Fußwaschung

Liebe Gemeinde,

als Kind bin ich mit meiner Großmutter, die sehr schlecht laufen konnte, oft zur Fußpflege
gegangen. Ich habe zugeschaut, wie die Fußpflegerin die wunden und geschwollenen Füße meiner Oma
behandelt hat. Und ich habe immer überlegt, ob die Frau sich nicht ekelt vor all den Schwielen und Hühneraugen. Elfriede, so hieß die Fußpflegerin, war aber immer ganz gut gelaunt, erzählte schöne Geschichten, sang auch manchmal. Sie war in unserer Gemeinde im Kirchenchor und im
Gemeindekirchenrat und fand ihren Beruf ganz in Ordnung. Später konnte meine Großmutter dann das Haus gar nicht mehr verlassen, bücken konnte sie sich
auch nicht mehr. Die Funktion der Fußpflegerin habe ich übernommen. Ich machte in der Küche ein heißes Fußbad und hatte meist fast eine Stunde damit zu tun, Pediküre zu machen. Ziemlich laut musste ich meine Geschichten dann erzählen, denn meine Oma war auch sehr schwerhörig geworden.
Irgendwann habe ich aufgehört, beim Füße waschen zu reden, weil ich merkte, dass es meiner Oma alleine schon dadurch besser ging, dass sie Berührung und Wärme spürte, dass es angenehm roch und dass sie mit einem weichen Handtuch an den schmerzenden Zehen und Sohlen gerubbelt wurde. Das Füßebaden wurde zum entspannten friedlichen Ritual, auf das sich die alte Frau richtig freute, und
es war etwas ganz besonderes zwischen uns beiden. Nachher kamen wir uns beide sauberer vor und fühlten uns wohl. Wenn ich an meine Oma denke, die ich sehr lieb hatte und die vor 15 Jahren gestorben ist, denke ich auch sehr oft ganz konkret an ihre Füße. Erst, als ich diesen Text nun für die Predigt noch einmal las, ist mir der Schluss auf einmal sehr persönlich vorgekommen. 14
Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.

15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Mir ist eingefallen, dass meine Großmutter in den vielen Jahren, in denen sie die Wohnung nicht
mehr verlassen konnte, auch manchmal Besuch von unserem Pfarrer hatte – und dass sie, früher eine treue Kirchgängerin, nie um Krankenabendmahl gebeten hat. In unserer ziemlich kirchentreuen
Familie machte man sich darum sogar Gedanken, aber sie meinte immer, ihr fehle in geistlicher Hinsicht nichts, sie warte eigentlich nur darauf, dass "unser Herrgott sie doch bald erlösen möge".

Ich will nun keine Predigt dafür halten, dass gegenseitiges Füßewaschen das Abendmahl ersetzt. Ich werde auch kein Fußwaschbecken hinter dem Altar hervorzaubern, und wie Sie sehen, stehen Abendmahlsgeräte auf dem Altar. Aber es ist doch auffällig, wie anders die Schilderung des
Johannes vom letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbringt, sich ausnimmt verglichen mit der Abendmahlsszene aus dem Matthäusevangelium. Für Johannes ist die Fußwaschung wichtiger als das
Teilen von Brot und Wein. Aus seiner Sicht kommt mit diesem Akt der hingebenden und pflegenden Liebe Jesus den Menschen ganz besonders nah. Es gab sogar Kritiker, die dem Johannesevangelium vorwerfen, es würdige das Herrenmahl herab. Interessant ist, wie Petrus reagiert: Erst weist er es weit von sich, dass der Meister ihm die Füße wäscht. Für ihn ist es undenkbar, dass der lebendige
Gott sich zu ihm herunterbeugt – denn das beinhaltet ja auch, dass er die eigenen "Aufstiegshoffnungen" ein Stück zurückschraubt. Es ist viel schöner, sich in die ewige Herrlichkeit, an den Tisch des Verklärten, zu träumen als mitzuerleben, wie Gott in die dunkelsten Ecken menschlicher Existenz kriecht. Dann aber, als er hört, dass dies etwas von besonderer Bedeutung ist, etwas, das ihm Jesus näherbringt, will er
gleich ein Vollbad.

9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Das ist wieder so ein Zug, den wohl jeder an sich selbst entdecken kann. Ich musste ein wenig an die Kaffeerunden denken, bei denen sich manche Damen zieren und behaupten, eigentlich gar keinen Appetit zu haben – und dann nach dem dritten Stück Kuchen selbst bemerken: "Das war doch ein bisschen viel". Sich selbst Grenzen setzen beim Nehmen, das fällt uns Menschen immer wieder schwer.

Wir merken das oft in zwischenmenschlichen Beziehungen: Da ist die alte Frau aus der Gemeinde, die erst weit von sich weist, dass sie einsam ist und Besuch wünscht: "Ich komme gut alleine klar", aber wenn sie erst einmal warm geworden ist mit dem Besuchsdienst, ruft sie jeden Tag an und hätte am liebsten die Frau, die auch andere Menschen betreut, ganz für sich alleine. Jesu Liebe aber ist für alle da, und sie wird jedem im gleichen Maß zuteil: und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.

