Gemeinschaftstreue

Liebe Gemeinde,

als Student der Theologie haben mich die Propheten des Alten Testaments immer stark fasziniert, weil von ihnen eine Kraft auszugehen schien, die uns in der heutigen Zeit offensichtlich verloren gegangen ist: die Kraft, das Wort Gottes für die Jetzt-Zeit auszulegen und den rechten Willen Gottes zu erkennen. Gleichzeitig fand ich die Propheten aber auch schwer zu verstehen, denn war nicht doch viel an Gesetzlichkeit und schwerer Rede in ihrem Aufruf an das Volk Gottes, vieles also, was wir heutigen eben nicht mehr gut nachvollziehen können? Ich habe einige Zeit gebraucht, um etwas Abstand von den direkten Eindrücken zu bekommen, die einen überfallen, wenn man die Propheten liest – und einige Zeit, um zu verstehen, aus welcher Lage heraus die Propheten dem Volke Gottes gegenübertreten. Eine für mich wichtige Erkenntnis handelt von der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist für die Propheten nicht die Gerechtigkeit, die wir heute vielleicht verstehen als eine Macht oder Instanz, die gleichsam mit verbundenen Augen eine Waagschale hochhält und etwa für eine böse Tat auf der einen Seite eine ausgleichende Tat auf der anderen Seite fordert. Nein, Gerechtigkeit im biblischen Sinne ist vielmehr in dem heutigen Wort Solidarität wiederzufinden, oder in Deutsch ausgedrückt: Gemeinschaftstreue! Es geht also immer um Beziehungen zwischen mehreren Menschen, wenn von Gerechtigkeit geredet wird. Wir alle kennen die Probleme, die die heutige Gesellschaft mit Gemeinschaftstreue hat: wie soll das etwa mit den Renten funktionieren: kann die Jugend das Alter noch tragen? Wie soll das etwa im Gesundheitswesen funktionieren: müssen nicht die bestraft werden, die wissentlich ihre Gesundheit schädigen? Ich hörte kürzlich ein Beispiel aus den USA: mit der Möglichkeit der Diagnose einer Krankheit oder Behinderung bei einem Kind bevor es geboren ist – mit dieser Möglichkeit wäre doch bitteschön auch die Aufgabe verbunden rechtzeitig abzutreiben, damit das Kind später nicht der Gesundheitsversicherung zur Last fällt. Verweigern aber die Eltern diese Diagnose, so müssten sie eben selber für alle Folgekosten aufkommen! Oder aus Deutschland: da fordert ein Spitzenvertreter der Industrie endlich wegzukommen von der "gleichmacherischen Umverteilungsmaschine", wie er es nennt und meint damit den Spitzenverdienern noch mehr Freiheiten zu geben und den Armen noch mehr an Eigenleistung aufzubürden. Diese Beispiele zeigen mir: da herrscht keine Gemeinschaftstreue mehr, sondern nur noch der blanke Egoismus und Selbstbezogenheit. Diese Leute, die nur an sich und nur an ihren Profit, ihr Vorwärtskommen und ihren Ruhm denken, die gab auch schon zu Zeiten von Hesekiel und mit ihnen ist unsere Prophet in unserem Predigtwort in der Diskussion. Denn sie hatten sich lustig gemacht, diese Selbstverliebten über die Gerechtigkeit Gottes: "Die Väter haben saure Trauben gegessen und wir – wir müssen es ausbaden!" Ist das nicht ungerecht, nicht ungleich? Müssten nicht vielmehr die bösen Väter gleich und sofort bestraft werden, damit wir – die Unschuldigen – in Frieden und Freude leben können? Hesekiel, unser Prophet, geht gar nicht auf diese Argumentation ein, und dabei ist sie so raffiniert, auf den ersten Blick so augenfällig, dass man fast ausrufen möchte: Ja, genau so ist es: sollen doch die Zähne der Väter verfaulen, aber unsre nicht! Eine Argumentation übrigens, liebe Gemeinde, die bis heute völlig identisch gelieben ist: ich strecke meinen Finger aus und zeige auf den anderen: der ist Schuld, nicht ich. Ich lenke den Blick weg von mir auf einen anderen hin. Als Lehrer in der Schule kann ich das besonders häufig in der harmlosen Form beobachten. Niemals nicht hat der geschwätzt, den ich gerade ermahne, es war immer der andere, der böse, der den Ermahnten dazu erst gezwungen hat, ebenfalls zu schwätzen. Folglich ist er selbst schuldlos. So unwichtig das im Vergleich in der Schule ist, so bedeutend wird es im Großen. Wenn wir nicht auf die achten, die nach uns kommen, werden wir ihnen eine zerstörte Umwelt hinterlassen. Wenn wir nicht auf die achten in unserem Sozialsystem, die von sich aus nicht die Leistung erbringen können, die wirtschaftlich gesehen nötig wäre, werden wir zu Unmenschen, denn wir stoßen sie ins Sozialghetto und überlassen sie ihrem Schicksal. Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis wir uns überlegen, hohe Mauern um dieses Sozialghetto zu ziehen, damit wir, die Guten, das Elend nicht mit ansehen müssen. Wenn wir nicht auf die achten, die uns Fremde sind, weil sie anders aussehen, anders glauben, anders denken, dann werden wir zu einer unzivilisierten Horde Gleichgeschalteter, die den An-Führer braucht, der ihnen sagt, in welche Richtung sie losstürmen sollen. Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis auch innerhalb dieser Gleichgeschalteten die Zersetzung beginnt, weil die Differenz zum Fremd-Sein immer kleiner geworden ist.

