Geburtswehen des Gottesreiches

Liebe Gemeinde,

Glaube, Vertrauen, Hoffnung – da stellen wir uns vor, wie jemand still, in sich gekehrt, vielleicht in Gebet oder Meditation versunken ist. Oder wie jemand trotz Schicksalsschlägen sein Leben gut zu meistern versteht und bewundernswerte Zufriedenheit ausstrahlt. Ich kann mir vorstellen, dass sogar manche von Ihnen, liebe Gemeinde, diesem Bild von gläubigen Menschen erstaunlich nahe kommen. Doch der Glaube an Gott, Vertrauen und Hoffnung können auch ein ganz anderes Gesicht tragen: Ungeduldiges Klagen und lautes Seufzen! Kein schönes, mildes Gesicht, eher ein schmerzverzerrtes.

Wir haben vorhin beim Psalm bereits gehört, wie es in der Bibel eine lange Tradition der Klage gibt. Menschen lagen Gott in den Ohren mit ihren Nöten. Was mir an diesen Klagepsalmen imponiert ist, dass die Menschen darin einen Weg finden zu klagen, Gott gegenüber auszusprechen, was sie bedrückt, ohne ins Jammern zu verfallen, sich in Selbstmitleid zu verlieren. Manchmal ist der Tonfall fast anklagend: warum hast du mich verlassen, Gott?, und oft eben auch ungeduldig, da wird laut geschrieen zu Gott.

Der Apostel Paulus beschreibt im Römerbrief in einem Abschnitt ebenfalls Glauben und Hoffnung als Klagen und Seufzen unter Schmerzen: Ich schätze, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit in keinem Verhältnis stehen zu der künftigen Herrlichkeit, die sich an uns offenbaren wird. Denn die ungeduldige Sehnsucht der Schöpfung harrt auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes. … Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung bis zur Stunde seufzt und in Geburtswehen liegt. Und nicht nur das, auch wir, die wir die Erstlingsgabe des Geistes besitzen, auch wir seufzen in uns selbst in der Erwartung der Erlösung unseres Leibes. Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Eine Hoffnung aber, die man sieht, ist keine Hoffnung, denn was einer sieht, weshalb hofft er es noch?

Vielleicht ist Ihnen jetzt aufgefallen, dass ich nicht aus der Bibel gelesen habe. Das hat einen speziellen Grund. Dieser Abschnitt ist oft anders übersetzt worden – und so ist es auch in meiner alten Zürcher Bibel der Fall, die Neuübersetzung, die zur Zeit in Arbeit ist, wird da besser sein – die männlichen Theologen haben nämlich die Erwähnung der Geburtswehen vermieden. Gern hat "Mann" in früheren Zeiten diesen Abschnitt dann dahingehend ausgelegt, den Notleidenden, beispielsweise den armen, unermüdlich schuftenden Fabrikarbeiterfamilien in unseren Dörfern zu sagen: Nehmt euer Leiden, eure miserable Situation hin! Seht Ihr Eure Bedrückung ist ein Teil des Seufzens aller Kreatur. Und schaut, Paulus sagt Euch, dass die irdischen Leiden und Nöte nichts sind, im Vergleich zur Herrlichkeit bei Gott dereinst.

Paulus hat jedoch gewusst, was Krankheit, Unterdrückung, Verfolgtsein und Gefangenschaft bedeuten. Die ungeduldige Sehnsucht, das Seufzen und die Geburtswehen von denen er schreibt, meinen wohl kaum das stille Sich-drein-Schicken in ein hartes Los. Geburtswehen – viele von Ihnen hier werden das ja selbst erfahren haben – sind wie eine spezielle Mischung aus Schmerz und körperlicher Arbeit, irgendwie eine Mischung aus Locker-lassen, Durchhalten und das Ganze-Voranbringen-Wollen. Erst ungeduldiges Erwarten. Dann – ich weiß noch gut – habe ich mich über die ersten heftigen Wehen sogar richtig gefreut, weil ich wusste: jetzt, geht etwas los. Hey, jetzt ist die Zeit da! Der Schmerz der Frauen bei der Geburt ist Schmerz zum Leben. Ziel ist die Freude über das neugeborene Kind in den Armen. Es ist ein Schmerz des Übergangs zu neuem Sein.

