Gemeinschaftstreue ist alles!

Die Bibel, das wissen wir, ist in zwei Teile geteilt: das Alte Testament und das Neue Testament. Das Alte Testament erzählt die Geschichte des Volkes Israel bis in die Zeit vor Jesus. Und das Neue Testament erzählt die Geschichte des neuen Volkes Gottes seit Jesus. Beide Testamente gehören in die eine Bibel und beide Teile sind für uns Christen von Bedeutung. Wir lesen die Bibel als das eine Buch, in dem wir Gott begegnen, in dem uns die Geschichte Gottes mit uns Menschen vor Augen gestellt wird. Mit dem alten Testament allerdings tun wir Christen und manchmal schwer, denn da stehen Gedanken drin, die den christlichen zum Teil widersprechen. Wir sehen diese Dinge von Christus her anders ? oder meinen das zumindest, weil es auf den ersten Blick anders klingt. So geht uns das vielleicht auch heute morgen, mit den Worten aus dem Propheten Hesekiel, die wir als erste Lesung gehört haben. Deshalb möchte ich diese Gedanken heute einmal ganz bewusst aus der Sicht des christlichen Denkens betrachten.

Unser Bibeltext beginnt heute so: Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte: »Was habt ihr da für ein Sprichwort im Land Israel? Ihr sagt: ‚Die Väter essen unreife Trauben, und die Söhne bekommen davon stumpfe Zähne.‘ Soll heißen: die Schuld der Väter müssen bekommen die Kinder noch zu spüren. Die Kinder werden verantwortlich gemacht für die Taten der Väter. Wir kennen das in verschiedenster Weise. Z.B. hört man ja immer wieder, dass die Verbrechen des Naziregimes bis heute alle Generationen belastet, auch diejenigen, die sehr viel später geboren sind. Und dann hören wir auch, dass wir doch nicht immer dafür beschuldigt werden können, als ob wir nachfolgenden Generationen dies ebenso zu verantworten hätte. Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit den Anschuldigungen. Oder auch andersherum: es gibt eine Menge Vorurteile vor allem gegen Menschen osteuropäischer Länder, die munter weiter getragen werden, weil niemand neu und anders darüber nachdenkt. ?Der Russe?, ?der Pole? und was wir da so alles kennen an Menschen, die so pauschal betrachtet werden und dann mit allerlei Urteilen überschüttet werden.

Dagegen spricht nun Hesekiel im Namen Gottes: So gewiss ich, der Herr, lebe: Niemand von euch, niemand in Israel wird dieses Wort noch einmal wiederholen! Ich habe das Leben jedes einzelnen in der Hand, das Leben des Sohnes so gut wie das Leben des Vaters. Das Sprichwort also soll nicht gelten. Jeder steht alleine vor Gott, alleine mit dem, was er nach außen darstellt. Jeder, so erzählt der Text, steht mit seinem eigenen Leben in der Verantwortung vor Gott und das, was ihm geschieht, ist nicht Fluch des Lebens derer, der die vor uns gelebt haben, sondern Teil des eigenen Lebens. Das finde ich gut, denn ich möchte nicht gemessen werden an dem, was meine Vorfahren getan haben, sondern an dem, was ich tue, wie ich handele, wie mein ganz persönliches Leben aussieht.

Dennoch muss man im Blick auf die Vergangenheit sagen: natürlich tragen wir an der Geschichte unseres Landes mit. Das Leben unserer Vorfahren prägt auch das eigene Leben, denn wir müssen mit den Auswirkungen leben, mit den Folgen, die sich aus dem Handeln anderer ergeben. So ist unsere politische Geschichte geprägt von dem, was sich im vergangenen Jahrhundert an bösen, aber auch guten Entwicklungen gezeigt hat. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk, dem wir massivstes Unrecht angetan haben. Darin geht es nicht um Schuld, die wir nachfolgenden zu tilgen haben, sondern darum, dass wir nachfolgenden Generationen das Handeln der Vorfahren neu sehen und beurteilen lernen und mit eigenem Tun anders füllen. Da geht es um unser ganz persönliches Denken und Reden und Handeln vor Gott und den Menschen angesichts eine leidvollen Geschichte unseres Volkes. Und dies ist etwas anderes, als das stumpf Werden der Zähne angesichts der Taten der Väter.

