Glaube und Angst

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie wird eigentlich geschildert was Jesus vor seinem Sterben dachte und fühlte? Welche Schmach musste er ertragen? Und was ist die zukünftige Stadt, die wir suchen? Diese menschliche Angst Jesu vor seiner Hinrichtung am Kreuz lässt sich ebenso in Jesu Bitten und Flehen im Garten Gethsemane nachlesen, vor allem in der Bitte, dass der Kelch vorübergehe. Und noch etwas anderes fällt an dem Predigttext aus dem Hebräerbrief auf: Jesus wird für seinen Gehorsam gegenüber Gott und seinem Leiden, für sein Blutzoll gelobt. Lob für den Blutzoll, Lob für das heilige Blutopfer. Das klingt für moderne Ohren makaber und etwas martialisch. Doch gemeint ist: Der Gottes Sohn Jesus Christus wird für seine Erlösungstat gepriesen und gelobt. Ein Mensch wird für sein Leiden, sein Blut, seine Angst, seine Tränen und seinen Gehorsam gelobt. Durch diese Tat vollbringt er Gottes versöhnende Heilstat an uns Menschen. Soweit zu den dogmatischen Erwägungen.

Mich beeindruckt an diesem Text, dass Jesus hier sehr starke menschliche Züge hat. Gott offenbart seine Allmacht über den Tod in der absoluten Ohnmacht eines Menschen. Und es ist bezeichnend und fast schon paradox, dass das wirkliche Symbol des Christentums für Leid und Stellvertretung im Leid der Gekreuzigte ist. Ein fast nackter Mensch, geschunden und hingerichtet auf die Tötungsart der Römer. Dort ist das Blut und dort sind die Wunden.

Die Botschaft für den heutigen Sonntag lautet somit klar und eindeutig: Gott leidet wie wir Menschen, weil er ein Mensch wie wir war. Und das heißt in letzter Konsequenz Gott geht den Weg ins Leid mit und hilft uns Menschen durch den Gehorsam zu einem neuen Weg ins Leben. Denn der Weg des Glauben ist auch der Weg Leid, Schmerz, Ohnmacht, Verzweiflung, Sinnleere, Angst, Einsamkeit, Isolation, Unverständnis, Depression und Frustration in Gehorsam zu tragen. Nicht zu ertragen, aber diesen schweren Weg mit dem Alltagsgepäck und Zentnerlasten auf der Seele zu tragen. Das Christentum ist m.E. eine sehr realistische Religion, eine Religion, die eine der Wirklichkeit entsprechende, weil menschliche Sicht der Welt vertritt, mit allen Höhen und Tiefen des Lebens. Da werden die Schmerzen und Ängste eines Menschen ernstgenommen, weil jeder Mensch von Gott angenommen wird, wenn er im Glauben an Gott festhält.

Allerdings haben wir Menschen so unsere Probleme und Ängste mit dem Leid, weil in unserer vor kraftstrotzenden, von Jugendkult und Schönheit, Körper- und esoterischen Seelenkult tagtäglich, dass Schöne, vermeintlich Wichtige und eventuell Gute propagiert wird. Schöne Menschen scheinen nicht zu leiden oder zu weinen. Schöne Menschen sind in der Werbung fast unsterblich. Leid und Tränen werden aus dem Alltag verdrängt. Tod und Sterben werden tabuisiert und aus dem Leben soweit und solange verdrängt wie möglich, was aus psychologischer Sicht teilweise verständlich ist. Viele möchten nur noch in Würde sterben, als ob die, die mit Leiden und Angst sterben unwürdig sterben würden? Mancher schreit dann aus Dummheit gleich nach aktiver Sterbehilfe, die er für sich selbst dann nicht Anspruch nehmen will. Die soll dann für andere gelten!

In diesem Zusammenhang wird häufig nach Gott gefragt? Warum Gott gerade mir dieses Leid auferlegt? Was habe ich getan? Womit habe ich das verdient? Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er das Leid zu? Warum hat er mich nicht vor diesem Leid verschont?

Ich kann darauf selten ein befriedigende Antwort geben, aber ich bin sicher, dass das Leiden und die Verzweiflung ein Teil unserer menschlichen Existenz sind. Ein dunkler, manchmal unverständiger, zerstörerischer Teil unseres Leben, aber nie ein Teil unseres Leben, der nicht auch durch Gehorsam durchschritten werden könnte, so dass ich durch das Leid in Gehorsam getröstet hindurchgehen kann.

