Gib uns ein festes Herz!

Liebe Gemeinde!

In diesem Jahr war es einmal nicht so schwer wie sonst, ein Geschenk für den zu finden, der schon alles hat: Pünktlich zum Weihnachtsfest gab es die kleinen Säckchen mit den neuen Geld, sie lagen unter manchem Christbaum – und lösten nicht überall Freude aus! Eine kleine Geschichte ist mir da erzählt worden, die ich Ihnen weitergeben möchte: Eine alte Dame beispielsweise nahm das Geschenk ihres Sohnes zwar entgegen, ließ sich Wechselkurs und Werte erklären, befühlte die Münzen, verglich und staunte, aber als sie wieder allein war an diesem Heiligen Abend, da ließ ihr, die doch schon zwei Währungsreformen miterlebt hatte, dieses merkwürdige Säckchen keine Ruhe. Schließlich rief sie mitten in der Nacht bei ihrem Sohn an: Sie könne gar nicht einschlafen; da liege dieses fremde Geld in ihrer Stube, habe es denn damit seine Richtigkeit – was solle sie nur damit anfangen? Es hat eine Weile gebraucht, bis ihr Sohn sie soweit beruhigt hatte, dass sie wieder zu Bett gehen konnte, und nun ist er selbst ein wenig beunruhigt, wie die Mutter wohl ab dem neuen Jahr zurecht kommen wird mit dem neuen Geld.

Sicher: Die Sorge dieser Frau ist ungewöhnlich stark gewesen. Aber wenn ich in die Zeitungen sehe oder ins Fernsehen, dann löst die Einführung des Euro doch enorm viel Unsicherheit aus, und diese Unsicherheit wird noch geschürt, regelrecht ausgenutzt von der Werbung ("Jeder Mensch hat andere Fragen… – Fragen Sie uns: Wir ziehen Sie über den Tisch!") und begleitet von übertriebenen Maßnahmen vieler Behörden und Banken – wenn ich allein an die Rundschreiben der kirchlichen Verwaltungsstellen denke, die immer neue Ideen und Vorschriften dafür entwickelten, wie die Opfer und Spenden der Gottesdienste zwischen Weihnachten und Epiphanias zu behandeln seien! Dabei ist es doch tatsächlich nebensächlich, in welcher Währung nachher unsere Opferbüchsen gefüllt werden, solange wir mit dem Geld Gutes tun können!

Ich denke, die ganze Hysterie hat einen einfachen Grund: Das Geld – ob nun die DM oder der Dollar – , es ist vielleicht der einzige Wert, der unserer Gesellschaft, der der ganzen Welt gemeinsam ist! Dass trotz Globalisierung und Internet, trotz ISS, der Internationalen Raumstation, und trotz des "Projekts Weltethos" die Menschheit mehr denn je uneins ist über den Weg, den sie gehen soll, haben uns spätestens die Ereignisse des 11. September vor Augen geführt. In der Folgezeit haben wir gelernt, wie weit wir entfernt sind von jenem Traum des Friedens unter den Religionen, der den Frieden der Nationen begründen soll. Wir haben einsehen müssen, was wir schon ahnten – dass selbst unsere Gesellschaft hier in Deutschland, im Südwesten – in Ofterdingen und anderswo – keine wirkliche Basis mehr hat, außer vielleicht im Geld und im Streben nach immer besseren wirtschaftlichen Verhältnissen. Und nach wie vor braucht es Einrichtungen wie den Eine-Welt-Laden, um Gerechtigkeit durchzusetzen gegen das Prinzip der Profitmaximierung. Vielleicht liegt darin gerade der Grund, warum diese Währungsumstellung vielen Menschen so unglaubliche Sorgen macht: Das Letzte, worauf man sich im Allgemeinen so verlassen konnte, ist nun auch unsicher geworden!

