Glauben Sie an Wunder?

<i>[Gliederung: I. Wunderfrage – 1. Wozu dienen die Wunder Jesu? 2. Was ist ein Wunder? 3. Beweiskraft der Wunder; II. Existenztypologische Auslegung – 1. incurvatus in se ipsum 2. Glaube a posteriori durch Heil(ungs)erfahrung 3. Die Leiblichkeit des „Wunders“Liebe[</i>

Gemeinde,

glauben Sie an Wunder? Und ich meine jetzt nicht die übliche Ausflucht, dass oft auch ein neugeborenes Baby oder das Erwachen der Natur im Frühling als Wunder bezeichnet wird. Nein, ich meine ‚Wunder’ so, wie wir es in unserer heutigen Jesus-Geschichte vor uns haben.

Da gibt es ja drei geläufige Meinungen dazu: Die einen sagen: Also das mit den Wundern ist alles Unsinn, das sind antike Sagen, da ist nichts dran. – Dann gibt es andere die sagen: Also wenn das in der Bibel so steht, dann wird es wohl so gewesen sein, nur leider haben die Wunder nach den biblischen Ereignissen eben aufgehört und heute gibt es sie nicht mehr. – Und dann gibt es dritte, die sagen: Gott ist allmächtig, er kann alles, was er will, er kann auch die Naturgesetze brechen. Und zwar konnte das nicht nur Jesus, als er auf der Erde war, sondern auch heute, wenn man nur recht glaubt und betet, auch heute kann Gott Wunder tun.
Vielleicht vertreten Sie auch eine dieser drei Meinungen, gehört haben Sie bestimmt alle drei schon. Was stimmt?

Ich stelle die Frage erst noch zurück und schiebe eine andere ein, die für den Glauben und auch für unseren Evangelisten Markus viel wichtiger ist: Wozu dienen denn die Wunder Jesu?

– Nun, Markus schreibt schon in seiner Überschrift für sein Evangelium, dass alles, was er schreibt zeigen soll, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, also der Retter ist (cf Mk 1,1). Und also will das auch unsere Geschichte zeigen.

Aber damit wird die Frage nur umso dringlicher: Ja, wenn Jesus da diesen Taubstummen auf wunderbare Weise heilt, wie kann das gute Botschaft für uns heute sein? Was geht das mich an? – Um es deutlich zu sagen: Der Taubstumme selbst geht uns nichts an: Wir kennen ihn nicht, nicht einmal seinen Namen. Und dieses bestimmte eine Wunder seiner Heilung, das hier erzählt wird, geht uns als solches auch nichts an, weil wir persönlich nichts davon haben und weil wir solche Wunder nicht erleben.

Was uns also an dieser Geschichte allein etwas angeht, ist Jesus. Die Geschichte soll uns zeigen, wer er ist. – Wir erinnern uns an die Lesung aus Jesaja, wo es von der zukünftigen Heilszeit hiess: „Dann werden die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“

Also, liebe Gemeinde, wenn Jesus jetzt einen Taubstummen heilt, einen, in dem sich gleich zwei Leiden vereinen, dann ist die Heilszeit mit Jesus schon angebrochen. Er ist der Herr der Welt – uns, den Menschen, zugute. D.h. er ist Herr auch über die Gewalten, die uns bedrängen, wie z.B. Krankheiten. Gott ist stärker als alles was uns niedermacht, was uns schaden will und schaden kann.

Aber bevor wir das vertiefen, liebe Gemeinde, nochmal zurück zu der Frage nach den Wundern selbst. Ich spitze mal zu: Müssen wir an Wunder glauben? Die Frage ist nur dann eindeutig zu beantworten, wenn wir uns darauf verständigen, was wir mit Wunder meinen: Wenn „Wunder“ der Bruch der Naturgesetze ist, dann ist klar: An solche Wunder muss niemand glauben, an solche Wunder hat nämlich auch in der Bibel niemand geglaubt. Für die Bibel und eben auch für unsere Jesus-Geschichte durchbrechen Wunder nicht das übliche Weltbild, sondern sie gehören gerade dazu. In den Wundern zeigt sich nur die göttliche Macht besonders intensiv, die Macht, die die Welt und das Weltall in der Hand hat. Wunder weisen auf diese höhere Macht hin. Wunder gehören für antike Menschen zur Wirklichkeit dazu, zwar nicht zum normalen Alltag, aber sie sind gerade keine Störung des Weltbildes. Naturgesetze in unserem Sinne kannte man überhaupt nicht.

