Gehen, sehen und heilen lernen

Psalm 31,9: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" lautet das Motto des 29. Ev. Kirchentags, der heute zu Ende geht. Ein Motto, das nicht so ganz einfach zu hören ist. Er widerspricht meinem Selbstbewusstsein: Seit ich laufen gelernt habe, habe ich einen immer stärkeren Dickkopf entwickelt, meinen Weg zu gehen, selber zu entscheiden, wohin meine Füsse gehen sollen. Und dann plötzlich fühle ich mich bevormundet, herumgestoßen. Nicht ich stelle meine Füße, sie werden gestellt. Aber ich kann auch die Chance sehen, die in dem weiten Raum stecken. Ich darf entscheiden, wie ich mit meinen Gaben umgehe, wohin ich meine Füße nun wirklich richte, welche Wege ich gehen – oder nicht gehen will. Ich habe die Freiheiten, auch dahin zu gehen, wo mein Dickkopf mich in die Irre leitet. Ich habe aber auch die Freiheit den weg zu wählen, auf dem Gott mich haben will. Ergänzen kann dieses Leitwort der für heute vorgeschlagene Predigttext.

[TEXT]

Erst einmal ist unser Text eine Schilderung der Lebensweise urchristlicher Missionare. Ihr Leben wird geschildert, ihre Arbeitsweise. Sie sind Gesandte Gottes, Engel, gesandt in die Arbeit. Die Ernte meint des Geschehen der Endzeit. Die Missionare sind die Engel der Endzeit, die die Ernte einfahren. Sie gehen, den Frieden anzusagen – wehr- und hilflos. Unbewaffnet und schlecht ausgerüstet sollen sie gehen, um den Menschen das Heil anzusagen. Das Heil sollen sie ansagen. Das ist mehr als predigen. Das ist Verkündigung. Wer wirklich Jesus Christus verkündigen will, tut mehr als nur reden. Er nimmt die Not der Menschen ernst, die das Reich der Himmel erwarten. Das Evangelium wendet sich vor allem an die Armen, die Ausgepowerten – und Jesus ist der, der mit ihnen Mitleid hat.

Auf dem weiten Raum habe ich Möglichkeiten: Gehen lernen – sehen lernen – heilen lernen
– Gehen lernen: Ich lerne auf dem weiten Raum zu gehen, in Richtungen von denen ich meine, dass sie gut sind – und manchmal auch auf Irrwege, aber auch von dort kann ich umkehren.
– sehen lernen: Ich lerne in dem weiten Raum zu sehen: zu sehen, welche Chancen ich habe und welche Chance ich anderen lasse, ihr Leben zu gestalten. Ich lerne zu sehen, wo Not ist und welche Hilfe ich geben kann.
– heilen lernen: Ich bin kein Arzt und kein Wunderheiler, aber ich kann Wunden heilen. An unseren Kindern erleben wir das öfter. Ein bisschen Zuwendung, ein bisschen auf die Wunde pusten. Schon ist Heilung Wirklichkeit. Das lässt sich ausbauen: Zuwendung, die heilt.

Die Zuwendung zu den Menschen geschieht in den Menschen, die Jesus sendet. Sie sind die Engel, die das Heil bringen – und die Not der Menschen wahrnehmen und helfen. Wenn wir uns als Nachfolger von Jesus und seinen 12 verstehen, dann können wir das auch – von ihm erzählen, und in seinem Namen sehen und heilen. Die Losung des Kirchentags aus dem 9. Vers des 31. Psalms: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum." kann uns dazu anregen, den weiten Raum, in dem wir stehen zu nutzen – den Menschen das Heil zu bringen. Der weite Raum, das ist meine Familie, in der ich versuchen kann, das Evangelium nicht nur weiterzusagen, sondern miteinander zu leben. Gefühle zu wecken für Nächstenliebe und Zuwendung für Miteinander und gegen Fremdenhass. Das kann genauso meine Arbeitsstelle, meine Nachbarschaft, der Verein oder Freundeskreis sein. Vielleicht auch die Menschen, die mir zufällig begegnen im Straßenverkehr oder beim Einkaufen. Meine Einstellung zum Leben und zu dem Raum auf dem meine Füße stehen, können Verkündigung genug sein. Nicht umsonst war im Vorfeld des Kirchentages immer wieder zu lesen und zu hören, dass ein Kirchentag in Frankfurt sich auch mit unserem Verhältnis zum Geld befassen muss. Die Frage, wie ich mit meinem Geld umgehe stellt sich in der Finanzmetropole Frankfurt (=Bankfurt) wieder neu. Das beginnt im Alltag: wo setze ich meine Prioritäten und wie? Was ist mir wichtig in meinem Leben? Wofür davon setze ich mein Geld ein? Als Jesus das Volk sieht, jammert es ihn. So heißt es in unserem Bibeltext. Er hat Mitleid. Er leidet mit den Menschen. Dieses Mitleid hat für ihn tiefe Konsequenzen. Für mich? Ich stehe auf weitem Raum – und gehe meinen Weg. Im Frieden des Herrn?

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