Ganz und gar

"Fröhliche Weihnacht überall,/ tönt es durch die Luft mit frohem Schall.//
Weihnachtslied, Weihnachtsbaum,/ Weihnachtsduft in jedem Raum." Dieser Refrain eines neueren Weihnachtsliedes lässt geschickt all die sinnlichen Wahrneh-mungen in uns lebendig werden, die eng mit der Advents- und Weihnachtszeit verknüpft sind. Wie war das z.B. jetzt wieder auf den Weihnachtsmärkten? Dort empfing uns doch mit schö-ner Regelmäßigkeit die Polyphonie der aus den verschiedenen Lautsprechern gleichzeitig erklingenden unterschiedlichen Weihnachtslieder vermischt mit den abwechselnden Darbietungen von Kinder- und Posaunenchören und weiterer sehr Musikgruppen. Und zuhause ar-beiteten wir uns seit dem 1. Adventssonntag von Choral zu Choral weiter vor im Weih-nachtsoratorium.

Gleichzig mit unseren Ohren werden unsere Nasen gekitzelt: zuhause durchzieht die Weih-naWeih-nachtsbäckerei mit ihren Düften alle Zimmer und auf dem Weihnachtsmarkt umfängt uns die unnachahmliche Melange der Aromen von Glühwein und Currywurst. Gleichzeitig ziehen uns die Augen hin zu all den Auslagen der vielen Verkaufsstände. Hier nehmen wir eine blankpo-lierte Holzarbeit in die Hand und spüren der Wärme des Materials nach, dort halten wir uns ein Seidentuch an die Wange und fangen bei diesem Gefühl an zu träumen.

Ganz und gar, mit Haut und Haar ergreifen uns alle diese Sinneneindrücke – jedes Jahr immer wieder neu – und lassen in uns eine freudige Erregung wachsen. Egal ob nun Christ oder nicht, wir Menschen sind wie verwandelt in der Erwartung kommender Freuden. Der Beginn des 1. Briefs des Johannes benennt uns in ebenso knapper wie eindeutiger Weise den Urgrund dieser Freude. Wir haben vorhin die Epistel gehört. Dennoch möchte ich uns den Prolog noch einmal zu Gehör bringen – in einer neueren Übersetzung:

[TEXT]

Liebe Schwestern und Brüder, also, „über das Wort des Lebens“ will der Verfasser dieser Epistel schreiben, „… über das, was von allem Anfang an da war.“ Und wir erinnern uns dabei an den Prolog des Johannese-vangeliums: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort» und dann weiter: «… das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit …»

Im Vergleich mit diesem Prolog des Evangeliums kann einem der des 1. Johannesbriefes bei-nahe dürftig bis bemüht vorkommen. Fast könnte man ihn für nicht so bedeutend, nicht so wichtig halten, als Predigttext nur wenig geeignet. Denn, was sollen Wiederholungen, wel-chen Sinn könnten sie hhaben, wenn sie nicht dramaturgisch geschickt als Steigerung einer Handlung eingesetzt werden?

Die Kommunikationswissenschaften haben erkannt und lehren es uns, dass wir Wiederholun-gen eben nicht als überflüssig, als bloß redundant und damit als langweilig und bedeutungslos abtun dürfen. Wiederholungen, sorgen dafür, dass Informationen, die uns erreichen, dadurch klar und eindeutig werden, an Bedeutung gewinnen und sich uns so besser einprägen. Und solche Redundanzen bringen uns einen Text dann besonders nahe, denn:

Wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen, wir haben es be-trachtet und mit unseren Händen betastet. Das Leben, das wahre und ein-zige Leben, wurde enthüllt, offenbar gemacht.

Hier schreibt einer, der Jahre später immer noch ganz erfüllt ist von dem, was er nicht einfach nur erlebt hat, sondern höchstpersönlich mit eigenen Augen gesehen und betrachtet hat – im-mer wieder, nicht nur einen mehr oder weniger flüchtigen Augenblick lang. Und damit nicht genug, Körperkontakt hat er gehabt, mit den Händen betastet, er hat es begriffen: das wahre, das einzige Leben! Der ganze Mensch ist davon ganz und gar erfasst – nicht einfach nur der Intellekt oder nur das Gemüt. Das muss unser Briefschreiber weitergeben, das kann er nicht einfach für sich behalten: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist ihm begegnet, mit ihm hat ER eine Zeitlang zusammengelebt. Und als Zeuge Jesu Christi kann und will er nicht schweigen.