Und deshalb sind auch Wunder, ob Dämonenaustreibungen oder Heilungen, gar nichts besonders Christliches. Auch die jüdische und heidnische Religion damals im direkten Umfeld Jesu kannte solche Wunder. Und das, liebe Gemeinde, ist der Grund, warum Jesus nach der Wunderheilung gebietet, nichts davon zu erzählen. Wenn man ihn als Wundertäter bekannt machen würde, wäre das zuwenig, man würde ihm gar nicht gerecht. Er ist viel mehr als ein Wundertäter. Ja, er heilt auch wie eben die Wundertäter anderer Religionen. Die Macht, die die haben, hat er auch – und die ist vielleicht mit den Mitteln heutiger Wissenschaft wirklich nicht oder noch nicht zu klären. Aber wenn wir heute in unseren Gemeinden solche Taten nicht mehr erleben, dann ist das nicht weiter bedauerlich. Denn es gibt solche Phänomene ja auch heute im okkulten und esoterischen Bereich und in anderen Religionen. Das zeigt uns, dass wir etwas speziell Christliches nicht gewinnen würden, wenn bei uns solche Heilungen passieren würden. Als moderner Mensch bin ich recht froh, dass Gott seine heilende Schöpfermacht auch in der naturwissenschaftlichen Medizin zeigt – und deshalb nehme ich sie in Anspruch.

D.h. unser Glaube ist nicht christlich, weil er an Wunder glaubt, sondern weil wir an ihn, Jesus Christus, glauben. D.h. wir glauben an den, der alle Macht der Welt hat und trotzdem am Kreuz stirbt. Das ist das eigentliche Wunder; kein Spektakel, sondern ein Ärgernis.

Aber Wunder als Durchbrechung der Naturwissenschaft sind manchen Menschen auch deshalb wichtig, weil sie darin einen Beweis sehen, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist. Nur wer als Sohn so direkt von Gott kommt, kann eben so grosse Taten tun, heisst es – aber es stimmt wie gesagt schon deshalb nicht, weil andere, die nichts mit Jesus und seinem Vater zu tun haben wollen, ähnliches tun. Noch wichtiger ist, dass die Suche nach Beweisen an sich falsch ist.

Wäre es dem Sohn Gottes darauf angekommen, beweisbar zu uns zu kommen, wäre er wohl kaum als Mensch wie du und ich gekommen. Ein Gottessohn, der als Mensch ans Kreuz geht, der legt es wirklich nicht auf Beweise an. Und das ist im übrigen das wahre Wunder Gottes, – kein Wunder gegen die Natur, sondern ein Wunder gegen unsere Gottesvorstellung.

‚Beweise sind zwingend, sie zwingen den Menschen zur Anerkennung. Gott will uns aber nicht zwingen. Er will nicht Menschen, die von Beweisen erschlagen sind und die daraufhin sagen: Uns bleibt ja nichts anderes übrig, wir müssen dich als Sohn Gottes anerkennen. So etwas will Gott nicht. Er will, dass wir ihm freiwillig folgen. Glauben soll ja Verstehen und Überzeugung sein, kein Müssen ohne Verstand. Darum beweist sich Gott nicht. Wohl aber tut er Zeichen, die sind wie Leuchtzeichen in der Nacht, damit der, der will, ihnen vertrauen und den Weg, den sie weisen, finden kann. Aber so wenig die Leuchtzeichen den Wanderer zwingen, gerade diesen Weg auch einzuschlagen, so wenig zwingen Gottes Zeichen. Man kann diesen Zeichen auch nicht folgen und eben Jesus mit irgendeinem Wundermann und Gesundmacher verwechseln.’ (nach D. Meyer)

II. Also, liebe Gemeinde, dann nehmen wir jetzt die Heilung des Taubstummen als so ein Zeichen für uns. Gerade das Taubstumm-Sein kann uns ein wichtiges Zeichen, ein Symbol werden: Der Taubstumme ist ja in sich selbst verschlossen. Und so ist das, wozu der Taubstumme verdammt ist, ein Symbol dafür, was wir oft willentlich sind: In uns selbst verschlossen. Wir schotten uns ab von der Aussenwelt, nehmen nichts mehr wahr ausser uns selbst – und können uns ein anderes Leben oft gar nicht mehr vorstellen; es läuft ja. Vielleicht steckt tief in uns die Sehnsucht, dass es auch anders, besser, echter sein könnte, aber das verdrängen wir.