Schmerz des Übergangs zu neuem Sein, nicht zufällig sagen wir bisweilen, dass Geburt und Tod sich ähneln. Manche Menschen können deshalb auch mit ihrem Tod so umgehen wie mit einer bevorstehenden Geburt. Manch einer sagt irgendwann: ja, jetzt kann ich sterben. Und das ist als würde einer oder eine den eigenen Tod gebären. Sich – wenn denn die Zeit gekommen ist – den Tod herbeisehnen sich bewusst auf den Übergang, der auch schmerzvoll sein kann, einlassen.

Das Bild der Geburtswehen erscheint deshalb beim Paulus als ein Bild, dafür wie Menschen erlöst werden, zu Gott hinübergehen. Und aber auch als ein Bild dafür wie umgekehrt Gott zu uns Menschen kommt, Gottes Reich zur Welt kommt. Denn Paulus schreibt ja, dass nicht nur Menschen seufzend ihre Erlösung herbeisehnen sondern die ganze Schöpfung in Wehen liegt.

Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit und der Liebe, die uns von innen heraus verwandeln will, kommt bestimmt, hofft nur weiter darauf – so Paulus – es wird wie eine Geburt, wie eine schwere Geburt sein. Und eben bei einer Geburt heißt es dranbleiben, wenn es einmal losgeht, kann man nicht sagen, ach jetzt haben wir lang genug gewartet und gehofft, es ist uns zu mühsam, lasst uns die Sache vergessen.

Und es ist schon losgegangen diese schwere Geburt der Liebe Gottes in uns und des Friedens und der Gerechtigkeit inmitten unter uns. Ja, und die Geburt des Reiches Gottes auf der Welt ist seit langem schon im Gange. Die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten gehörte bereits dazu. Für das Seufzen und Klagen der Israeliten beim Auszug aus Ägypten wird in der griechischen Ausgabe des Alten Testaments das gleiche Wort benutzt, das auch Paulus in unserem Abschnitt hier verwendet: stenagmos – Geburtswehen. Der Auszug aus Ägypten, die Rettung am Schilfmeer, als sich das Volk unter Moses Führung durch die sich teilenden Wassermassen hindurch vor der ägyptischen Streitmacht retten konnte, das alles ist wie eine Geburt zu verstehen, sagt die Bibel damit. Durch Schwierigkeiten hindurch und durch einen schmerzvollen Prozess geschieht Befreiung, Erlösung.

Ebenso das Leben Jesu – eine Geburt der Liebe Gottes im Menschen. Sein Lebensweg und sein Tod mit Leid und Schmerzen verbunden – Gott selbst nimmt bewusst Schmerz auf sich. Gott selbst bleibt nicht unbeteiligt, wenn es darum geht mit seiner Kraft der Liebe unter uns zu wirken. Es ist eine schwere Geburt für Gott, die Liebe in uns Menschen und den Frieden und die Gerechtigkeit unter uns Menschen ins Leben zu bringen. Vielleicht braucht Gott bei dieser schweren Geburt ja unsere Mitwirkung?

Klagen und Seufzen – so etwas wie das hilfreiche Beatmen des Wehenschmerzes – warum nicht? Wer ungeduldig klagt und laut seufzt hat noch nicht resigniert, sondern hofft im Innern. Wer Schmerz empfindet angesichts von Unrecht und Streit, ist noch nicht abgestumpft oder betäubt. Wir Menschen sind nicht Maschinen oder Konsumtierchen, wie uns vielleicht die Wirtschaft manchmal gern hätte, wir sind schmerzfähig, weil wir liebesfähig sind. Wenn wir bewusst klagen und seufzen, wenn wir hoffen, dann ermöglichen wir, Gott in uns Fuss zu fassen, mit seiner verändernden Liebe in uns zu wirken. Die Schmerzen über das Unrecht werden uns dadurch nicht vergehen, im Gegenteil: wir werden noch aufmerksamer sein dafür – aber dafür sind wir dann um so mehr beteiligt an der Geburt der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit.

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