Gemein!?

Liebe Gemeinde –

ist ihnen das schon mal aufgefallen: in dem Wort "Gemeinde" – da steckt das Wörtchen "gemein" drin! "Gemein" hoffentlich nicht im Sinne von hinterhältig und durchtrieben – wohl aber als ein Gegensatz zu "besonders", "ungewöhnlich" oder gar "elitär".

Gemeinde, das ist Versammlung der Allgemeinheit – das gemeine Christenvolk sammelt sich und bildet die Gemeinde.

An so eine Gemeinde richtet sich der heutige Predigttext:

[TEXT]

Mir fällt auf – der Brief richtet sich durchaus nicht an "gemeine Leute". Nicht an normale Leute, sondern ich denke – besondere Menschen werden hier angesprochen. Schon gleich am Anfang wird das deutlich: Hier werden Menschen angesprochen, die nicht so im normalen Einerlei des Alltags dahinleben, sondern denen klar ist, dass nicht alles immer einfach so weiter gehen wird. "Das Ende der Welt ist nahe". Heute klingt das etwas befremdlich – hat es doch so viele schon gegeben, die das Ende der Welt prophezeiten, um den Menschen Umkehr zu predigen – und was ist passiert. Manche meinen: nichts. Andere sagen: guck dir die Welt genau an, dann merkst du, dass das mit dem Ende der Welt gar nicht nur so dahergeredet ist. Da ist schon was dran. Zwar geht die Welt nicht unter, löst sich nicht auf, aber sie verändert sich ständig. Unsere Welt ist in einem ständigen Prozess des Wachsens und des Vergehens – verschiedene Sichtweisen machen das deutlich: Der Planet auf dem wir leben, ist selbst lebendig. Da stürmt es und brodelt, da schäumt das Meer, Berge entstehen und Inseln gehen unter, Wassermassen treten über die Ufer und unter unseren Füßen kocht es noch immer! In ständiger Veränderung ist der Erdball begriffen. Und unsere Gesellschaft, die Menschen dieser Erde: auch hier leben wir in ständiger Wandlung. Vielleicht registrieren wir es kaum, haben uns daran gewöhnt – die Welt ist eben so wie sie ist mit ihren Kriegen und Hungersnöten, mit ihrem Unrecht und mit Quälereien. Aber wenn wir genau hinschauen, wie durch eine Lupe, dann ist der Weltuntergang in vielen Bereichen für sich genommen schon da gewesen, oder er vollzieht sich gerade, oder er wird geschehen. Kulturen boomen und vergehen, Ideologien blühen und werden überholt von neuen Ideen. Es ist etwas besonderes, um dieses ständige Vergehen der Welt zu wissen und sich dem zu stellen. Die Christinnen und Christen in Kleinasien, an die der Petrusbrief gerichtet ist, die sollten sich der Auflösung ihrer Kultur, ihrer Lebensnormen und -vorstellungen bewusst sein. Dieses Bewusstsein unterschied sie deutlich von denen, denen eigentlich alles egal war, Hauptsache, sie hatten ihre Ruhe, ihr Auskommen, ihren Genuss. Gerade aber das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben, soll Christen und Christinnen den Blick schärfen für die eigene Situation und das Leben in der großen Gemeinschaft der Menschheit.

Wer den Blick schärft, dem fällt auf, was anders sein müsste. Wenn wir scharf in einen Garten gucken sehen wir das Unkraut und wissen – hier und da könnte noch umgegraben oder gedüngt werden. Wir sehen dass, was wichtig ist, wenn wir das Umfeld bewusst wahrnehmen. Daraus erwachsen Handlungen. Im Garten greifen wir zur Hacke, zum Spaten, zum Dünger. Im Menschengarten ist es nötig, sich moralische Grundsätze zu geben als Hilfe zum Heil. Beständige Liebe, auch als Hilfe zur Sühne, Gastfreundschaft und Dienst am Nächsten, das sind die Grundsätze, die der 1. Petrusbrief anrät. Das alles unter der Voraussetzung der Besonnenheit und der Nüchternheit. Diese innere Haltung – Besonnenheit und Nüchternheit – schenkt Freiheit zum Gebet – zum Dialog mit Gott. Liebe, Gastfreundschaft, Dienst sind Konsequenzen einer inneren Haltung, die wir heute vielleicht mit "Selbstdisziplin" übersetzen würden. Ich glaube, dass diese Haltung heute wieder sehr modern ist, wir nennen sie nur anders. Wenn ich aber sehe, welche Inhalte in Büchern über gesunde Lebensführung, über regelmäßige sportliche Programme, wie Laufen, Walking oder Body-Styling uns nahe gebracht werden, dann geht es da eigentlich genau um das: Maßhalten, sich auf Wesentliches Besinnen, Hysterie vermeiden, dem Stress absagen – eben Besonnenheit und Nüchternheit üben. Ich finde das ist eine sehr moderne Lebenshaltung.