Freilich – ich bin zuversichtlich, dass die alte Dame die neue Währung bald in den Griff bekommt, so wie wir in einem Jahr vielleicht alle über das Umstellungstheater nur noch schmunzeln werden (außer vielleicht die, die sich haben kirre machen lassen und irgendwelchen Betrügereien auf den Leim gegangen sind). Trotzdem habe ich diese kleine Begebenheit an den Anfang meiner Predigt gesetzt, weil sie einige Parallelen mit der Situation aufweist, in der die Menschen sind, an die sich der Hebräerbrief richtet. Zugegeben, viel wissen wir nicht über die Hintergründe seiner Entstehung! Wir kennen weder den Verfasser (oder war es eine Autorin, wie manche vermuten, die ihn Maria, der Mutter Jesu, zuschreiben?), noch wissen wir, wo der Brief abgeschickt und wo er schließlich zugestellt wurde. Aber wir merken das Anliegen, und das lässt uns ahnen, auf welche Situation der Hebr reagiert. Da ist eine Gemeinde zutiefst verunsichert – da sind Veränderungen eingetreten, mit denen sie erst zurecht kommen muss. Ein Generationswechsel hat stattgefunden: Die Gemeindegründer sind nicht mehr am Leben, die Wiederkunft Christi, die sie erhofft hatten, verzögert sich mehr und mehr. Die Trennung zwischen Synagoge und Kirche ist endgültig vollzogen; die frommen Juden haben in ihr 18-Bitten-Gebet den Dank dafür aufgenommen, keine Christen zu sein – die judenchristlichen Gemeinden haben ihre Wurzel verloren, sind enttäuscht und resigniert. Das römische Reich erlebt die Gemeinden als Bedrohung: erste Verfolgungen finden statt. Gleichzeitig entstehen (modern ausgedrückt) multikulturelle Gemeinden, deren Mitglieder viele und höchst unterschiedliche Traditionen mitbringen – auch hier wieder Verunsicherung! Personelle Wechsel sind ohnehin immer schwierig für eine Gemeinde; in der Situation der Vakanz spürt man das schnell. Und wenn die Vakanz vorbei ist, muss man sich an den (oder die) Neue(n) gewöhnen, muss hineinhören in eine andere Art zu predigen, zu lehren und zu leiten. Ist das wirklich noch die selbe Botschaft, nur in anderen Worten? Oder kommt mit neuen Personen eine neue Lehre? Wem soll man da noch trauen? Wer verkündigt das Evangelium, wer sind die Irrlehrer?

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, sagt da der Hebr.: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!

Was da als Formel von Luther ins Deutsche gebracht wurde, ist ein Satz, dem das Verb fehlt. Manche Bibelübersetzungen fügen es ein. Wir lesen dann: Jesus Christus bleibt derselbe in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und verbinden damit den Gedanken der Unveränderlichkeit: Alles ist im Fluss, die ganze Welt verändert sich, die Gemeinde, das Geld, ja, selbst der eigene Partner oder die Partnerin ist auf einmal nicht mehr wiederzuerkennen – da ist es gut, dass Gott immer und unveränderlich gleich bleibt, dass das Bild, das wir uns von Jesus gemacht haben, nie verändert oder korrigiert werden muss!

So kann man das lesen: Jesus Christus bleibt derselbe… . Aber passt das auch? Passt das zu dem, was uns die Bibel über Jesu irdischen Weg erzählt? Passt das zu den Geschichten, in denen er sich überreden, überzeugen lässt, anders zu handeln als er ursprünglich wollte? Als ihm die Syrophönizierin die Heilung ihrer Tochter abtrotzt, zum Beispiel? Als Maria ihm ein Wunder abfordert zu einer Zeit, zu der er seine Stunde noch nicht gekommen sah? Und wie oft verändert sich Gott selbst? Ich brauche das gar nicht alles aufzählen – wir kennen die Geschichten, von der Sintflut etwa, nach deren Abklingen Gott schwört, so nie wieder zu rechten mit den Menschen, oder von der Diskussion mit Abraham über Sodom und Gomorrah, von den 40 Jahren Israels in der Wüste und vom wechselvollen Leben des König David, vom Babylonischen Exil und schließlich von der Menschwerdung Gottes, des wundersamsten Wechsels überhaupt. Und immer wieder lesen wir: "Gott sah sie an… und es jammerte ihn!" Aus Mitleid ändert er sich.

