Gestillte Sehnsucht

Liebe Gemeinde,

Stellen Sie sich vor, es würde wirklich geschehen! Nein, nicht dass das Christkind zu Ihnen kommt. Das ist gekommen, und es bleibt bei uns und begleitet uns durch den Alltag in vielerlei Gestalt. Da bin ich mir sicher. Aber stellen Sie sich vor, der Engel würde Ihnen erscheinen, nicht auf dem Felde bei den Hürden bei Bethlehem, sondern hier bei uns an der Straße nach Unterbrunnenreuth, mitten in Haunwöhr, in Zuchering beim Sportheim oder einfach daheim im Garten.

Sie sehen, ja was ich sehe, das ist gar nicht einmal so ausgemacht. Wir haben da unterschiedliche Vorstellungen von Engeln, aber das ist auch ganz gut so. Aber vor allem aber höre ich etwas, wenn ich diesem Engel begegne. Ich höre: Fürchte dich nicht! Siehe, ich verkündige dir große Freude, die allem Volk …

Doch würde ich die Engelsstimme jetzt überhaupt weiterreden lassen. Oder bin ich einer von denen, die dem Engel gleich ins Wort fallen und dabei am Ende gar nicht mitbekommen, was er mir sagen will: „Große Freude…! Du hast gut reden. Schau dir die Wirtschaftslage an. Große Freude. Da kann ich nur lachen! Selbst hier bei uns unter den 4 Ringen geht es schlechter. Alles wird teurer. Die Menschen wirken oft so entmutigt. Alle scheinen nur noch zu jammern. Spätestens beim Stichwort Terrorismus oder Irak zucken viele ängstlich zusammen. Wo ist da die Freude. Ich kann sie nicht sehen. Bestenfalls noch in den Kinderaugen, aber da ist sie auch spätestens am 26. Dezember verflogen, wenn das erste neue Spielzeug kaputt ist.“

Wie geht es Ihnen mit diesem Menschen, der da dazwischenredet, noch dazu am Heiligen Abend. Also ich mag diesen Zeitgenossen nicht. Auch wenn ich mich selbst in ihm allzu oft wiedererkenne. Etwas arg miesepetrig und pessimistisch kommt er daher. Sehr an den alltäglichen Dingen des Lebens orientiert ist er. Aber ehrlich gesagt: Das muss ja auch einfach sein. Als Träumer komme ich nicht durch in dieser Welt. Aber er nimmt sich eine große Chance, dieser Zeitgenosse.

Er nimmt sich die Chance zu hören, was da Unerhörtes und Wunderbares gesagt wird, von diesem Engel. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Einfachen Hirten ohne großen Wohlstand, ohne große Pläne, bekommen diese Botschaft ausgerichtet. Und sie tun womit ich, der Multimediamensch des 21. Jahrhunderts, mir so schwer tue: Sie hören erst einmal zu.

Diese Hirten hatten mir bestimmt die größere Beschaulichkeit des Lebens voraus. Auch wenn es gewiss kein Leben ohne Härten war. Immer unterwegs. Kein geheiztes Büro. Doch trotzdem, beschaulicher war es gewiss: Ich würde die Stimme des Engels oftmals in der Hast des Alltags überhören. Ich, die Familienmanagerin, die alles zusammenhalten muss, ich der Mensch, der ich im Schichtrhythmus der Audi lebe, ich, ja –auch ich , ich und du.

Daher umso besser – nicht nur altgewohnt und traditionell – das uns diese Botschaft schriftlich vorliegt und wir sie Jahr für Jahr wieder und hoffentlich auch Jahr für Jahr neu hören können. „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Diese Engels-Botschaft hat Menschen zu allen Zeiten seither verändert, angerührt, in Erstaunen versetzt – aber auch mit dem Kopf schütteln lassen.

och völlig unberührt lässt sie keinen. Ich vermute, dass dieses Berührtwerden darin liegt, dass diese Botschaft in mir eine große Sehnsucht weckt und zugleich stillt. Was wird mir da versprochen: Frieden, Geborgenheit, offene Ohren und Herzen, Gottes Nähe, der Heiland, die Rettung, die Erlösung. Eine Sehnsucht, die zunächst wohl alle Menschen in sich tragen. In dieser Heiligen Nacht, so höre ich, erfüllt sich diese Sehnsucht, da ist das alles zu finden. Doch der skeptische Zeitgenosse in mir sagt gleich: „Was ist daraus geworden?“ Und er beginnt schon wieder zu lamentieren.

Hier gebiete ich ihm Einhalt: Gott macht einen großen Schritt auf dich zu: Er will dir Frieden bringen, er will dir in Christus, Heil bringen, dich heil machen. Bevor du beklagst, dass es nicht klappt, gib dir und ihm doch erst einmal eine Chance. Versucht es doch miteinander. Tue es wie die Hirten. Die hätten sitzen bleiben können, hätten über die Unmöglichkeit der irdischen Verwirklichung dieser Botschaft sinnieren können und alles abtun können mit einem: „Eine Engelsstimme, wo gibt es das schon!“ Doch das haben sie nicht getan.

Sie haben viel weniger und viel mehr getan. Sie haben sich schlichtweg aufgemacht um „die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Sie waren neugierig. Wie das „sich Aufmachen“ heute aussehen kann?! Sie haben schon eine Möglichkeit gewählt, indem Sie heute hier in die Kirche gekommen sind. Sie wollen hören und besingen und vor allem auch spüren, was da geschehen ist, was es mit dem Christuskind auf sich hat. Ein Schritt auf einem Weg. Die Hirten sind noch einen Schritt weiter gegangen: Sie sind nicht nur in stiller Betrachtung, in Kontemplation verblieben, sondern sie haben das Wort der Engel und das was sie gesehen haben weitergesagt, begeistert weitergesagt. Sie konnten nicht anders als das, was sie da erlebten, in die Welt hinauszuposaunen. Solange haben sie geredet, bis es auch uns erreicht hat.

Das zeigt uns: Glaube, von Gott und seiner Menschwerdung berührt sein, das ist nichts nur fürs stille Kämmerlein, das ist keine reine Privatsache, sondern vielmehr etwas was nach außen drängt, nach Gemeinschaft drängt, mich hält und vorwärts bringt, strahlen lässt, mich und die Welt um mich herum erfüllt. Erfüllt mit der immer wieder neu gestillten und zu stillenden Sehnsucht nach Frieden, nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Heil.

drucken