Also: ist da doch nichts Besonderes – nichts ungewöhnliches – sind die Christinnen und Christen eben damals wie heute "gemein" – so wie das Wort "Gemeinde" es nahe legt?

Nein, ich denke da ist doch noch etwas mehr zu entdecken: Zwar ist die Nächstenliebe in Form von Sozialem Bewusstsein und Sozialer Verantwortung heute allseits gut geheißene Lebenshaltung. Und doch geht in unserer Gesellschaft das Prinzip der Wirtschaftlichkeit vor und entwickelt allerorten seine Eigengesetzlichkeit. Übrigens ist die Kirche da nicht viel besser dran als Staat und Landesregierungen. Die Praxis der Liebe, die nicht fragt, was es einbringt, ob es sich lohnt, ob es noch in 3 Jahren und in 5 Jahren rentabel ist – diese Praxis der Liebe ist privatisiert worden. Nächstenliebe wird zur Suche nach privaten Lösungen für die Probleme, die sich aus dem öffentlichen, dem allgemeinen Leben ergeben. Die Liebe ist dann Reperaturinstanz und Auffangnetz für die "Problemfälle", die es nicht gäbe, würden wir Menschen in der Lage sein, von vornherein nach dem Prinzip der Liebe unsere Gesellschaft und unser Gemeinwesen gestalten. Kirchen – wir als Getaufte – sind ständig an dieser Reperaturliebe beteiligt. Das ist gut so! Das ist sehr wichtig! Wie kalt wäre unsere Welt denn ohne diese Dienste: Kirchenküche, Telefonseelsorge, Elas, Mitternachtsmission, Hamburger Tafel – um nur einige zur nennen.

Aber es braucht auch die Kritik, die sich nicht damit begnügt, innergemeinschaftlich zu wirken, privat zu bleiben und lediglich die Auswirkungen öffentlichen Handelns aufzufangen. Der Petrusbrief gibt eine Zeitansage: "alles Sein ist endlich und am Ende steht Gottes Reich" und weist hin auf eine Lebensform, die getragen ist von Besonnenheit und Nüchternheit, eine Lebensform, die die Liebe zum Grundsatz des Handelns erhebt. Wir wissen – aus unseren Sehnsüchten heraus – das das richtig ist und weiterführt und – erlöst – uns und am Ende diese unerlöste Welt.

Die Aufgabe ist es, Lebensentwürfe zu entwickeln, die unseren Sehnsüchten den nötigen Raum geben. In kleinen Schritten ist das möglich. In unserem Gemeindehaus liegt auf dem Fensterbrett ein Aufruf an den neu zu wählenden Bundeskanzler, das nötige in die Wege zu leiten, um der verbreiteten und gefürchteten "Alzheimer Krankheit" mit Aufklärung, Forschung und Einrichtungen für erkrankte Menschen zu begegnen. Zuerst dachte ich: ach, schon wieder so ein Aufruf, der im Nichts verhallen wird. Aber ich denke auch: wie denn sonst als so sollen wir christliche Liebe so praktizieren, dass sie unsere Welt wirklich verändert. In kleinen Schritten beginnt es. Mit Mahnwachen für die Opfer der Kriege, mit Aufklärung über politische Hintergründe von Konflikten, mit verantwortungsbewusster Gemeinwesenarbeit und Politik. Christsein darf nie heißen unpolitisch zu sein! Im Gegenteil: die beständige Liebe zum Lobpreis Gottes fordert ein Engagement über die private Sphäre hinaus. Das macht christliche Gemeinde zum Besonderen. Und deshalb ist Gemeinde nicht "gemein"!

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