Von einem weiteren Mann wird uns im Neuen Testament berichtet, dessen Begeisterung nicht mehr zu bremsen war, als er Jesus begegnete: der alte Simeon vor dem Tempel in Jerusalem, als Joseph und Maria dem Gesetz gehorchend, ihren erstgeborenen Sohn in den Tempel trugen. Begreifen musste Simeon diese Begegnung in des Wortes ursprünglichster Bedeutung: Er ergriff nämlich das Baby, das der Gottessohn war, und trug es in seinen Armen. „… meine Augen haben Dein Heil gesehen, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise Deines Volkes Israel“ lobt Simeon Gott für diese Gnade, die ihm erwiesen wurde. Der ganze Mensch Simeon ist erfüllt davon, nun hat sich sein Leben gerundet, nichts bleibt offen und unerledigt. In großer Freude und im Frieden mit sich, der Welt und mit Gott, dem HERRN, kann Simeon nun diese Welt verlassen, sein Leben ist am Ziel.

Diese Freude darüber, dass Gott zu uns gekommen ist in der Gestalt seines Sohnes, dass wir angehaucht werden vom ewigen Leben, dem einzigen, dem wahren Leben, will der Verfasser des 1. Johannesbriefes nicht nur mit uns teilen, sondern er will, dass auch wir dieses bezeugte Erlebnis weitergeben und auch wir so zu Zeugen werden.

Nun ließe sich einwenden, dass ich nur etwas bezeugen kann, das ich persönlich mit meinen eigenen Augen und Ohren miterlebt habe. Aber wir sollen uns ja – ohne wenn und aber – hin-einnehmen lassen in das Christus-Erlebnis der ersten Zeugen:

Deshalb, was geht beispielsweise in uns vor, was bewegt uns, wenn wir am Abend in der Komplet den Lobgesang des Simeon singen: „Herr, nun lässt Du Deinen Diener … in Frieden fahren. Denn meine Augen haben Dein Heil gesehen …“ Horchen wir doch einmal in uns hin-ein! Was geschieht dann mit uns? Von mir kann ich sagen, dass dieses Canticum der Komplet für mich der Höhepunkt des Tages ist. In mir steigt dabei ein Gefühl auf, daß von diesem glückserfüllten Simeon etwas auf mich überströmt bzw. mich hineinnimmt in dessen jubeln-den Lobpreis. So wird jedesmal neu der Lobgesang des Simeon zu meinem Lobgesang.

Aber auch auf eine andere, ganz unmittelbare Weise werden wir immer wieder zu Zeugen Christi, die wie der Schreiber unserer heutigen Epistel sagen können: Wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen, wir haben es be-trachtet und mit unseren Händen betastet. Das Leben, das wahre und ein-zige Leben, wurde enthüllt, offenbar gemacht.

Gleich werden wir nämlich im Beisein des Auferstanden, in der Gegenwart Christi das hl. Abendmahl feiern. Wenn wir dann das Brot empfangen, rührt ER uns an und wir ergreifen Ihn, zieht ER in uns ein und haben wir Gemeinschaft mit ihm, Gemeinschaft mit dem dreiei-nigen Gott. Und wenn uns der KKelch gereicht wird, dann wissen wir, dass wir teilhaben am wahren, am einzigen Leben zu unserem Heil. Dann zieht die Freude in uns ein, die vollkom-men wird, wenn wir sie weitergeben als die Zeugen des Christus.

Wer so eine Kostprobe des ewigen Lebens geschenkt bekommen hat, kann garnicht anders, als ganz und gar, mit Haut und Haar von Weihnachten ergriffen zu sein. Aus ihm muss es dann heraussprudeln wie bei Simeon. Alle unsere Sinne sind angespannt, ganz weit offen für jede Wahrnehmung und offen für die Herzen der anderen. Und für diese Offenheit der Freude nach innen und nach außen könnte u.a. die „Sinnlichkeit“ der Weihnachtsmärkte ein Aus-druck sein. Lasst sie uns für unsere Mitmenschen annehmen in evangelischer Großzügigkeit und nicht verdammen in protestantischer Strenge – ganz im Sinne des Verfassers des 1. Jo-hannesbriefes: … damit ihr euch mit uns freut und so unsere Freude vollkommen wird.

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