Geduld

Liebe Gemeinde!

Kinder müssen sich jetzt vor Weihnachten in Geduld üben. Ein Adventskalender kann ihnen dabei helfen. Noch 17 Fenster dürfen sie aufmachen, jeden Tag eines, eines nach dem anderen. Und morgen sind es nur noch 16 Tage … Dann ist Weihnachten. Dann ist die Bescherung mit Lichterbaum und Geschenken, mit dem Christkind in der Krippe und Maria und Josef samt Ochs und Esel im Stall.

An Weihnachten erinnern wir uns an den 1. Advent Gottes in unsere Welt. In dem kleinen Menschenkind Jesus und später in dem Wanderprediger und Wunderheiler aus Nazareth, der schließlich in Jerusalem zu Tod verurteilt und grausam hingerichtet worden ist, offenbarte Gott seine Liebe und Menschenfreundlichkeit. Weil auf das Kreuz die Auferstehung folgte, darum begann mit Jesus die Hoffnungsgeschichte der Christenheit. Menschen vertrauen auf Jesus, nehmen die Liebe Gottes, die in ihm Gestalt gewonnen hat, an, erfahren einen neuen Lebenssinn, eine neue Ausrichtung, Vergebung des alten Lebens ohne Gott und Beginn eines neuen Lebens mit Gott. Darum warten und hoffen die Christen auf den 2. Advent Jesu Christi in Macht und Herrlichkeit zum Gericht und zur Vollendung der Gottesherrschaft. Das ist die Zukunft, auf die wir geduldig warten sollen.
Mancher möchte da vielleicht auch so etwas wie einen Adventskalender, auf dem man jeden Tag nur ein Türchen aufmachen darf, aber auf dem auch abzusehen ist, dass Warten sich lohnt und unsere Geduld nicht mehr allzu lange auf die Probe gestellt wird. Man möchte wissen, was die Zukunft bringt und fürchtet sich vor dem, was kommen kann, vor Krankheit, Schicksalsschlägen und Tod einerseits und vor Klimaveränderung, Krieg und Katastrophen bis hin zur Vernichtung des Lebens auf der Erde andererseits.
Die Regale in den Buchhandlungen sind voll von Büchern mit angeblichem Geheimwissen über die Zukunft – so etwas wie „Adventskalender für Erwachsene“. Das Geschäft geht gut. Ein Zeichen dafür, dass die Zukunftsangst im Lande umgeht. Man möchte wissen, was kommt und wie man sich dagegen absichern kann, oder wie man die Zeit bis zum Ende auskosten kann. Man versucht die Zukunft zu enträtseln, man will sie in den Griff bekommen. Aber beides kann nicht gelingen. Alle Berechnungen und alle Enthüllungskünste sind vergebliche Versuche, etwas wissen zu wollen, wo man nichts wissen kann.

Vielleicht erinnern Sie sich auch daran, wie Sie als Kind an der Hand Ihres Vaters durch den dunklen Wald gegangen sind. Da galt es, die Hand festzuhalten und zu vertrauen, denn er wusste den Weg.
So ist es auch mit Gott. Auf dem Weg in die ungewisse Zukunft dürfen wir der Vaterhand vertrauen. Wir müssen sie nur festhalten. Wenn wir aber die Hand loslassen und selbst den Weg und die Richtung bestimmen wollen, dann geraten wir in den Strudel der Angst und laufen doch nur im Kreis. Gegen die Zukunftsangst hilft nur vertrauensvolles Gebet. Unser Bibelwort aus dem Jakobusbrief gibt uns dafür ein einfaches Beispiel: „Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“

Als Kind habe ich es miterlebt, wie ein Nachbar am frisch gepflügten und geeggten Feld stand. Er hatte das Sätuch schon um Hals und Schulter gelegt. Es war prall gefüllt mit Saatkörnern; und ehe die Aussaat begann, zog er seinen Hut, faltete die Hände und betete das Vaterunser. Dann aber ging der alte Mann mit ruhigem Schritt über den weiten Acker, und Wurf um Wurf vertraute er die Saat der Erde an. Mehr konnte er nicht tun als pflügen, eggen, säen und noch einmal eggen. Er konnte nur noch warten und hoffen. Er hat die Saat dem Segen des Schöpfers anvertraut. Was nun noch geschieht, das Keimen und Wachsen, ist unseren Augen verborgen, bis der Keim die Erde durchbricht und heranwächst, schosst, blüht und Frucht trägt. Und dann ist der Tag der Ernte da. Aber weil der alte Bauer Gott vertraute und weil er beten konnte, deshalb konnte er gelassen und ruhig sein, geduldig und stark und dankbar; denn die Ernte kam aus Gottes Hand. Sie war ja Gottes „köstliche Frucht“.

