Fußball – Vorbild für Christen

<i>[Diese Predigt wurde für den 30. Juni 2002 / 6. Sonntag nach Trinitatis konzipiert. Die Beiträge von Paulo Sergio und der gepa werden nach Möglichkeit von Jugendlichen gelesen]</i>

Halleluja, liebe Gemeinde,

davon bekommt man im Fußballstadion mehr zu hören als hier, und dieser Freudenruf wird im Fußballstadion meistens auch mit größerer Begeisterung gesungen als in der Kirche. Gottesdienst und Fußball haben aber noch viel mehr miteinander zu tun als die Halleluja-Gesänge (vgl. http://www.kirche-und-sport.de -> Baden -> Sport-Handbuch).

Millionen Menschen pilgern am Wochenende in die Stadien und Kirchen, und das zu heiligen Zeiten. Die Fans haben es durchgesetzt, dass es seit der letzten Bundesligasaison fast nur noch Spiele um 15.30 Uhr am Samstag gibt, und für viele hier wäre der Sonntag kein Sonntag ohne den Gottesdienst am Morgen. Damit Christen aber nicht in Gewissensprobleme kommen müssen, gibt es Vereinbarungen mit den Fußballvereinen, dass die Spiele erst nach Gottesdienstende beginnen, und davon profitieren beide Seiten.

Auf dem Hinweg und am heiligen Ort, dem Stadion oder der Kirche, treffen wir auf Bekannte und auf Fremde, und die heiligen Orte sind gefüllt mit Erinnerungen an Meisterschaft und Zittersieg, unglückliche Niederlage und Abstiegskampf oder an Taufe, Konfirmation, Hochzeit und hilfreiche Stunden in schwierigen Zeiten. Am heiligen Ort kleiden wir uns mit Sonntagsstaat oder Fanschal nicht nur besonders, wir verhalten uns vor allem auch anders als sonstwo. Die Zeit am heiligen Ort ist eine Unterbrechung des Alltags, und das tut uns gut.

Wir kommen an, vielleicht schon lange vor dem eigentlichen Beginn, um uns zu besinnen und die Atmosphäre des heiligen Ortes auf uns wirken zu lassen, wir werden hoffentlich von den Menschen um uns herum begrüßt und hören zu Beginn Musik, sei es aus dem Stadionlautsprecher oder von der Orgel. Die Aktiven ziehen ein ins Stadion oder in den Gottesdienstraum, es gibt Begrüßungsworte und Wechselgesänge, in der Kirche "Der Herr sei mit euch – und mit deinem Geist", im Stadion antwortet die Menge auf den Vornamen des Spielers. Oliver – Kahn!

Dann kommt das Glaubensbekenntnis, das alle Christen weltweit verbindet. Bei Fußball-Länderspielen werden sozusagen zwei unterschiedliche Glaubensbekenntnisse gesungen, die Nationalhymnen. Das kann die Fans trennen, aber man muss ja nicht fanatisch sein, man kann sich ja auch über gute Aktionen der anderen Mannschaft freuen.

Während des Spiels wird nicht nur Halleluja gesungen, manchmal werden die Gesänge auch leiser und klingen eher nach "Herr, erbarme dich". Vor einer Predigt wie vor einem Spiel weiß man nie so recht, ob es spannend wird oder langweilig, aber man hofft und geht hin. Nach einem erfolgreichen Spiel der eigenen Mannschaft gibt’s sozusagen den Segen, wenn die Spieler zur Fankurve laufen und sich mit erhobenen Armen verbeugen. In der Kirche gibt es zum Glück immer den Segen.

Zum Schluss kommen die Abkündigungen des Stadionsprechers. Er sagt das nächste Spiel an und so weiter, und als Rausschmeißer gibt es statt Orgelnachspiel wieder Musik aus den Lautsprechern. Man unterhält sich vielleicht noch ein wenig mit alten oder neuen Bekannten, geht wieder nach Hause, gestärkt oder nachdenklich, man hat Gemeinschaft erlebt.

Von einem Fußballnachmittag kann man zehren wie von einem Gottesdienst, der einem gutgetan hat. Wir tauchen im Gottesdienst oder im Stadion in eine andere Welt ein, in der wir etwas Besonderes erleben, und wir erlauben uns Gefühle, die wir im Alltag unterdrücken. Und wir teilen diese Gefühle mit anderen bei einem Klagegebet oder einem fröhlichen Lied, bei einem Tor oder einem Gegentreffer.

Das gilt natürlich erst recht für die, die in der Arena aktiv sind. Einer der beliebten Brasilianer in der Bundesliga, die nach einem Torerfolg ihr Trikot hochreißen, so dass man auf dem T-Shirt darunter "Jesus liebt Dich" oder ähnliches lesen kann, Paulo Sergio, berichtet vom Ende des dramatischen Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft vor 8 Jahren, als die Brasilianer gewannen: "Ich weiß nicht mehr, wer auf die Idee gekommen ist, aber plötzlich sagen alle "kommt in die Mitte." Meine Mitspieler winken hoch auf die Tribünen in die Richtung, wo sie ungefähr ihre Lieben vermuten und laufen zur Mittellinie. Alle Kameras verfolgen jeden Schritt unserer Jubelarie. Als die komplette Mannschaft samt Betreuer im Mittelkreis steht, unglaublich wie schnell das damals ging, schließlich war es vorher nicht abgesprochen, traue ich meinen Ohren nicht. Ich höre die erste Zeile des Vaterunsers und stimme völlig überrascht mit ein. Die ganze Mannschaft hält sich im Arm und betet geschlossen das Vaterunser. Auch, wenn manche aus unserem Team damals nicht an Jesus glaubten, war es doch eine spontane Geste des Dankes an Gott und an die Spieler, die in diesen Wochen für sie gebetet hatten. Zu gerne würde ich mir alle Kommentare der Radio und Fernsehkommentatoren zu der damaligen Szene anhören. So was hatte es noch nie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft gegeben. Und es ist bis heute einer der unglaublichsten Momente meiner Karriere." (http://www.wm-gott.de)