Müssen wir diese Formel dann nicht vielleicht so lesen: "Jesus bleibt der Christus gestern und heute – und er wird es in Ewigkeit bleiben!"? In der eigentümlichen Sprache dieses Briefes – an die Hebräer heißt er, weil so viele hebräische Begriffe und Vorstellungsweisen in ihm stecken – da bedeutet das: Jesus, nur er und nichts anderes sonst, kann uns selig machen. Jesus ist der "Heiland", den der greise Simeon im Tempel begeistert lobt (wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört), er ist die Brücke zwischen Gott und den Menschen, die einzige Brücke, und außer ihm und nach ihm wird es nichts geben, das uns den Himmel öffnet. Wo sich die Heiden über spezielle Rituale absichern wollen (der Hebr. nennt besondere Mahlzeiten von Götzenopferfleisch), wo die Juden das tägliche Sühnopfer am Tempel brauchen, wo Meditationspraxis und Astrologie, Horoskope und Ablasshandel helfen sollen, da sind religiöse Falschmünzer am Werk. Die einzige Währung, die bei Gott gilt, ist ein Blutzoll, nämlich der Opfertod Jesu am Kreuz. Wohlgemerkt, das ist die Sprache des Hebräerbriefes, der in der antiken Welt der Opferrituale zuhause ist. Wir sind es nicht mehr. Aber auch wir wissen – nicht zuletzt durch diese Formel aus Hebr 13 – , dass sich daran nichts geändert hat und auch nichts ändern wird. Die Älteren unter uns haben es vielleicht auch noch im Konfirmandenunterricht gelernt in der Auslegung zum 2.Glaubensartikel: "Ich glaube, dass Jesus Christus … sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben (gekauft), gewonnen von allen Sünden… nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut… damit ich sein eigen sei…" Und so formulieren es dann die Bekenntnisse unserer Tage: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben."

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Eine Bekenntnisformel ist das. Und sie knüpft an an das große Bekenntnis des Judentums aus dem 5.Buch Mose: "Höre, Israel, Jahwe ist der Herr, dein Gott, der Herr allein. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." Mit dem Herzen dabei sein sollen wir, wenn wir von Gott reden und wenn wir uns an ihn wenden, und gut und gnadenreich ist es, wenn das Herz fest wird – fest, nicht hart, nicht kalt oder versteinert. Im Hebräischen bedeutet das Wort für Herz auch "Wille" und "Gewissen". Das wäre schlimm, wenn unser Wille und Gewissen schwanken würden wie die Bäume im Wind, wenn sie sich brechen ließen, weil der Wind sich dreht, wenn sie den Stürmen nicht standhalten könnten, die das Leben so mit sich bringt. Und genauso schlimm wäre es, wenn Wille und Gewissen hart und versteinert wären. Wenn da kein Herz mehr wäre für die Schwachen, wenn da kein Spielraum mehr wäre für Veränderungen, für neue Lehrerinnen und Lehrer der alten und unveränderten Lehre, für Nachgiebigkeit und Barmherzigkeit. Weil das Herz ein "trotzig und verzagt Ding ist" (Jer 17), braucht es Gottes Gnade und seinen heiligen Geist dazu, es zu festigen. Man kann sagen, das Herz ist im doppelten Sinne eine "Werk-Statt" Gottes: Dort werden die falschen Götter gemacht ("Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott"), und dort wirkt Gottes Wort Veränderung. Nur er hat wirklich Macht, das Herz fest werden zu lassen, ohne es zu verhärten. Und wo das geschieht, da haben wir es dann mit glaubwürdigen Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums zu tun, mit Menschen, die um Gottes willen Freiheit aushalten können, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Ich habe das immer wieder staunend festgestellt – wie Jesus Christus die Ehre gegeben wird auf die unterschiedlichste Weise, ja, wie man voneinander lernen kann, ohne dass sich irgendjemand dabei irre machen lässt durch "falsche Lehre" – ein festes Herz ist ein Herz, das sich mit dem Herzen Gottes trifft, und Gottes Herz spricht eine liebevolle Sprache. "Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel?…Mein Herz ist andern Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt." (Hos 11,8) Und die hält sich nicht an starre Regeln und Vorschriften.

So paradox es klingen mag: Gott bleibt den Menschen treu – und gerade deshalb verändert er sich. Liebevoll wendet er sich uns zu, ist gerade denen nahe, die Einsamkeit und Angst am stärksten spüren, und eröffnet uns so die Freiheit, in der wir ihn und unseren Nächsten lieben können und dadurch das Gesetz erfüllen. Wenn wir in das neue Jahr gehen mit allem, was es an Neuem bringt: Neues Geld, neue Herausforderungen, Neuwahlen, dann wissen wir, dass uns all das vielleicht kurzfristig aufregen und verunsichern wird, uns aber letztlich nichts anhaben kann. Gott hält seine Zusagen ein – und darum bleibt nichts, wie es war, lässt sich nichts mit Sicherheit vorhersagen. Außer dem einen: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

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