Geduld!?

Liebe Gemeinde,

oft sind wir mit unserer Geduld wirklich am Ende. Dann können wir nicht mehr schweigen zu dem, was wir erleiden, uns bedrückt und beschäftigt. Die Geduld wird von vielen Menschen als christliche Tugend besonders hoch gerühmt. Sie nur zu fordern, ohne sie zu begründen, ist zu wenig. Geduld wird auch missverstanden als geduldig Unrecht und Leid zu ertragen, anstatt aufzubegehren, die Auseinandersetzung zu suchen und den eigenen Standpunkt Gott und gegenüber der Welt zu klären.

Es gibt viele Gelegenheiten, wo wir aufgefordert werden, geduldig zu sein, nicht aufzugeben, noch ein wenig zu warten, durchzuhalten und so weiter. Aber einmal ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann überzeugen uns keine Vertröstungen mehr. Wir sind dann auch nicht mehr zu Umwegen oder gar Rückwegen bereit, wie hier in unserer Geschichte das Volk Israel.

Sie waren aus Ägypten ausgezogen. Sie wollten, kurz vor ihrem Ziel angekommen, geradeaus durch das Land der Edomiter ziehen, ohne von ihnen irgendetwas zu wollen. Die aber drohten mit Krieg und verstärkten sofort die Sicherheitskräfte an ihrer Grenze. Nun waren die Israeliten gezwungen, das Land Edom zu umgehen. Dazu mussten sie zunächst zurück in die gefahrvolle Wüste.

Sie waren das noch am selben Tag verderbende Manna, die Speise, die Gott ihnen täglich gab überdrüssig. So kurz vor dem Ziel, dem verheißenen gelobten Land, ist ihnen die Puste ausgegangen. Das Ziel schien in ferne Zeiten zu verschwinden.

Da hilft keine Durchhalteparole mehr. Das Vertrauen in Gottes gute Führung ist zutiefst erschüttert. Nun bekommen sie von Gott dafür auch noch eines oben drauf gesetzt, erzählt die Geschichte. In der Wüste lässt er die Schlagen los. Nun ist ihr Biss gefährlich, vergiftet, tödlich.

Das Verhältnis zwischen dem Volk und Moses und zwischen dem Volk und Gott ist total vergiftet. Ihr Murren und Nörgeln, ihre Ungeduld, fordert in der Wüste viele Todesopfer. Oder ist es eher die enttäuschte Hoffnung, der Weg in die Wüste zurück, der Umweg, den viele nicht mehr schaffen? Sie haben aufgeben. Ihnen fehlt das Vertrauen in Gottes gute Führung. Sie können nicht "Trotzdem ja zum Leben sagen", wie es Viktor E. Frankl in seinem gleichnamigen Buch über die Zeit im Konzentrationslager schrieb. In dem Moment, wo die Menschen ihre Hoffnung verloren haben, waren sie auch verloren. Als sie keinen Sinn mehr auch in den kleinsten Ereignissen ihres schweren Alltags entdecken konnten, starben sie bald.

Angesichts der tödlichen Gefahren in den Wüsten unseres Lebens, ist das zu verstehen. Wer keine Hoffnung hat, und sei es auch nur die allergeringste, hat sich aufgegeben. Er setzt keine heilende Kraft der Zerstörung entgegen.

Die vergiftete Atmosphäre, die tödliche Gefahr ist bezwingbar durch Vertrauen in Gottes gute Gegenwart. Er hat seine Nähe besonders dort zugesagt, wo unser Leben von Krankheit und Tod bedroht ist. Mit unserem Blick auf ihn, auf das Kreuz Jesu, können wir die Angst vor der Krankheit und dem Tod aushalten. Mit unserem Blick auf das Kreuz Christi, werden die Angst und das Leid uns nicht töten. Wir können sie bejahen als zu unserem Leben dazugehörig. So, wie wir Freude und Glück bejahen und gern annehmen.

Was sich hier im Text als Strafe für die Ungeduld, für das Murren und Nörgeln verstanden werden kann, erweist sich als eine Folge davon, wenn wir unser Vertrauen in uns selbst und in Gottes gute Nähe verloren haben. Die Ungeduld ist ein Zeichen der verlorenen Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft. Trauen wir Gott keine Nähe zu uns zu, verlieren wir uns in Verzweiflung und Sinnlosigkeit.

Das Volk in unserer Geschichte hat in seiner Not erkannt, dass sie leer und ausgebrannt und von Angst und Misstrauen Gott gegenüber vergiftet sind und bitten Mose, ihren Anführer um seine Fürsprache bei Gott. Gottes Antwort ist gleich da. Richte deinen Blick im Leben und Sterben ganz fest auf mich, so wirst du leben. "Lob und Vertrauen heilt die Wunden unserer Herzen", heißt es in einem Wiederholgesang von Taizé. Auch in der dunkelsten Finsternis leuchtet Gottes Gegenwart im Kreuz und in der Auferstehung Jesu Christi auf und will uns Mut machen.

Gott hat uns das Kreuz Jesu als Zeichen der Hoffnung aufgestellt. Die Geduld, die das Kreuz Christi in uns lebendig macht ist kein dumpfes Aushalten von Leid und Tod. Es weckt die Geduld in uns, die uns unser Leben als Ganzes in Höhen und Tiefen, in Freude und im Leiden annehmen lässt. Das Kreuz ist das Zeichen der immer währenden Nähe Gottes in unserem Leben und in der Welt. Es weckt in uns die Geduld und das Vertrauen, dass unser Leben Sinn und Ziel durch Jesus Christus hat.

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