Gefahren und Chancen des Gebetes

Liebe Gemeinde,

fast aller zwei Minuten klingelt heutzutage in einem ICE irgendein Handy – die Bahn hat deshalb in jedem ICE eine Ruhezone eingerichtet. So wie es Nichtraucherabteile gibt, um die Nichtraucher vor dem Qualm der Raucher zu schützen – so gibt es neuerdings Ruhezonen, um die einen vor der Gesprächigkeit der anderen abzuschirmen. Unsere Erfolge in Wissenschaft und Technik treiben manchmal seltsame Blüten. Man spricht von den modernen Kommunikationsmitteln – und die Kommunikationsmittel sollten Mittel sein, die Kommunikation (also die Verständigung untereinander) zu erleichtern. Aber obwohl die Mittel der Verständigung immer genialer werden, nimmt oft die einfache menschliche Fähigkeit, sich verständlich zu machen oder die Bemühung den anderen zu verstehen, ab. Wir können heute von beinahe jedem Punkt des Globus aus jeden anderen beliebigen Punkt per Telefon, Fax, Internet oder gar einer Videokonferenz erreichen. Selbst wenn man im Auto sitzt – oder in einem Flugzeug und sich mit rasanter Geschwindigkeit fortbewegt – kann man eine Verbindung zu anderen Gesprächspartnern herstellen und kommunizieren. Die Mittel sind perfekt geworden. Aber was nützen die besten Mittel, wenn der Mensch im entscheidenden Moment versagt. 1994 entdeckte der Pilot eines Flugzeuges im Luftraum über Morisville einen Defekt an der Maschine. Aber anstatt sich mit dem Copilot oder mit dem Tower zu beraten, traf er eine falsche Entscheidung, die zum Absturz des Flugzeuges führte. Oder: Im OP des Klinikums in Kassel wurde vor kurzem einem Patienten statt des kranken linken Lungenflügels der rechte gesunde entfernt – nur weil zwischen den Ärzten die Kommunikation nicht stimmte. Was nützen uns also die besten und modernsten Kommunikationsmittel, wenn wir sie nicht zu gebrauchen wissen, oder wenn wir sie nicht benutzen – oder noch schlimmer: wenn wir nichts zu sagen wissen? Wir investieren in die Mittel – aber verlernen das Gespräch. Was ist, wenn die Kommunikationsmittel am Ende perfekt geworden sind – aber sich die Menschen nur noch anschweigen oder einander ein "Pla-Pla" zu sagen haben?

Der Psychologe und Kommunikationstrainer Reiner Neumann bemerkte dazu: "Im Gebrauch der richtigen Worte zur richtigen Zeit scheinen wir den Höhlenmenschen kaum vorauszusein." Kommunikationsmittel bergen riesengroße Chancen in sich – aber ebensogroße Gefahren. Mit vielen Dingen ist das so – da, wo die Chancen liegen – lauern auch die Gefahren. In unserem Predigttext – und im Thema dieses Sonntages geht es um das Gebet. Und das Gebet kann man durchaus als ein geistliches Kommunikationsmittel verstehen. Das Gebet ist ein – oder sogar das! Kommunikationsmittel mit Gott. So könnte man das, was die modernen Kommunikationsmittel betrifft, auch im Blick auf das Gebet sagen: Es hat Gefahren und Chancen. Da wo die Gefahren lauern – sind zugleich Chancen. Zwei Gefahren und damit verbunden auch zwei Chancen spricht Jesus an: 1. die Heuchelei und 2. das Plappern.

Das Wort heucheln kommt wahrscheinlich von dem mhd huchen: kauern (in die Hocke gehen) – also sich ducken oder klein machen. Aber nicht im Sinne einer demütigen Geste – sondern im Sinne von sich verstellen – den anderen täuschen. In diesem Sinne gebraucht auch Jesus dieses Wort. Der upkrithz war auch der Schauspieler – also einer, der den anderen ein Theaterstück vorspielt. Ein upkrithz war einer, der mit einer Maske kommt und eine andere Person spielt. Ein upkrithz ist einer, der bewusst sich selbst verdeckt. Jesus bezieht das auf das Gebet. So sollen wir nicht beten – als solche, die im Gebet den anderen etwas vorspielen. Im Gebet geht es nicht um die Kommunikation mit oder vor Menschen – sondern um die Kommunikation mit Gott! Im Gebet darf man sich nicht selbst vor Menschen darstellen und zur Schau stellen wollen und im Gebet darf man sich nicht verstellen. Es geht schlicht und einfach um die Ehrlichkeit. So wie mein Herz ist – darf ich es ausschütten vor Gott. Jesus sagt – wer beim Beten heuchelt, der hat seinen Lohn dahin. Es ist so, wie wenn einer telefoniert und dabei viele Worte in das Mikrofon spricht, ohne zu merken, dass er keine Verbindung hat. Er spricht zum Nichts – oder höchstens zu sich selbst.

