zu Beschenkten macht, die Verzeihenden zu Begnadigten, diejenigen, die nicht Verurteilen zu nicht verurteilten und nicht gerichteten. In unserer evangelischen Kirchengeschichte hat dieses in Jesus von Nazareth und im Judentum begründete Gottesbild dem Gott der freien Gnade weichen müssen. Ich persönlich hänge an diesem Text. Natürlich glaube ich auch an die Rechtfertigung des Sünders. Aber ich sehe darin eher ein Aussage über den anderen Menschen. Der andere ist gerechtfertigt und ist mein Nächster. Wer sich selbst zu schnell nur als gerechtfertigter sieht und sich seiner Gnade gewiss zu sein scheint, solle zusehen, dass er nicht über die Balken falle, die er übersieht.

C) Die Vorstellung Jesu vom barmherzigen und gnädigen Gott ist in der Verkündigung Jesu auf das alltägliche Leben bezogen. Hier ist von echter Gemeinschaft die Rede, die aus dem Glauben an den barmherzigen Gott wächst. Hier ist Gott noch wirklich frei, sich zugunsten einem Menschen zu entscheiden. Was soll mir denn ein Gott wirklich nützen, der in ein religiöses Schema gepresst ist. Andererseits ist der Gerichtsgedanke selbst nicht weiterführend. Und heute kaum verständlich. Diese Gottesvorstellung von der Barmherzigkeit sollten wir in andere Bilder überführen. Ein gutes Bild ist doch immer noch das des Vaters und ergänzend müsste man sagen der Mutter. Diese Vorstellung ist doch alltäglich, da jeder irgendwie Vater und Mutter hat. Vater- und Mutter-Bilder können doch mit Barmherzigkeit und Gnade, mit Verzeihen und mit Schenken in Verbindung gebracht werden. Aus dieser Glaubenshaltung erwächst eine Lebenseinstellung. Gottglaube und Barmherzigkeit, Gott ist die Liebe, wenn unser Leben liebevoll ist. Die Lebenspraxis verkörpert nicht nur unsere Gottesbild, sondern auch unsere Gottesgestalt. In unserem Leben entscheidet sich unser Glaube. Und trotzdem ist Gott größer als unser Herz. Wir sollten ihn nur väterlich und mütterlich sein lassen.

D) Was hat der Glaube an Gott, der unser barmherziger Vater ist, für Konsequenzen? Der zweite Abschnitt vertieft die Ermahnungen des ersten mit einigen Bildern vom Schüler und vom Lehrer und von den Blinden, die sich nicht gegenseitig führen können. Zuletzt von dem Splitter, der uns immer so aufregt, während der eigene Balken unsichtbar bleibt. Dieser Abschnitt bringt für mich eigentlich kaum einen neuen Gedanken, aber er zeigt auf andere Weise, wer in diesen Sätzen angeredet ist. Vom Bruder ist die Rede, die Gute Nachricht ergänzt: Schwester. So redete man sich doch nur innerhalb der christlichen Gemeinde an. Die Geschichte meint den Jüngerkreis. Dazu passt das Bild vom Schüler und vom Lehrer, da sich die Jünger auch als Schüler bezeichneten. Die Christinnen und Christen sind also selbst angesprochen. Diese Ermahnungen zeigen unsere gemeinsame Verwurzelung im Glauben und weisen uns darauf hin, dass unser Glaube und die Gemeinschaft einander entsprechen. Christinnen und Christen bilden eine Art Gottesvolk. Es heißt also nicht unbedingt, dass diese Regeln überall gelten müssen, auch wenn das wünschenswert wäre. Sie sollten zuerst einmal für die Gemeinde gelten. Das heißt: Es gibt den Glauben an den barmherzigen Vater und eine entsprechende Gemeinde. Auch in dieser Gemeinde geht manches daneben, ist weltlich. Aber dennoch ist die Frage, ob sich der Glaube an Gott als den Vater nicht in dieser Geschwisterlichkeit verwirklicht, die hier angedeutet ist. Was das bedeutend kann, leitet sich immer wieder vom Glauben her.

