Gar nicht selbstverständlich

Liebe Gemeinde!

am 27. Mai diesen Jahres fuhren zwei Pkws hintereinander in Mainz am Rheinufer entlang. Plötzlich fuhr das hintere Fahrzeug auf das vorausfahrende Auto auf. Der Grund hierfür waren zwei, aus dem heruntergedrehten Fenster, herausgeworfene Wasserbomben. Diese trafen das hintere Fahrzeug auf der Windschutzscheibe, wodurch der Fahrer erschreckt und abgelenkt wurde. Wutentbrannt zertrümmerte der Fahrer des hinteren Wagens die rechten Seitenscheiben des Bombenwerferautos – ein Fall für die Justiz.

Immer häufiger werden solche Gewalttaten, wenn sich Autofahrer im Straßenverkehr ungerecht behandelt fühlen, beobachtet. Drängeln auf der Überholspur, an Ampeln und Rastplätzen, ja, sogar der Gebrauch von Schusswaffen ist keine Seltenheit.

Im Dorf Lauro nördlich von Neapel lieferten sich abends zwei Autofahrer eine wilde Schießerei. Zwei Limousinen rasten durch das Dorf. Aus den Fenstern feuerten die Fahrer mit Maschinenpistolen. Passanten warfen sich in Panik hinter Gartenmauern, um nicht getroffen zu werden. Am Ortsausgang bremste ein Wagen den anderen aus. Wieder krachten MP-Salven durch die Nacht.

Soweit der Bericht aus der Tageszeitung vom Mittwoch, den 29. Mai 2002 – und schon sind wir mitten in unserem Predigttext.

[TEXT]

Was Paulus hier so ganz selbstverständlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, ist, so denke ich, gar nicht so selbstverständlich.

In unserem Alltagsleben werden wir oft genug von Rachsucht und Rechthaberei gelenkt und wir sind gehalten unser Recht durchzusetzen, auch wenn dabei der Hausfrieden in die Brüche geht.

Niemand von uns ist von Streitereien und Konflikten im privaten und beruflichen Umfeld ausgenommen. Es fängt beim Spielen unserer Kinder im Sandkasten an und geht weiter bis zu den Streitigkeiten anderer Staaten untereinander.

Ich denke hier an Nordirland, Indien und Pakistan oder an den Nahen Osten. Palästinensische Selbstmord-Attentäter sprengen sich in die Luft und reißen unschuldige Menschen mit in den Tod. Die israelische Armee bombardiert Dörfer und Städte – und tötet ebenso unschuldige Menschen.

Warum tun sich Völker das an? Warum können sie nicht in Frieden leben?

Frieden ist, so denke ich, nicht nur in vielen Regionen unserer Welt, sondern auch bei uns hier vor Ort, bis hin in unsere Familien, schon seit etlichen Jahren ein Fremdwort.

Was will Paulus uns mit seinem Brief an die Römer, der heute genau so aktuell ist wie früher, sagen? Alles hinnehmen, nur damit Friede herrscht, das kann es wirklich nicht sein.

Niemand von uns muss sich alles gefallen lassen und in eine Opferrolle hinein schlüpfen. Niemand von uns soll und kann nicht immer und ewig zurückstecken um des lieben Friedens willen. Frieden, so denke ich, besteht ja gerade darin, dass alle Menschen auf dieser Welt zu ihrem Recht kommen.

Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Rächt euch nicht selbst. Lasst euch nicht vom Bösen überwinden.

Wie schwer das ist, liebe Gemeinde, das wurde uns in den Monaten nach dem 11. September 2001 immer wieder vor Augen geführt. Angesichts eines solchen Verbrechens, sind da die menschlichen Reaktionen, sofort an Vergeltung zu denken und Rache zu schwören, nicht ganz natürliche Reaktionen?

Wut macht bekanntlich blind und sie verhüllt uns den Blick für das, was in solchen Situationen angemessen und angebracht ist. Ja, Wut macht blind und sie verhüllt uns auch den Blick nach den Ursachen solcher Verbrechen zu fragen.

Wir wünschen Frieden, aber wir verhalten uns oft ganz anders. In einer Zeitschrift unserer Kinder las ich folgendes:

"Du schreibst Frieden auf deine Jacke und machst Krieg mit deinen Eltern. Du schreibst es auf deine Hosen und läufst Sturm gegen deine Lehrer. Du tätowierst es auf deine Haut und zankst dich mit deinem Bruder. Du möchtest, dass Frieden in deiner Seele zu lesen ist, aber du führst Krieg mit dir selbst. Auf dem Papier, auf deiner Jacke, auf deiner Hose, auf deiner Haut, überall steht Frieden, doch in deinem Herzen ist Krieg!"

Was will Paulus uns mit seinem Brief, der heute genau so aktuell ist wie früher, sagen?

Paulus will uns, so denke ich, zu einer Liebe und so zum Frieden führen, die in den schwierigsten Situationen niemals aufgibt – zu Jesus.

Jesus Christus ist diesen Weg der Liebe vor uns gegangen. Er hat sich gegen allen Widerstand um Frieden mit den Pharisäern bemüht. Er hat das Verhalten von Judas, seinen Verrat, nicht mit Hass heimgezahlt. In der Stunde seiner Gefangennahme hat Jesus den Knecht, der mit dem Schwert zu ihm kam geschützt. Und am Kreuz, als man Jesus verspottete, hat er nicht mit Fluch und Spott gekontert.

Jesus Christus hat das Böse, den Satan dieser Welt durch sein Sterben überwunden. Jesus hat ihn nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet, nein, er hat ihn mit seiner Liebe überwunden.

Paulus Worte schicken uns also nicht in die Wüste. Sie weisen uns auf den Weg Jesu. So wie Jesus durch diese Welt gegangen ist, so sollen wir ihn auch gehen.

Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Rächt euch nicht selbst. Lasst euch nicht vom Bösen überwinden.

Lasst euch nicht mit hineinziehen in den Sog von Brutalität, Gewalt und Gegengewalt, denn dann hat Satan gewonnen. Solange wir aber dem Bösen etwas Positives entgegensetzen können, hat das Gute, Jesu Liebe, eine Chance.

Ja, an der Liebe Jesu lasst uns festhalten, auch dann, wenn wir dieses Ziel immer wieder verfehlen und an unseren eigenen Widersprüchen scheitern.

Vielleicht werden auch Sie jetzt an dem Punkt in Ihrem eigenen Leben angelangt sein, wo für Sie die Herausforderung gilt: Vergelte nicht Böses mit Bösem, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

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