"Ein neues Gebot gebe ich euch", das hinterlässt Jesus seinen Jüngern, "dass ihr euch
untereinander liebt wie ich euch geliebt habe." Können wir das? Sind wir zu solcher Liebe fähig? "Daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid…", das scheint in der Tat eine schwierige Aufgabe. Seit vielen Jahrhunderten verfolgen Christen nicht nur Andersgläubige, sondern einander
gegenseitig. Wir brauchen gar nicht zurückzugehen bis zum dreißigjährige Krieg, Nordirland ist ein viel aktuelleres Beispiel. Und selbst wenn man sich in Kirchengemeinden hierzulande nicht den
Schädel einschlägt, so ist es doch manchmal mit der Liebe nicht weit her. Wenn wir von einem Nachbarn sagen: "Der ist für mich gestorben", dann meinen wir damit nicht das, was Jesus gesagt und getan hat, dass jemand sein Leben für den anderen hingibt aus Liebe, sondern ziemlich das
genaue Gegenteil, nämlich, dass wir ihn am liebsten nicht mehr sehen würden und ihm alles Schlechte wünschen. Jesus wäscht auch dem die, Füße, der im Begriff ist, ihn zu verraten. "Dem
hätte ich was ganz anderes getan", mögen Sie vielleicht denken. Gewalt fängt im ganz kleinen an, da, wo einer glaubt, es seiner Ehre oder Würde schuldig zu sein, sich über den anderen zu erheben, da, wo einer sich erniedrigt fühlt und zurückschlägt, und wenn es nur mit Worten ist.

Jesus sagt nicht, ihr sollt einander nur die Füße waschen zu meinem Gedächtnis, er setzt das
Abendmahl nicht außer Kraft. Er führt nur vor Augen, dass wir uns außerdem Liebe zeigen sollen, indem wir auf den anderen zugehen, ihn berühren, uns nicht über ihn erheben, sondern auch einmal vor ihm niederknien und ihn aus einer anderen Perspektive betrachten. Nur dann kann Friede sein, wenn es uns gelingt, unseren Stolz einmal beiseite zu lassen, wo wir auch fähig sind, klein und
niedrig zu werden. Daran soll man erkennen, dass wir Christen sind, dass wir das tun, was Jesus getan hat, uns die Hände auch mal schmutzig machen, am Boden knien – und nicht nur vor anderen Christen, sondern "in der Welt".
Wir sind keine "geschlossene Gesellschaft", die unter sich am Tisch sitzt und von feinem Geschirr
das Abendmahl nimmt, als innerkirchliche Heilsveranstaltung sozusagen, keine Elite in dem Sinne,
dass uns diese Welt zu ekelhaft, zu verdorben und zu sündig ist und wir aus Furcht vor "Ansteckung" unter uns bleiben. Das ist bestimmt nicht gemeint mit der Gemeinschaft der Heiligen.

Ich erinnere mich da an den Satz, den ein längst verstorbener katholischer Dorfgeistlicher
manchmal ganz privat und mit leichtem Seufzen von sich gab, wenn er mit meinen Eltern beim Kaffeetrinken saß und aus einem seiner Gemeinde benachbarten Frauenkloster kam: "Ich war wieder Engel abstauben", meinte er. Er kam dann aus einem sterilen Umfeld, aus einer Gemeinschaft, die
sich abgeschirmt hatte gegen schädliche Einflüsse – und doch lauerte auch und gerade da manche
Versuchung. Überheblichkeit gehörte nicht von ungefähr zu den Lastern, die in mittelalterlichen Beichtspiegeln besonders breit geschildert werden.

"Aber wie weit soll ich mich denn noch herunterbeugen?", werden Sie vielleicht fragen und auf die
eigenen Probleme von Arbeitslosigkeit und ungesicherter Zukunft verweisen. Ich denke, wenn wir die Fußwasch-Handlung Christi ernst nehmen, dann können wir gar nicht weit genug ins Dunkle gehen, um einen Strahl des Lichtes seiner Liebe leuchten zu lassen. Wie dunkel diese Welt ist, sehen wir
dann, wenn Kriege um Besitz und Macht einen großen Teil der Menschen, die schon am Existenzminimum leben, weiter in Hunger und Elend stürzen – wie jetzt im Irak, wie jeden Tag seit Jahrzehnten in den vergessenen Kriegen in Afrika. Die Fußwaschung ist ein klares Nein Christi an Gesellschaftsmodelle, die sich auf Wettbewerb und Unterdrückung gründen. Und wenn wir schon glauben, aktiv wenig dagegen tun zu können, so sollen wir wenigstens nicht schweigen, auch dann
nicht, wenn das Reden, das Protestieren vielleicht an der eigenen Existenz kratzt. "Wenn wir in Frieden beeinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen" – das sollen wir, Jesu Jünger, wirklich nie vergessen.

Aber wir wissen alle, dass uns dies und vieles andere immer wieder von Gott und unserem Nächsten trennt. Darum bekennen wir …

<i>[Sündenbekenntnis nach Luther]</i>

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