Glauben rechnet mit Gott – auch gegen ihn

Liebe Gemeinde!

„Not lehrt beten!“, sagte mir neulich mal wieder jemand. Es sei doch offensichtlich gewesen, dass nach den Terroranschlägen von New York die Kirchen wieder voller gewesen wären. Ich stehe diesem Satz zwiespältig gegenüber. Führen Schicksalsschläge uns automatisch zu Gott hin? Ich denke, dass schwere Erfahrungen Gottes Wirken auch erst einmal in Frage stellen können. „Wie kann Gott das nur zulassen?“ Andererseits wenden sich Menschen in ihrer Not an Gott. Wer sich in der Krise betend an Gott wendet, der rechnet zumindest noch mit einem Gott, der da ist und sich ansprechen lässt. Was aber passiert, wenn Gott nicht antwortet, nicht erreichbar ist?

Das ist die Situation der kanaanäischen Frau, von der wir eben gehört haben. Ihre Tochter ist krank, so krank, dass die Mutter hinter Jesus her läuft und um Hilfe bittet. Wahrscheinlich hat sie von Jesu Taten gehört und traut ihm zu, dass er ihrem Kind helfen kann. „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Die Frau spricht Jesus mit einem hohen Titel an. Sie weiß, dass er mehr ist als ein weiser Lehrer. Sie glaubt daran, dass in Jesus Gott den Menschen besonders nahe ist. Wenn überhaupt irgend jemand ihrer Tochter noch helfen kann, dann Gott. Und was macht Jesus? „Er antwortet ihr kein Wort.“ Das macht mich fast sprachlos. Jesus, der gekommen ist, den Menschen Gottes Nähe zuzusprechen, der ignoriert diesen Hilferuf. Jesus und durch ihn Gott, wendet sich ab, wenn seine Hilfe gebraucht wird? Ich finde das ganz schrecklich. Wie passt das mit dem barmherzigen Jesus zusammen, von dem uns die Bibel erzählt? Auch die Jünger sind nicht viel besser. „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach“, fordern sie Jesus auf und setzten sich für die Frau ein. Doch offensichtlich wollen sie die Frau nur möglichst schnell abwimmeln, weil sie ihnen lästig fällt. Es wird aber noch schlimmer. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, antwortet Jesus den Jüngern. Der Sohn Gottes ist nicht zuständig, so klingt dieser Satz. Doch hinter diesem Satz steckt auch ein Stück Geschichte des Christentums. Die ersten Christen sind aus den jüdischen Gemeinden hervorgegangen. In der Zeit des Evangelisten Matthäus wurde diskutiert, ob Jesu Botschaft an die Juden gerichtet war oder sich an alle Menschen richtete. Das war keine theologische Engstirnigkeit, es ging um das eigene Selbstverständnis der Christen. Hatte Jesus sich allein an die Juden gewandt, dann ging es um eine Reformierung der jüdischen Gemeinden, aus denen die ersten Christen hervorgingen. Richtete sich Jesus aber an alle, dann bedeutete das etwas ganz neues: Es bedeutete unter Umständen für die Christen den Bruch mit den jüdischen Gemeinden. Für den Evangelisten Matthäus und seine Gemeinde steckte also viel Zündstoff in diesem Vers: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Für uns bleibt die Provokation bestehen, dass Jesus die Frau abweist, die um seine Hilfe bittet. Aber die Frau lässt sich nicht so einfach wegschicken. Sie fällt vor ihm auf die Knie: „Herr, hilf mir!“ Nun ist Jesus gezwungen, sich direkt Auge in Auge mit ihr auseinanderzusetzen. Doch nun verweigert er sich nicht nur, er erteilt ihr auch noch eine demütigende Abfuhr: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Die Frau gehört als Kanaanäerin nicht zu den „Kindern Israels“. Sie ist eine Fremde, mit anderer Kultur und anderem Glauben. Schlimm genug, ihr die nötige Hilfe zu verweigern, aber sie auch noch mit den Hunden gleichzusetzen, das ist schockierend. „Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Das ist ein ganz wunderbarer Satz. Die Frau hebelt Jesu harte Argumentation mit seinen eigenen Worten aus. Sie lässt sich auch durch die harte Abfuhr nicht von ihrem Glauben abbringen. Sie hält daran fest, dass Jesus die richtige Adresse für ihre Bitten ist. Er kann, er muss und wird ihr helfen. Offensichtlich beeindruckt gibt Jesus endlich nach: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Endlich geht diese Erzählung, die so unerfreulich begonnen hatte, gut aus:
„Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.“

Schon der Glaube ist das erste Wunder. „Not lehrt beten?“ Das ist nicht die Botschaft dieser Geschichte. Not kann auch Verzweiflung oder Hart-Werden lehren. Es ist ein Wunder, wenn das nicht geschieht.
Deshalb bewundere ich die Frau für ihr hartnäckiges Aushalten, trotz der harschen Abfuhr, die ihr entgegenschlägt. Das allein schon ist ein Wunder, dass sie trotz der Krankheit ihrer Tochter sich an Gott wenden kann und an ihm fest hält. Die Geschichte der kanaanäischen Frau ist eine Erzählung über den Glauben.

