Geduldig warten und geduldig mitarbeiten

Liebe Gemeinde,

in der Adventszeit bereiten wir uns auf Weihnachten vor. Wir warten auf Weihnachten, und im Grunde hoffen wir, dass wir noch etwas Zeit haben, und Weihnachten noch nicht so schnell herbei kommt. Es sind noch Geschenke einzukaufen und Karten zu verschicken. Wir müssen noch die Tage planen. Und vielleicht fürchten sich auch einige vor den langen leeren Tagen, in denen die Familien enger zusammen rücken. Aber die eigene Familie ist vielleicht zu weit weg. Und vielleicht freuen sich manche auch schon auf das schöne Fernsehprogramm.

Und hinter all diesen Erwartungen, die wir mit Weihnachten verbinden, steckt noch ein Stück von der Sehnsucht. Die Sehnsucht Gott möge uns näher kommen. Das Christkind möge unser Herz öffnen. Und wir gingen gestärkt und beglückt in das Neue Jahr.

Unser Predigttext heute passt da gut. Auch wenn man es nicht gleich auf den ersten Blick sieht. Ich lese Jakobus 5,7-8:

[TEXT]

Seid geduldig! Diese Ermahnung gilt am ehesten den Kindern. Wenn sie fragen, wann ist denn nun Weihnachten, dann antworten wir Erwachsenen: Geduld, es kommt schon.

Für uns Erwachsene ist eher der letzte Vers wichtig. Die Aufforderung: Stärkt euere Herzen. In der Vorbereitung auf Weihnachten brauchen wir starke Herzen. Wir brauchen Raum für unsere Sehnsucht nach dem Christkind. Und wir brauchen Zeit für die Vorfreude auf die Menschen, denen wir an Weihnachten begegnen werden.

Mit starken Herzen warten auf Gott, der auf uns zu kommt. Unser Predigttext zeigt uns dafür das Bild des Bauern. Nachdem er seine Arbeit getan hat, nachdem er den Boden vorbereitet und gesät hat, lässt er die Natur wirken. Er sieht zu wie der Regen fällt und wartet geduldig auf die Zeit der Ernte. Dann wir er wieder aktiv werden und die Frucht seiner Arbeit und seines geduldigen Wartens einfahren.

Drei Dinge kann dieser Bauer: 1. er tut, was nötig ist, er bereitet den Boden vor und er sät. 2. er hat Geduld, er kann warten, 3. er vertraut den Prozessen, die ohne seine Einwirkung ablaufen. Er hat ein starkes vertrauensvolles Herz. Und das Ergebnis ist, er wird die Ernte einfahren.

Heute arbeitet kaum noch jemand in der Landwirtschaft. Aber was hier beschrieben ist gilt genauso gut für die Kindererziehung. Eltern tun, was nötig ist. Sie geben dem Kind zu essen, sie wickeln es, und sie reden mit ihm. Sie geben ihm alle möglichen Anregungen und sorgen dafür, dass es auch genügend Ruhe hat.

Und dann brauchen sie Geduld. Sie sehen zu wie das Kind wächst. Sie müssen der Versuchung widerstehen, es groß zu ziehen. Kinder müssen nicht gezogen werden. Sie wachsen von alleine. Und sie wachsen in ihrem eignen Rhythmus, und der ist eben nicht genauso wie bei den anderen Kindern. Und da brauchen Eltern viel Geduld um sie wachsen zu lassen. Und außerdem brauchen Eltern ein starkes vertrauensvolles Herz.

Wenn ich als Mutter versuche alles zu kontrollieren werde ich völlig verrückt. An irgend einem Punkt muss ich beginnen meinen Kindern zu vertrauen. Und ich muss sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen. Das fällt mir weiß Gott nicht leicht. Ich stehe da und weiß, was sie meine Tochter da versucht kann nicht gut gehen. Dann sage ich ihr, was ich sehe. Und dann prüfe ich, wenn es schief geht, wird es nicht lebensbedrohlich sein. Also lasse ich sie machen. Und dann merke ich manchmal ich habe mich getäuscht, und sie hat es doch geschafft. Und manchmal merke ich, ich hatte recht, und wenn sie es nicht getan hätte, wäre ihr einiger Kummer erspart geblieben. Aber die wichtigsten Erfahrungen sind oft die schlechten Erfahrungen. Auch an Misserfolgen können Kinder wachsen.