E) In Aplerbeck feiert die Auferstehungskirche im Klinikzentrum heute Jubiläum. Dies führt mich nur einmal zur konkreten Frage, ob nicht der Umgang mit psychischen Erkrankungen und mit den Kranken selbst in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu ist. Hier ist die christliche Gemeinde gefordert, Vorurteile abbauen zu helfen. „Seid barmherzig, … ja: Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist!" Wie schon am Anfang gesagt, die konkreten Beispiele für diesen Predigttext braucht man schon fast nicht zu nennen, das sie uns täglich begegnen.

So komme ich am Schluss dieser Predigt also dazu, anstelle die Ermahnungen des Textes zu wiederholen, Glaubenssätze aufzuzählen, aus denen sich dieses oder jenes ergibt: „Seid barmherzig." Vergebt und gebt. Wir könnten ebenso gut sagen: Glaubt! Glaubt an euren Vater im Himmel; er ist barmherzig; er hat ein Herz für die Armen. Glaubt, dass ihr euer Dasein nicht euch selber verdankt. Nicht euren Fleiß, nicht eurer strebsamen Tüchtigkeit. Glaubt, dass ihr in allem, was ihr habt, beschenkt seid. Wie Luther in der Erklärung des Glaubensbekenntnisses gesagt hat: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat und noch erhält und vor allem Übel behütet und bewahrt und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn´ all´ mein Verdienst und Würdigkeit.“ Glaubt, dass ihr vor Gott arm seid, mit leeren Händen vor ihm steht, ganz angewiesen auf sein Geben und Vergeben. Glaubt, dass ihr vergeht, wenn Gott euch nicht barmherzig richtet. Glaubt, dass ihr gebunden und gefangen bleibt in Zeit und Ewigkeit, wenn Christus euch nicht freispricht. Glaubt und sagt euch los von dem Irrglauben, dass ihr etwas Gutes verdient hättet: eure Stellung und eure Einkünfte, eure Gesundheit und dass ihr bis jetzt immer noch einigermaßen gut davongekommen seid. Glaubt und vergebt. Gebt aus der Hand auch die Beweise für die Verfehlungen anderer gegen euch; ihr könnt sie ihnen dann nicht mehr vorhalten; aber braucht ihr euch denn zu beweisen, dass ihr besser als andere seid? Glaubt und gebt. Frag dich, wenn du an andere austeilst: Bin ich zu maßvoll? Zu besorgt um mich selber? Wird, wer selber süchtig ist nach Gut und Geld, einem anderen einen Ausweg aus der Sucht zeigen können? Wird, wer um seine Selbstachtung aufrechtzuerhalten, die Gewissheit benötigt, dass andere übler handeln als er, einen Gestrauchelten aufrichten können?

Das waren nur einige Streiflichter, die die Ermahnungen des Textes mal ganz aus der Perspektive des Glaubens aufgeschrieben haben und wir haben gesehen: Es geht. Beides muss also festgehalten werden: Die Barmherzigkeit folgt aus dem Glauben an den barmherzigen Vater und genauso: Die Unbarmherzigkeit ist eine Form des Unglaubens. Wenn uns dieser Text also einen Spiegel vorgehalten haben sollte, dann den des Unglaubens.
Doch Glaube ist ein Geschenk. Glaube kann man sich nicht erarbeiten oder verdienen. Was können wir tun: Das Geschenk nehmen. Die Chance ergreifen. Und nicht zuerst an das Tun denken und dabei schon in Gedanken versagen, sondern es uns einfach machen: Zuerst an das Glauben denken. Dorothee Sölle sagt einmal: „Es gibt Zeiten, in denen wir nichts von seiner Auferstehung spüren, Zeiten des Schmerzes und der Tortur, Zeichen vieler Kreuze. Lasst uns trotzdem nicht zu denen gehören, die die Nachricht von der Auferstehung unterdrücken oder sich selbst nicht mehr glauben.“

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