Und was für die politischen Ereignisse z.B. des Dritten Reiches gilt, das gilt auch für andere Bereiche des Lebens: Es gilt jeden Menschen so zu sehen, wie er jetzt und heute ist und lebt und nicht, wie seine Familie mal gelebt hat und welche Auseinandersetzungen da wohl mal gewesen sein mögen. Jeder im Blick auf sein eigenes Leben angesehen und beurteilt werden, jeder Mensch ist ein eigenständiges Wesen vor Gott. Das will Gott durch den Propheten Hesekiel vor Augen stellen und das gilt für die Menschen des alten Testamentes genauso wie für die Menschen des neuen Testamentes. Nun geht der Text des Hesekiel noch weiter. Und da wird nun über die ganz persönliche Schuld des Menschen gesprochen und welche Auswirkungen diese hat. Und da heißt es: Nur wer sich schuldig macht, muss sterben. Dahinter steht natürlich eine Rechtsprechung, die viele Vergehen mit der Todesstrafe bedroht. Etwas, das uns heute fremd ist. Dieser Gedanke taucht nur auf, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet. Und auch da ist die Todesstrafe nur noch in wenigen Ländern üblich.

Warum diese so drastische Strafe für auch weitaus geringere Vergehen? Nun, das liegt vor allem daran, dass Vergehen nicht nur im Sinne der Tat gesehen werden, sondern auch im Blick auf ihre Auswirkungen. Nimmt man einmal die zehn Gebote, deren Nichteinhaltung auch einmal todeswürdige Strafe nach sich zog. Es geht in den letzten Geboten eigentlich immer darum, dass die Gemeinschaft nicht zerstört wird. Lebensgemeinschaften brauchen einen sicheren Rückhalt und wer die Gemeinschaft angreift zerstört den sicheren Rückhalt. Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der zerstört die Familiengemeinschaft und setzt damit das Leben aller aufs Spiel. So war es zumindest in der Lebenszeit des Ursprunges dieser Gebote. Wer mordet, der macht die Zerstörung der Gemeinschaft ganz offensichtlich. Der Ehebruch zerstört das Vertrauen und führt dazu, dass Menschen ? zumindest n damaliger Zeit – gemeinschaftslos und damit rechtlos wurden. Wer stiehlt oder jemanden verleumdet zerstörte ebenfalls das Gemeinschaftsgefüge und ist für die Gemeinschaft nicht mehr tragbar. Und Neid hat die Gemeinschaft noch nie gefördert. Das Leben der Gemeinschaft musste gesichert werden und deshalb wurde ein Verstoß gegen die Gemeinschaft auch hart geahndet.

Sünde und Schuld, so wird deutlich, ist also kein rein persönliches Vergehen, sondern immer eines, das mit den Menschen zu tun hat, mit denen wir zusammen leben. Schuld hat immer eine gesellschaftliche Dimension ? auch wenn die Gemeinschaft sehr klein ist. Und weil Gott die Gemeinschaft nicht zerstört sehen will, geht sein Bestreben auch dahin, dass die Menschen dieses gemeinschaftszerstörende Verhalten abtun. Meint ihr, ich hätte Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss?« sagt Gott, der Herr. »Nein, ich freue mich, wenn er von seinem falschen Weg umkehrt und am Leben bleibt! So weit ich bis hierher dem Hesekiel noch folgen kann, so sind seine weiteren Worte aus christlicher Sicht anders zu sehen. Zunächst aber noch einmal das, was der Prophet sagt: Wenn aber der Rechtschaffene sich vom rechten Weg abwendet und Böses zu tun beginnt, dieselben Abscheulichkeiten wie der Verbrecher, soll er dann am Leben bleiben? Nein! All das Gute, das er früher getan hat, wird ihm nicht angerechnet. Weil er mir untreu geworden ist und Böses getan hat, muss er sterben.« Gott gibt jedem noch eine Chance. Jeder einzelne von euch bekommt das Urteil, das er mit seinen Taten verdient hat. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott! Kehrt also um und macht Schluss mit allem Unrecht! Sonst verstrickt ihr euch immer tiefer in Schuld. Trennt euch von allen Verfehlungen! Schafft euch ein neues Herz und eine neue Gesinnung! Warum wollt ihr unbedingt sterben, ihr Leute von Israel? Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!«