Und dabei sind wir bei dem anderen Reizwort: Gehorsam. Das hört sich nicht gut an, denn in der heutigen Zeit, in der viele ihre Selbstverwirklichungs- und Individualismus-Phantasien haben, hört man nicht gerne auf andere Menschen. Aber, wer nicht hören will, der muss fühlen, sagt das Sprichwort. Auch klingt in dem Wort Gehorsam der Begriff des Kadavergehorsam durch, also ein Gehorsam, der ohne Hinterfragen und in Blindheit folgt und somit in den Abgrund führt. Ebenso klingt in dem unzeitgemäßen Wort Gehorsam das Wort Hörigkeit durch. Hörigkeit, die ein Ausdruck von großer Abhängigkeit ist. Eine Hörigkeit, wie sie in manchen Partnerbeziehungen vorkommt, und, welche die Ehen scheitern lässt. Zum Schluss hört man dann nur noch, dass er oder sie hörig waren, weil sich jemand in extreme Abhängigkeit zu jemand anderem begeben hat.

Aber liebe Schwestern und Brüder, der Gehorsam von dem hier geredet wird, ist kein blinder, stumpfsinniger oder in destruktive Abhängigkeit mündender Gehorsam, sondern das vertrauensvolle Hören auf das Wort Gottes. Das Hören auf die frohe Botschaft, auf die Macht des Glaubens, auf das Wunder des Mitleids in der Not durch Mitmenschen und die gläubige Tatsache, dass Gott selbst bzw. gerade im Leid auch den Weg des Leids mitgeht. Denn das Wort Gehorsam hat etwas mit Hören und Aufhorchen zu tun. Wenn ich im christlichen Sinne gehorsam bin, dann orientiere ich mich am Wort Gottes, an der frohen Botschaft, an dem Trost und Zuspruch im Leid. Und nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: es geht hier nicht um eine heile, heile Welt oder Piep-wir-haben-uns-alle- lieb-Philosophie , sondern es geht um den Gehorsam des Glaubens in der Situation und den Momenten des Leids und der Anfechtung. Gott zeigt uns im Leid, in der Angst, Verzweiflung und Ohnmacht im und durch den Glauben einen neuen Weg. Dieser Weg ist der Weg Gottes mit uns Menschen. Und so wie die leichte Schulter keine Last trägt, weil sie alles auf die leichte Schulter nimmt, so wird eine nicht gläubige Person keine Last tragen können. Sie wird unter dieser Last zusammenbrechen. Im Glauben gibt Gott jedem und jeder von uns genügend starke Schultern, um die Lasten des Lebens zu tragen.

Und so möchte ich die Predigt wie folgt bündeln.

1. Glaube und Vertrauen gehören zusammen.
Im Glauben vertraue ich auf Gottes Anwesenheit in guten wie in schlechten Zeiten. In Situationen der Belastbarkeit vertraue ich auf Gott. Wer Gott vertraut entgeht nicht der Bedrängnis und Angst, aber ihm wird ein Weg durch die Bedrängnis hindurch eröffnet.

2. Glaube und Gehorsam gehören zusammen.
Im Gehorsam gegenüber Gott, wenn ich also versuche seinen Geboten zu gehorchen und sein Wort immer wider neu zuhören, hoffe ich auf das richtige Wort zur rechten Zeit, den Trost und die Hilfe in der Not.

3. Glaube und Angst sind kein Widerspruch; auch sie gehören zusammen.
Das teilt uns der Verfasser des Hebräerbriefs mit. Angst und Glaube sind keine Widersprüche, auch überzeugte Christen haben und dürfen Angst vor dem Leid haben. Aber ihre Angst wird nicht zum Abgrund der Verzweiflung und zur Dunkelheit der Seele, sondern immer wieder ein hoffender Neuanfang mit Gottes Hilfe sein, weil – und das ist der Schlusspunkt der Predigt: Jesus hatte selbst Angst, er schrie, litt, bat um Verschonung und weinte. Gott hat ihn erlöst und uns zur Erlösung gegeben. Jesus Christus starb für uns, um uns mit Gott zu versöhnen, um uns zu erlösen. So wurde der Gekreuzigte für uns alle zum Heil, zum erlösenden und zum mitleidenden Heil, um uns immer wieder neu – durch den Glauben an ihn – einen Weg zu zeigen. Auch den Weg aus der Angst und Not. Gott führt uns aus der Angst und Not, damit können wir uns immer wieder neu trösten.

drucken