Statt dessen – so sagt Jesus – und nun kommt die Chance: "Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." Damals bestand ein jüdisches Haus nur aus einem großen Raum. Die Tür lag meistens in Richtung Süden. Und nach Norden war eine kleine Kammer angebaut, die verschließbar war, weil sich dort die Vorräte befanden. Die Vorratskammer war kühl, abschließbar und dunkel. "Dorthin geh, wenn du betest" – sagt Jesus. Wir können heute nicht in einen Kühlschrank kriechen, wenn wir beten wollen – aber was könnte das für uns heute bedeuten? z. B. Geh dorthin, wo du einen kühlen Kopf haben kannst und dir bewusst werden kannst, was Gott will. In der Hitze der Wortgefechte ist meistens keine große Konzentration möglich – geh in die Stille. Geh in das Kämmerlein – das könnte für uns heute z.B. heißen: Bete dort, wo es nach Leben riecht. Die Vorratskammer war kein sakraler Raum – es roch dort vielleicht nach Knoblauch und Speck. Der Ort hatte es irgendwie mit dem Leben zu tun. Dorthin geh, wenn du betest, wo sich das Leben abspielt – vielleicht mitten im tristen grauen Alltag. Beten ist nichts philosophisches oder eine Art literarischer Vortrag – sondern im Gebet soll unser Leben und unsere Alltagserfahrungen vor Gott zur Sprache kommen. Bete das Leben / Dein Leben / das Leben der anderen durch!. Geh in das Kämmerlein – das könnte für uns heute auch heißen: Geh dorthin, wo es dunkel ist – d.h. wo du nicht gesehen wirst und wo du abschließen kannst. Gott sieht auch dahin, wo Menschen nicht hinsehen können oder wollen. Es muss doch nicht alles an die Öffentlichkeit! Unseren Einsatz für die Menschen, für das Leben – muss man doch nicht publizieren. Es genügt, wenn es vor Gott laut wird. Such die Einsamkeit – aber in der menschlichen Einsamkeit, die Zweisamkeit mit Gott. Wir brauchen in unserem Leben solche Orte, wo wir uns "von der Welt" zurückziehen können – wo "die Welt" nicht hindarf oder hinausgeschickt wird. Wenn ich frühs anfange zu beten, dann ist "die Welt" schon da – da kreisen mir die Dinge durch den Kopf, die ich nicht lösen konnte. Da schaue ich in den Terminplaner und sehe eine Menge Verpflichtungen auf mich zu kommen. Gelingt es uns, diese Dinge einmal draußen zu lassen und eine Verbindung zu Gott herzustellen, dann bekommen die Anforderungen einen anderen Stellenwert und ich kann "der Welt" ganz anders entgegentreten und für diese Dinge beten und vor Gott einstehen.