So weit ich bis hierher dem Hesekiel noch folgen Gott gibt jedem eine Chance, das sehe ich vor allem im Tun Jesu. Aber was ich von Christus her nicht mehr so sehen kann, ist, dass jeder von uns das Urteil bekommt, das seinen Taten entspricht. Hier gilt, dass Gott einen anderen Weg gegangen ist, um seinen Gemeinschaftswillen zum Ausdruck zu bringen. Gott musste sehen, dass der Mensch immer wieder böse Anteile in sich trägt, dass er nicht grundlegend gut ist und wird. Aber gerade weil Gott das Leben des Menschen will, weil er die Gemeinschaft mit dem Menschen und untern den Menschen nicht zerstört wissen will, deshalb schickte Gott seinen Sohn. Der sollte die, die als Sünder die Gemeinschaft mit Gott verlassen haben, wieder zurückholen. Er holte sie zurück, indem er deutlich machte, dass Gottes Liebe zum Sünder größer ist, als die Notwendigkeit Schuld zu bestrafen. Weil es Gott um die Gemeinschaft geht, sucht er die Gemeinschaft mit jedem, eben auch dem Sünder. Damit macht der die Tat nicht gut, die böse Tat bleibt eine böse Tat, aber das Urteil lautet nun nicht mehr: sterben, sondern es lautet: du sollst leben, leben in meiner Gemeinschaft. Nicht deine Taten sollen ausschlaggebend sein, sondern dein Vertrauen zu mir, das letztlich aber auch Taten der Liebe hervorbringt. Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist, das gilt dem Menschen insofern, als dass der Mensch allein das Vertrauen zu Gott aufbringen muss, den Rest, die Erneuerung schafft schon Gott alleine. Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!«

Umkehr, das ist die Hinwendung zum liebenden, zum verzeihenden, zum erneuernden Gott, der das Herz des Menschen ansieht, die Taten beiseiteschieben kann und so jedem Menschen mit Liebe und Zuwendung begegnet. Darin ist der Neue Bund, das Neue Testament anders als der alte Bund, das Alte Testament, auch wenn die Zielrichtung letztlich dieselbe bleibt. Gott will dass Menschen in der Liebe und Zuwendung zueinander leben können, er will die Gemeinschaft der Menschen, die immer neu zu sehen ist und nicht fest gemacht wird an einmaligen und alten Urteilen. Umkehr heißt deshalb auch: immer wieder neue Zuwendung, immer wieder neuer Anfang von Beziehung und nicht immer stehen bleiben bei den Urteilen von Gestern. Wir als Menschen mögen diese oft nur schwer beiseite schieben können, aber weil Gott es vermag, deshalb sollten auch wir es können, es versuchen. So überwinden auch wir die Vorurteile des Lebens und können neu Gemeinschaft stiften und gestalten. Und wenn wir darin die Fehler unserer Väter nicht wiederholen, sondern zerstörte Gemeinschaft erneuern ? wie z.B. mit dem jüdischen Volk, den Russen, den Polen, den Zigeunern oder wer immer uns da einfallen mag ? dann ist das ein Zeichen der Umkehr im Sinne des biblischen Gottes, der das Leben der Gemeinschaft will und nicht den Tod, die Zerstörung dieser Gemeinschaft. Lasst uns in diesem Sinne umkehren zum Gott des Lebens.

drucken