Was hat nun Ezechiel als Wort Gottes an diese Menschen zu überbringen? Es ist nicht, wie man es vielleicht erwartete hätte, der hehre Aufruf, sich doch zu besinnen und für den anderen da zu sein. Nein, es ist vielmehr eine Konfrontation – es ist ein hartes Wort, das uns entgegengeschleudert wird. "Ja, ihr habt Recht", so sagt es Gott, "ihr habt Recht, dass es nicht angehen kann, dass ich euch bestrafe für etwas, was ihr nicht getan habt. Deswegen sage ich euch: jeder der sündigt, soll sterben!" Gott rückt auf diese Art und Weise die Diskussion wieder zurecht, er bringt sie in rechte Lot, reicht dem Ankläger gewissermaßen die Hand und sagt zu ihm: "Siehe, deine Forderung soll erfüllt werden. Jeder Einzelne büßt für seine Taten." Es ist wie das Beispiel, das Jesus knapp 600 Jahre später noch einmal geben wird, als die Ehebrecherin vor ihm steht. Er sagt nicht zu den Leuten, die so begierig sind, Steine auf die Frau zu werfen: "Haltet ein – nehmt sie auch als Abgefallene in eurer Mitte auf!", sondern er sagt: "Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!"

Gott-sei-Dank, liebe Gemeinde, bleibt es dabei nicht stehen, weder bei der Ehebrecherin noch bei Ezechiel. Jesus selbst war ja ohne Sünde gewesen – er hätte den Stein werfen können und er hätte damit sogar die Rechtsvorschrift erfüllt. Jesus aber sagt: "So verdamme ich dich auch nicht! Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!" In unserem Predigtwort lesen wir: "Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?" Nein, liebe Gemeinde: Gott hat kein Gefallen am Tode derjenigen, die es verdient hätten und Gott ist auch nicht derjenige, der aufgrund irgendwelcher Gleichheits-Ideen den einen Mord mit einem neuen beantworten müsste. Unser Gott, liebe Gemeinde ist ein Gott des Lebens, der das Leben sucht und fördert. Das ist das große Thema des Neuen Testaments: die Suche Gottes nach dem Menschen, die Übernahme seiner Sünde, die Übernahme der Folgen seiner Sünde, nämlich des Todes in dem einen Tod von Jesus Christus und damit die Befreiung zur Möglichkeit echter, weil unberechneter Gemeinschaftstreue.

Im gleichen Propheten, nur ein paar Kapitel weiter hinten lesen wir, wie Gott dieses in den Menschen sucht und wie er es fördern will: "Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun." Gott kommt uns also entgegen – er ermöglicht uns etwas, was wir vorher in dieser Form nicht gekonnt hätten, nämlich ihm nachzueifern in seiner Art, die Dinge zu sehen. Ihm nachzueifern, in seiner Art der Gerechtigkeit und das heißt v.a. wegzuschauen von sich selber und von dem, was man meint, was einem alles zustünde und hinzugucken auf den anderen, der weniger hat, weniger weiß, weniger leistet. Oder andersherum ausgedrückt: den ausgestreckten Zeigefinger auf sich selber zurücklenken und sich eingestehen, dass man ebenfalls mitten drin steckt in der Schuld. Und, liebe Gemeinde, das heißt im hier und heute gegen die Leute anzukämpfen, die wie bei der Ehebrecherin die Steine werfen wollten, ihnen in die Arme zu fallen und sie hinzuweisen auf die große Gnade Gottes: "Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?"

Im realen Leben, hier bei uns, werden es die kleinen Dinge sein, die unauffälligen, die zählen und die erkennen lassen, dass jemand verstanden hat, was Gemeinschaftstreue aus dem Blickwinkel Gottes heißen kann. Nach dem Dorfbrand letzte Woche sah ich jemand völlig unaufällig das Stroh von der Straße klauben, das nach dem Löschen sich überall am Gehsteig angesammelt hatte. Warum ist das geschehen: es war doch nicht Sache dieses Menschen: bei ihm hatte es doch nicht gebrannt und er war auch nicht verantwortlich für das Stroh? Die Antwort war einfach wie einleuchtend: "Wenn sich zuviel Stroh ansammelt, dann verstopft die Kanalisation und dann werden alle hier unten im Dorf geschädigt."

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