„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn.“ Viele Zeitgenossen fürchten die Zukunft, weil sie wie gebannt auf das Ende starren. Sie können nicht darüber hinaussehen, sie haben keine Hoffnung.
„Durch den Horizont sehen“ – so sagen die Papuas für unser Wort „Hoffnung“.
Menschen, die nicht über ihren eigenen Horizont hinaussehen können, fragen voller Angst: Was kommt, wann wird es sein, wie viel Zeit bleibt mir noch? Was kann ich in der mir verbleibenden Zeit noch mitnehmen und herausschlagen?
Jakobus sagt uns nicht, was kommt, sondern wer kommt. Die Zukunft wird auf jeden Fall die Zukunft unseres Herrn Jesus Christus sein. Und er wird alle Tränen abwischen (Offbg. 21,4). Er wird uns trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13). Er wird die Toten ins Leben rufen. Und alle werden vor ihm stehen, und er wird die Lebenden und die Toten richten. Und wer ihm hier vertraut hat, wird das Gericht nicht als ein Hinrichten, sondern als ein Herrichten und Aufrichten erleben.

Vertrauen kann ich nur einem, der mir vertraut ist. Den ich kenne und mit dem ich Erfahrungen gesammelt habe. Es kommt also darauf an, dass Jesus uns hier und jetzt vertraut wird, indem wir sein Wort lesen und hören und darauf unser Leben wagen. Aus dem Evangelium wissen wir, dass Jesus, der Herr des Himmels und der Erde, unser Bruder und Freund ist. Da erfahren wir von seinem Erbarmen, von seiner Geduld und seinem Leiden und Sterben an unserer Stelle. Und wir begegnen ihm in Brot und Wein. Immer dort will er in unser Leben eintreten, wo uns ein Wort aus seinem Mund trifft und uns umgestaltet in sein Bild, wo wir uns seinem Geist öffnen und er uns neu macht. Am Ende steht nicht das nackte Entsetzen, sondern Er. Und er wird das letzte Wort haben und sprechen: Siehe, ich mache alles neu! (Offbg 21,5)

Natürlich weiß ich, dass fast alles in dieser Welt gegen diese Erwartung und gegen diese hoffnungsvolle Zukunft zu sprechen scheint. Die Zeitungen am Morgen und die Nachrichten am Abend hämmern es immer wieder in unser Gedächtnis, dass die Welt aus den Fugen zu gehen droht, dass das Leben auf der Erde gefährdet ist, nicht nur in den armen Ländern mit ihren Hunger- und Flüchtlingsproblemen, sondern auch bei uns. Das Recht wird mit Füßen getreten, der Stärkere, der Clevere scheint zu triumphieren. Die Unruhe wächst. Die Jugend rebelliert, und auch das ist Ausdruck von Zukunftsangst.
Da ist die Frage berechtigt: Wo ist denn nun die Zukunft des Herrn? Warum sehen wir nichts von seiner Macht und Herrlichkeit? Da beten wir: „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“ – aber wie passt da unsere Erfahrung dazu? Da können einem schon Zweifel kommen. Aber wenn auch alles dagegen spricht, so schau doch auf Jesus Christus und auf seine Geduld! Er hatte den langen Atem, der aus der Kraft Gottes lebt und schöpft und wirkt. Er gab seinen Geist in Gottes Hände, und ist auferweckt zu ewigem Leben.
„Seid auch ihr geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe.“

Wir warten nicht auf irgendein schreckliches Ende. Der Herr herrscht schon jetzt – und zwar dort, wo jemand sein Herz für ihn öffnet und ihn einlässt und aufnimmt. Da ist das Reich schon greifbar und begreifbar nahe. Da wirkt sein Geist und stärkt den Glauben, die Liebe, die Hoffnung. Die Zukunft des Herrn ist im Geist und im Glauben schon Gegenwart, und das gibt Geduld und den fröhlichen Mut und das standhafte Hoffen, „denn die Zukunft des Herrn ist nahe“!

Geduld, liebe Gemeinde, heißt ja nicht, die Hände in den Schoß legen, heißt auch nicht, in Trägheit und Untätigkeit verfallen und alles laufen lassen, wie es läuft. Der Bauer kann zwar die Ernte nicht herbeizwingen. Er kann nur vertrauen und geduldig warten. Gott gibt die Ernte zu seiner Zeit. Aber vorher kann und soll er pflügen und säen und heutzutage auch düngen und Unkraut bekämpfen. So sollen auch wir heute das Unsere tun. Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter, so fordert deine Familie deine Liebe und Fürsorge. Bist du Sohn oder Tochter, so ist dir Achtung und Liebe gegenüber den Eltern geboten. Bist du Politiker, so frage nicht nach der Gunst der Parteien oder Wähler, sondern prüfe alles und suche der Stadt Bestes. So hat jeder Stand, jeder Beruf, jedes Alter seine ihm eigenen Gaben und Aufgaben. Aber wir sollen nicht in dem Wahn leben, dass wir die Zukunft planen und herbei zwingen, oder dass wir das Ende verhindern oder wenigstens hinauszögern könnten. Die Vollendung hat sich der Vater in seiner Macht vorbehalten, und die Zukunft liegt in der Hand unseres Herrn Jesus Christus. Ihm lege ich darum mein Geschick und das meiner Angehörigen und das der Welt in die Hände. Das hilft gegen die Angst. Das macht geduldig, aber nicht untätig. Das gibt den langen Atem, den großen Mut, das starke Herz, das mitten in der Unruhe der Zeit ruhig und gelassen bleiben kann. „So seid auch ihr geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe!“

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