Manchmal, in verstohlenen, intimen Momenten fällt zwischen uns die Frage: Bist du eigentlich glücklich? Und dann drucksen wir meist herum und sagen: Naja, glücklich ist vielleicht zuviel gesagt; zufrieden bin ich schon, ich hab ja eigentlich alles erreicht, was ich so wollte mit meinem Leben, was will man mehr?… – Dieses Herumgedruckse ist so ein Zeichen dafür, dass wir uns zwar eingerichtet haben im Leben, aber doch gefangen sind in dem, was wir uns selbst zurechtgezimmert haben. Meist verschliessen wir uns sogar gegen diejenigen, die uns heraushelfen könnten. Manchmal sind wir sogar lieber einsam und verzweifelt, als dass wir Hilfe suchen. Denn in der Verzweiflung bin ich wenigstens unzweifelhaft ich selbst. Und dieses ‚Ich selbst’ ist uns so wichtig, dass uns sogar Hören und Sehen vergehen kann.

So kann der Taubstumme natürlich nicht selbst zu Jesus gehen wie andere Kranke, sondern er muss gebracht werden. Und im übertragenen Sinn gilt das eben auch für uns. Es sind immer andere, die uns in die Kirche, zur Taufe gebracht haben, die uns von Gott und seinem Sohn erzählt haben. Aber das alleine langt noch nicht. Das löst unsere selbstgewollte Taubstummheit nicht auf. Da muss Gott selbst tätig werden. Und er tut es – und zwar nicht etwa nur sanft. In Luthers Übersetzung heisst es: Jesus legte ihm die Finger in die Ohren. Eigentlich müsste man sagen: Er stemmt oder stösst ihm die Finger in die Ohren. Unser Widerstand ist ja schliesslich nicht gering. Unser Wille zur Selbstverwirklichung ist stark, da muss Jesus Kraft anwenden und den Widerstand eindrücken. Er schafft es und nicht nur das, die Zunge wird auch gelöst, der Stumme kann richtig reden. – Was wäre das bei uns?

Durch die Begegnung mit Gottes Sohn – im Gottesdienst oder sonst in der Gemeinde von Christenmenschen – da werden wir überführt, da geht uns auf, wer wir wirklich sind, da geht uns auf, was in unserem Leben Bestand hat; da geht uns auf, was Gott mit uns eigentlich vorhat. Nämlich nicht, dass wir nur um uns kreisen, sondern dass wir Gott hören und sein Wort weitersagen unter uns: Das heisst „richtig reden“ wie beim Taubstummen. Und wer von Gott geöffnet ist, ist dann auch offen für die Welt um sich herum, für die anderen und für das, was die brauchen. Das kann alles mögliche sein, da gibt es keine Rezepte. Was das jeweils ist, das merken wir dann schon, – aber nur, wenn Gott uns zuerst geöffnet hat für dieses Merken.

Ja, da geht es uns genauso wie dem Taubstummen: Erst wenn Gott schon an mir gehandelt hat, merke ich, was vorher mit mir war, was jetzt plötztlich neu und anders ist, und was jetzt in Zukunft alles möglich ist. Der Taubstumme sah ja zunächstmal nur einen Mann vor sich, der entschlossen auf ihn zukommt und dann seltsam hantiert. Wer das ist, was der will und macht, keine Ahnung. Aber als er plötzlich hören und sprechen kann, da wird ihm klar, was passiert ist, dass er neu geworden ist.

Und so geht es auch, wenn wir für den Glauben werben wollen. Es hat keinen Sinn, einem Ungläubigen vorzusagen: Also das war der Jesus, der kann das und das tun und deshalb ist er Gottes Sohn und das musst du jetzt endlich mal glauben, sonst geht’s dir schlecht! – Das mag gut gemeint sein, aber es interessiert niemanden, weil es nicht überzeugt. Auch wir als Gemeinde, als einzelne Gemeindeglieder müssen andere erfahren lassen, wer und wie Gottes Sohn ist, so wie wir es selbst erfahren haben, dann kann durch Gottes Gnade auch anderen klar werden: Ach ja stimmt, da wird auch bei mir etwas gelöst, da wird auch bei mir etwas neu.

Und noch ein letztes: Der Taubstumme lernt durch die Heilung natürlich Jesus als besonderen Mann Gottes kennen und das wird seine Seele nicht unberührt gelassen haben. Aber zunächst einmal wird sein Leib gesund. Und das ist wichtig, dass uns das nicht verloren geht, da wir das Wunder für uns als Symbol nehmen wollen. Denn wer von Gott geöffnet ist für das echte Leben, wer nicht mehr nur um sich und sein Selbst und seine Befindlichkeit kreisen muss, der wird zwar kaum noch sagen, dass Gesundheit überhaupt das wichtigste im Leben ist. Aber er wird Kranksein und Gebrechen leichter tragen. Gott hilft uns, wenn wir krank sind nicht durch übernatürliche Wunder, sondern er hilft uns den Leib in all seiner Schwäche tragen. Er wischt unsere Krankheit nicht weg, aber ihre Macht über unsere Seele, ihre Macht über unser Gemüt und über unser Leben hat er gebrochen, weil er der Herr über alles ist.

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