Geh, aber sündige nicht noch einmal!

Liebe Gemeinde,

damit wir uns den heutigen Predigttext besser vorstellen können, will ich ihn als Geschichte in den Augen eines damaligen jüdischen Gelehrten erzählen:

Zuerst möchte ich mich vorstellen, ich heiße Rabbi Akiba und bin Schriftgelehrter hier am Tempel in Jerusalem. Eines morgens kommt ein aufgebrachter Ehemann und seine Brüder zu uns. Er zieht seine Ehefrau hinter sich her, die sie auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt haben. Wir Schriftgelehrten beraten uns und überlegen, was zu tun sei. Dabei fällt uns ein, dass dieser Jesus, hier im Tempel, nur eine Halle weiter, lehrt. Dem wollen wir diese Frage vorlegen, da uns interessiert, wie er zu solchen praktischen Fragen des Alltags Stellung nimmt. Schließlich wissen wir noch immer nicht, wie wir ihn und seine Lehre einschätzen sollen.

Inzwischen hat sich auch schon eine große Menge gebildet. Die ersten sammeln schon die Steine. Wir schleppen die Ehebrecherin mit und stoßen sie in die Mitte der Halle, damit jeder sie sehen kann. Wir sagen zu Jesus: : «Diese Frau wurde beim Ehebruch überrascht. Wenn wir das Gesetz des Mose befolgen wollen, müssen wir sie steinigen. Was meinst du dazu?» Ist doch eigentlich klar, was die Antwort auf die Frage ist und so wundern wir uns, dass Jesus so lange mit der Antwort zögert. Ja Jesus scheint gar nicht auf unsere Frage zu achten; er bückt sich und schreibt mit seinem Finger auf die Erde. Er schreibt die vier Worte in den Sand: "Wo ist der Mann?"

Wir beraten uns miteinander: "Natürlich sagt Mose: Wenn ein Mann mit der Frau eines anderen schläft, und man ertappt sie, dann müssen beide sterben." Und es ist klar, der Mann muss auch bestraft werden. Den haben wir aber nicht. Die Frau aber haben wir, die können wir bestrafen. Darum verlangen wir eine Entscheidung von Jesus. Da richtet sich Jesus auf und sagt: "Nun, dann steinigt sie! Aber den ersten Stein soll der werfen, der selbst noch nie gesündigt hat!" Dann bückt er sich wieder und schreibt weiter auf die Erde. Er schreibt: "Ich sage euch aber: Schon wer eine Frau mit begehrlichen Blicken ansieht, der hat im Herzen mit ihr die Ehe gebrochen. (Matthäus 5,28)"

Da sind wir in unserem Gewissen ganz schön getroffen. Wer hat denn noch keine Frau angeschaut, die ihm nicht so gut gefallen hätte, dass er dachte, die wäre was für mich. Als erstes gehen die Ankläger. Dann schleichen sich auch alle übrigen stillschweigend davon – einer nach dem anderen. Schließlich ist Jesus mit der Frau allein. Später erzählt mir einer, der hat sich hinter der Säule versteckt, was sich weiter abspielt.

Jesus steht auf und fragt die Frau: «Wo sind jetzt deine Ankläger? Hat dich denn keiner verurteilt?» Nein, Herr», antwortete sie. «Dann will ich dich auch nicht verurteilen», entgegnete ihr Jesus. «Geh, aber sündige nicht noch einmal!» Diesen Jesus kann ich nur bewundern, wie er mit Menschen umgeht, schließt Rabbi Akiba seine Erzählung.

Es handelt sich hier nicht um eine einzelne Geschichte, sondern hier sehen wir, wie Jesus mit Menschen umgeht, die ihm begegnen. Jesus sagt: " Nun, dann steinigt sie! Aber den ersten Stein soll der werfen, der selbst noch nie gesündigt hat!" oder um es noch deutlicher ausdrücken: "Das Gesetz hat recht! Aber den ersten Stein soll der werfen, der selbst noch nie gesündigt hat." So geht Jesus mit den Menschen um, welche die Frau bringen und sie steinigen wollen. Er sagt nichts dagegen. Er erkennt an, dass sie die Frau zu Recht bringen. Jesus leugnet die Sünde nicht weg. Auch Jesus nennt Schuld Schuld und Fehler Fehler. Hier geht es nicht um Gleichmacherei oder um eine "es ist ja alle nicht so schlimm" Mentalität. Er sieht nicht großzügig über die Sünde hinweg nach der Manier: Nobody is perfect. Keiner ist perfekt. Nobody is perfect. Keiner ist perfekt, das gilt in einer ganz anderen Weise.