Wenn Eltern also mit viel Geduld gewartet haben, wie ihre Kinder aufgewachsen sind, dann kommt eines Tages auch die Zeit der Ernte. Sie sind erwachsen geworden und führen ihr eigenes Leben. Und mit etwas Glück können wir uns daran freuen, wie sie mit ihrem Leben zurecht kommen und ab und zu die Enkel betreuen.

Unser Predigttext hilft bei der Landwirtschaft und hilft bei der Erziehung von Kindern. Aber besonders helfen will er uns bei unserem Glauben.

Auch da gilt es zu tun, was nötig ist. Niemand muss sich beschweren, das er keine Erfahrungen mit Gott macht, wenn es diesen Erfahrungen keinen Raum und keine Zeit in seinem Leben einräumt. Auch der Glaube braucht so etwas wie Pflege. Wir können unseren Glauben auf ganz verschiedene Weise pflegen. Wir können in die Kirche gehen. Wir können uns regelmäßig Zeit nehmen, um zu beten. Wir können aber auch im Wald spazieren gehen und die Schönheit von Gottes Schöpfung bewundern. Wir können in der Bibel lesen oder Kirchenlieder singen. Oder wir können mit anderen über unseren Glauben reden. Wir können uns einen Kalender mit Sinnsprüchen besorgen und sie bedenken. Oder wir können uns jeden Abend fragen: Wie war der Tag, was möchte ich von dem was ich heute erlebt habe, behalten und was möchte ich abgeben. Wir können Gott anvertrauen, was uns belastet und es loslassen. Wir können uns um jemand anders kümmern, und hilfsbereit auf unsere Nachbarn zugehen. Es gibt unendliche Mengen von Möglichkeiten unseren Glauben zu pflegen. Um so mehr Menschen in treffe, um so mehr staune ich darüber, was sie alles tun, um in Kontakt mit Gott zu treten und um Gott zu ehren und ihrem Nächsten zu helfen.

Aber alles was wir tun können, kann nur der erste Schritt sein. Wir geben Gott Raum in unserem Leben. Den zweiten Schritt beschreibt unser Predigttext mit: Seid geduldig, wartet! Gott kommt auf uns zu.

Und das ist ganz schön schwierig, wenn mich die Ungerechtigkeit der Welt anschreit. Ich erlebe dass das Frauenhaus in Münster wegen der Mittelkürzungen der Landesregierung geschlossen wird. Wo sollen denn die Frauen jetzt hin, die sich vor ihren gewalttätigen Männern oder Freunden dorthin in Sicherheit gebracht haben.

Ich höre mir die Geschichten aus den Firmen an, wo ganze Abteilungen geschlossen werden und andere einfach die Arbeit mitmachen sollen, wo sie selbst nicht mehr wissen wie sie mit der bisherigen Arbeit zu fertig werden sollen. Genügend Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stehen kurz vor der inneren Kündigung weil am grünen Tisch über sie entschieden wird. Sie haben keinerlei Einfluss auf das, was sie tun sollen.
Dazu kommt: Die mittlere Generation ist völlig überlastet, und es bleibt nur wenig Zeit für die Älteren und für die Kinder.
Ich will jetzt gar nicht anfangen über Umweltschutz oder Kriege oder Hunger in der Zweidrittelwelt zu reden.

Wenn ich das alles sehe, dann habe ich keine Geduld mehr. Dann bin ich nur noch wütend. Und dann frage ich Gott, was soll das? So kann das nicht weiter gehen. Komm! Komm endlich und sorge für Gerechtigkeit! Und dann habe ich schwer zu schlucken an der Antwort unseres Predigttextes: Seid geduldig!

Aber hoppla da steht noch etwas anderes: „Denn das Kommen des Herrn ist nahe!“ Das ist die eigentliche Antwort. Schritt Nummer drei. Wir dürfen vertrauen haben. Wir dürfen Gott vertrauen. Es macht mich wütend anzusehen, was geschieht. Aber es wird nicht so bleiben. Es geht vorbei. Vieles können wir jetzt nicht ändern. Aber wir müssen nicht mit ohnmächtiger Wut zusehen und alles über uns ergehen lassen. Geduldig können wir warten, dass Gott etwas anderes wirkt. Die Zeiten werden sich wieder ändern. Nichts bleibt wie es war. Gott kommt uns entgegen. Und Schritt für Schritt wird sich seine Gerechtigkeit in unserer Welt durchsetzen. Wir können geduldig darauf warten und genauso geduldig daran mitarbeiten. Aber am Ende müssen wir das alles nicht alleine machen. Gott kommt uns entgegen. Wir feiern Weihnachten! Bald!

drucken