Beim Beten geht es um die Kommunikation mit Gott – um eine Beziehung mit Gott, die sich ausdrückt. Und wenn du zum Vater betest, der im Verborgenen ist, dann wirst du erleben, das er dich gesehen und gehört hat. Jesus spricht von einer zweiten Gefahr des Betens: das Plappern wie die Heiden. Was meint Jesus damit? Es wird nicht in Abrede gestellt, das die Heiden auch beten. Natürlich beten die Heiden. Jeder Mensch betet irgendwie und irgendwann einmal in seinem Leben. Aber mit dem Plappern der Heiden meint Jesus eine bestimmte Gebetsart. Wenn wir in das AT schauen, dann finden wir dafür ein Beispiel im Gebetswettstreit Elias mit den Baalspriestern auf dem Berg Karmel. Die Baalspriester waren richtige Gebetsweltmeister. Einen ganzen Tag hielten sie im Gebet durch. Sie schleuderten viele viele Worte in den Himmel und gerieten darüber noch in Ekstase. Dahinter stand die heidnische Gebetsvorstellung: man muss die Gottheit müde beten – d.h. solange quengeln, bis diese Gottheit nicht anders kann und ein Einsehen hat und nachgibt. Kommt uns das bekannt vor? Manchmal erlebt man es ja im Supermarkt mit. Da hat ein kleines Kind nicht das bekommen, was es wollte – oder die Mutti hat die Schokolade, die das Kind in den Einkaufswagen legte, wieder ins Regal zurückgebracht. Und dann machte das Kind Terror – zunächst nur "Bitte, bitte" – dann versuchte es das Kleine mit Heulen und Schreien, und dann lag es auf dem Boden und bockte total – bis die entnervte Mutter ein Einsehen hatte. Das nennt Jesus "beten wie die Heiden". Wenn wir so mit Gott umgehen. Vielleicht bitteln und betteln wir in manchen Angelegenheiten und liegen Gott in den Ohren bis wir bocken. "Gott hat mich nicht erhört – ich will mit IHN nichts mehr zu tun haben." Jesus will damit sagen: wenn du merkst, dass Gott auf bestimmte Bitten nicht eingeht, dann sei sensibel. Dann hat Gott etwas anderes vor – dann hat Gott etwas besseres vor. Im Gebet müssen wir aufpassen, das nicht wir Gott spielen und Gott für uns benutzen wollen. Im Gebet geht es um Vertrauen: ich vertraue Gott etwas an – aber ich vertraue auch, das Gott das Richtige daraus macht.

Ich hörte einmal von Eltern, die von ihren Kindern im Sommer jeden Tag mit der Bitte um Eis terrorisiert wurden – es war nicht mehr nur das Bitten um Eis – sondern regelrechter Terror. Was machten die Eltern? Sie wussten, die Kinder brauchen auch was richtiges zu Essen. Aber wie konnten sie die Kinder zur Vernunft bringen? Reden und argumentieren half nichts. Es half auch nichts, das es ab und zu Eis gab. Sie wollten mehr. Und dann gab es frühs, mittags und abends Eis – bis ihnen das Eis zu den Ohren herauskam und sie darum flehten, wieder etwas anderes zum Essen zubekommen. Die Kinder begannen wieder den Eltern zu vertrauen, dass sie doch mehr Erfahrungen und eine bessere Übersicht über "gut und schlecht" hatten. Und das meint Jesus auch hier damit. Bete und vertraue. "Lerne beten" – d.h. lerne Gott zu vertrauen. Beten ist nichts anderes, als zu buchstabieren, was es heißt: Euer Vater weiß, was ihr nötig habt – bevor ihr ihn darum bittet. Gott weiß, was richtig und gut ist für mich und Gott hat Mittel und Wege, es mir zu schenken. Beten wie die Heiden, das kann aber noch etwas anderes bedeuten. Man machte viele Worte aus Angst. Die Griechen und Römer hatten viele Götter. Und jeder war für etwas anderes zuständig. Man hatte auch keinen richtigen Überblick mehr über die Vielzahl der Götter. Lernte man eine neue Kultur kennen, lernte man auch andere Götter kennen. Manche konnte man harmonisieren – manche aber auch nicht. So kam es zu dem merkwürdigen Phänomen, dass es auf dem Areopag in Athen eine Altar gab, der dem "unbekannten Gott" geweiht war. Man hatte Angst einen Gott zu vergessen oder zu übersehen. Die Heiden hatten einen richtigen Horror davor, dass dieser Gott dann beleidigt ist und sich rächt. Die vielen Götternamen und Beschwörungsformel waren Ausdruck einer Angst.

Das großartig Neue, was Jesus und das ganze NT uns sagt, ist dass wir zu Gott als dem Vater beten dürfen. Jesus nimmt das Gebet heraus aus einer religiösen Handelsbeziehung und stellt es in eine Familienbeziehung. Vor dem Vater muss ich keine Angst haben – vor diesem Vater, den Jesus uns offenbart – nicht! Vertrauen und Ehrfurcht ist darum die beste innere Haltung im Gebet. Und darum lernt uns Jesus zum Vater im Himmel zu beten – weil er unser Vater ist. Gebet ist das Kommunikationsmittel mit Gott. Dieses Mittel ist vorgegeben und es ist die Frage an uns, ob und wie wir dieses Mittel nutzen und mit dem Vater reden und auf den Vater hören wollen. Da, wo die Gefahren liegen – befinden sich auch die Chancen.

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