Jesus schreibt in den Sand. Und den Zuschauern wird klar, auch bei uns ist nicht alles in Ordnung. Er zeigt den Leuten, dass sie selber Schuld haben. Auch wer meint, noch so perfekt zu leben, ist schuldig vor Gott. Ein graues Hemd wirkt vor einem schwarzen Hemd recht manierlich und hell. Es kann sich sehen lassen, es ist fast weiß. Hält man es dagegen vor ein weißes Hemd, dann sieht man, wie dunkel es in Wirklichkeit ist. So ist es auch mit der Sünde. Es gibt immer Menschen, die sind schlechter als wir. Im Vergleich mit ihnen stehen wir ganz gut da. Da wirkt unser Grau ganz gut vor dem Schwarz. Stehen wir aber vor Gott, der selber ohne Sünde ist, dann ist unser Grau vor seinem Weiß nichts nutze. Da wirkt es schmutzig und fehl am Platz. Denn vor Gott kommt es nicht auf die Größe unserer Schuld an, da ist keiner der gerecht ist, alle mangeln des Ruhmes bei Gott. Vor Gott können wir nicht auf unser Recht pochen. Denn das Recht sagt: schuldig. An diesem zeigt sich das Entscheidende:

Wenn ich mich vor Gott nicht auf irgendein Recht berufen kann, muss ich mit dem Recht anders umgehen. Wenn ich mich für besser als andere halte, dann kann ich verurteilen. Weiß ich dagegen, dass ich selber der Barmherzigkeit Gottes bedarf, kann ich gegenüber anderen barmherzig sein. Das Recht sagt schuldig, die Barmherzigkeit sagt, Gott schenkt mir einen Neuanfang. Schauen wir darauf, wie Jesus mit der Sünde und der Sünderin umgeht. Er begegnet dieser Frau auf seine Weise. Jesus verurteilt nicht. Jesus richtet, indem er aufrichtet. Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und knickt das zerbrochene Rohr nicht völlig ab. Er sieht den Menschen, der von der Sünde und Schuld gequält wird. Schuld und Sünde zerstören ihn. Jesus liebt die Menschen. Er vergibt und richtet sie wieder auf, darum kann er auch sagen: sündige nicht noch einmal. Er eröffnet die Chance und Möglichkeit zum Neuanfang. Aber er eröffnet für die Ankläger der Frau einen Neuanfang. Auch sie brauchen den neuen Anfang, denn er weist sie auf ihre verborgenen Sünden hin. Doch nicht nur verborgene Sünden liegen vor. Eine offenbare Sünde ist ihre Unbarmherzigkeit dieser Frau gegenüber. Sie gehen weg. Trotzdem gilt auch zu ihnen das Wort Jesu: geht hin und sündigt hinfort nicht mehr.

Jesus gibt uns keinen Freibrief zum Sündigen. Er ruft zur Verantwortung. Er schenkt einen Neuanfang, der Frau, den Anklägern und den Menschen, die um ihn herum stehen. Egal was die Menschen erlebt haben, ob sie ein graues Hemd oder ein schwarzes Hemd anhaben, ob ihre Sünde deutlich und offenbar oder etwas weniger deutlich und gut hinter Bürgerlichkeit versteckt ist. Jesus ruft alle auch uns zu einem Neuanfang. Er sagt: «Nun, dann steinigt sie! Aber den ersten Stein soll der werfen, der selbst noch nie gesündigt hat!». und «Geh, aber sündige nicht noch einmal!»

Kommen wir noch einmal zu der Frage zurück, die wir uns am Anfang gestellt haben: Was hat Gott aus unserem Leben gemacht und was kann er daraus machen? Wenn ich auf diesen Text blicke und darauf, was ich gesagt habe, kann ich mich freuen. Der Text tröstet mich und macht mich gewiss. Ich freue mich darüber, wie Jesus richtet, indem er vergibt. Ich freue mich darüber, dass Jesus in die Brüche Gegangenes wieder heilt. Er macht Geschehenes nicht wieder ungeschehen, aber er gibt eine Möglichkeit zum Neuanfang. Darum kann ich am Ende in die Sätze Martin Luthers aus dem Kleinen Katechismus einstimmen und bekennen: Ich glaube, dass Jesus Christus, …, sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden. So können wir froh und gewiss in die Woche gehen mit dem Satz im Ohr und der Gewissheit im Herzen: «Dann will ich dich auch nicht verurteilen», entgegnete ihr Jesus. «Geh, aber sündige nicht noch einmal!»

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