Glauben rechnet mit Gott, auch und gerade mit dem fernen Glauben bedeutet, an Gott festzuhalten. Glauben heißt, Vertrauen zu wagen, nicht allein in die eigenen Kräfte, sondern in Gott. Glauben, das erzählt die Geschichte ganz eindrücklich, bedeutet auch, auszuhalten. Denn Glauben besteht nicht nur in der sicheren Erfahrung, dass Gott mir hilft, wenn es mir schlecht geht.
Es gibt auch Zeiten, in denen wir nach Gott fragen und eher zu glauben bereit sind, dass es Gott nicht gibt. Das ist die Erfahrung der Verlassenheit. Der Tod eines nahen Angehörigen, die Diagnose einer schweren Krankheit, vielleicht aber auch der Verlust der Arbeit, das sind Erfahrungen, die uns den Boden unter den Füßen wegziehen können. Wir fühlen uns alleingelassen. Allein mit uns selbst, mit unseren Ängsten und allein mit unserer Trauer. In solchen Zeiten erscheint auch Gott unerreichbar, abweisend, und wie ein Gegner. So wie die kanaanitische Frau Jesus zunächst erlebt. Nicht nur in dieser biblischen Geschichte wird diese Gottesferne beschrieben. Auch das Buch Hiob und die Psalmen reden von dieser Erfahrung des fernen Gottes. Es ist gut, dass die Bibel diese dunkle Seite des Glaubenslebens nicht verschweigt und uns in unseren Krisen nicht allein lässt. An dieser Stelle macht die Geschichte der kanaanitischen Frau Mut.

Glaube rebelliert. Die Frau nimmt ihre Situation nicht hin. Sie findet sich nicht ab mit der Krankheit ihrer Tochter. Noch mehr: Sie findet sich auch nicht damit ab, dass Jesus ihr nicht helfen will. Es ist ihr Glaube, der sie aufbegehren lässt. Ihr Glaube gibt ihr die Hoffnung darauf, dass die Situation ihres Kindes nicht so bleiben muss. Ihr Glaube lässt sie auf Jesus vertrauen, dass er ihr helfen kann. Und schließlich gibt ihr Glaube ihr die Kraft, sich dennoch an Gott zu wenden, auch wenn er fern erscheint. Sooft Jesus sich abwendet, läuft sie ihm nach. Das lerne ich von der kanaanäischen Frau: Der Glaube beginnt dort, wo ich meine Hoffnung auf Gott setze, selbst wenn alles um mich herum zu widersprechen scheint. Dieser Glaube verändert das Leben schon in dem Moment, in dem ich mich mit meiner Situation nicht abfinde. Ich resigniere nicht. Glaube lässt hoffen und darauf vertrauen, dass es noch etwas, noch jemanden außerhalb des eigenen Lebenskreises gibt, der mich tragen wird. Die kanaanäische Frau hält daran fest, dass sie in ihrem Elend nicht allein auf sich selbst angewiesen ist. Deshalb klagt sie Gottes Handeln ein. Nicht bei irgendwem, sondern sie wendet sich an Gott selbst. So wie es Hiob getan hat und auch die Psalmbeter. Weil Gott versprochen hat, dass er barmherzig ist, deshalb können wir uns an ihn wenden und seine Zuwendung einfordern. Gerade dann, wenn unser Leben so aussieht, als gebe es Gott für uns nicht mehr. Glauben ist manchmal auch ein Ringen, ein Ringen mit Gott um seine Zuwendung. Daran denken wir übrigens in jedem Gottesdienst, wenn wir am Ende singen: „Herr, Herr, Herr, ich lasse dich nicht, du segnest mich denn …“

Woher nimmt die Frau bloß solchen Glauben? Glaube lässt sich nicht von uns selbst hervorbringen. Gott schenkt Menschen Glauben, auch den Glauben, der damit beginnt, die Fragen und die Klagen Gott vorzuhalten. In unserer Geschichte ist es die Begegnung mit Jesus, die die Frau – trotz der Abfuhr – glauben lässt. Dieser Glaube verändert ihre Situation. Es ist der Glaube, der letztlich hilft und die Tochter gesund werden lässt. „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“, sagt Jesus. Das ist mir ganz wichtig geworden: Nicht das Wunder der Heilung, lässt die Frau glauben. Es ist umgekehrt: Ihr Glaube ermöglicht das Wunder. Auch unser Glaube kann bei uns Wunderbares bewirken: Die Perspektive im Leben kann sich ändern. Selbst in ganz schweren Krisen gibt es die Erfahrung: „Ich bin nicht allein. Es gibt jemand, der mich trägt, wenn ich nicht weiter kann. Es gibt jemanden, der mir hilft, wenn ich am Ende meiner Kraft bin.“ Vielleicht verändert sich in der Krise augenscheinlich nicht so viel. Wir müssen mit dem Verlust eines Verwandten leben, die Krankheit ertragen, den Verlust der Arbeit akzeptieren. Aber unser Glauben schenkt Vertrauen, Hoffnung und Mut, in dieser Situation weitergehen zu können. Der Glaube verändert unsere Sicht auf das Leben: Ich kann meinen Weg weiter gehen, ich bin nicht allein, sondern Gott ist mit mir. Das ist ein Wunder, das gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

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