Wir dürfen gespannt sein, liebe Gemeinde, wie es nachher sein wird, wie Sieger und Verlierer des Endspiels reagieren werden, wie sie umgehen werden mit den Torschützen und denen, die einen Fehler gemacht haben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie, ja, fast liebevoll die Mitspieler mit einem umgehen, der einen Elfmeter verschossen hat. Daran können wir uns in der Gemeinde ein Vorbild nehmen, genauso wie am Beten der Brasilianer nach dem Sieg.

Vorhin haben wir in der Lesung von der Gemeinde als dem einen Leib und den vielen Gliedern gehört, die durch die Taufe miteinander verbunden sind. Ein fußballbegeisterter Pfarrer hat diesen Text auf eine Fußballmannschaft übertragen, und ich glaube, da wird noch deutlicher, was Paulus über eine funktionierende Gemeinschaft sagen will:

"Wie die Mannschaft eine ist und doch viele Spieler hat, alle Spieler der Mannschaft aber, obwohl sie viele sind, doch eine Mannschaft sind: so auch die Kirchengemeinde. Denn wir sind durch einen Teamgeist alle zu einer Mannschaft verbunden, wir seien Einheimische oder Zugereiste, Arme oder Reiche, und wir sind alle von einem Teamgeist durchdrungen. Denn auch die Mannschaft ist nicht ein Spieler, sondern viele. Wenn aber der Verteidiger spräche: Ich bin kein Stürmer, darum bin ich nicht Spieler der Mannschaft, sollte er deshalb nicht Spieler der Mannschaft sein? Wenn die ganze Mannschaft Nr.10 wäre, wo bliebe dann der Vorstopper? Wenn sie aber ganz Vorstopper wäre, wo bliebe dann der Torwart? Nun aber hat der Trainer die Spieler eingesetzt, einen jeden von ihnen in der Mannschaft, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Spieler ein Spieler wären, wo bliebe die Mannschaft? Nun aber sind es viele Spieler, aber die Mannschaft ist eine. Die Nr.10 kann nicht sagen zum Stürmer: Ich brauche Dich nicht; oder auch der Mittelstürmer zu den Verteidigern: Ich brauche Euch nicht. Vielmehr sind die Spieler der Mannschaft, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten glanzvoll zu sein scheinen, die bekleiden wir mit einem besonderen Trikot; und bei den unfairen achten wir besonders auf Fairness; denn die fairen brauchen’s nicht. Aber der Trainer hat die Mannschaft zusammengestellt und dem unscheinbareren Spieler höheres Ansehen gegeben, damit in der Mannschaft keine Streitigkeiten seien, sondern die Spieler in gleicher Weise füreinander spielen. Wenn ein Spieler leidet, so leiden alle Spieler mit, und wenn ein Spieler geehrt wird, so freuen sich alle Spieler mit." (nach 1.Kor 12,12-26; vgl. http://www.kirche-und-sport.de -> Baden -> Sport-Handbuch)

Liebe Gemeinde, das können wir uns vorstellen, dass das innerhalb einer Fußballelf funktioniert. Vor allem durch Kameradschaft statt mit überragenden Einzelspielern, vom Torwart abgesehen, so meint Günther Netzer, ist ja die deutsche Mannschaft sogar bis ins WM-Endspiel gekommen.

Das Wort Kameradschaft sagt man heute vielleicht nicht mehr, aber beim BV 09 hier in Drabenderhöhe lernen die Jungs nicht nur Fußballspielen und können bei der ersten Mannschaft abgucken, wie man schon mehrere Spieltage vor Saisonende den Aufstieg schafft, sondern sie lernen auch, wie sie innerhalb ihrer Mannschaft Rücksicht nehmen, sich sozial verhalten, sich akzeptieren, statt wie auf dem Schulhof aufeinander loszugehen, und sie lernen sogar, ihre Gegner zu respektieren. So hat es mir der Vorsitzende der Jugendabteilung, der Günter Baier, erzählt. Das ist eine großartige Sache, und nicht nur drei Pfarrersöhne und viele Konfirmanden in den Jugendmannschaften sind Bindeglieder zu unserer Kirchengemeinde, wo wir uns manchmal schwer tun mit dem Miteinander und der Feindesliebe.

Von den Fußballern können wir Füreinandereinstehen und Engagement lernen. Natürlich ist das innerhalb einer Elf auch einfacher, dass alle an einem Strang ziehen, als in einer Gemeinde von über 4000 Menschen, und schon innerhalb der beiden Fußballabteilungen des BV 09, vom gesamten Sportverein zu schweigen, gibt es natürlich nicht mehr diesen Zusammenhalt wie innerhalb einer Mannschaft.

Aber innerhalb der kleinen Gruppe ist das bei uns in der Kirchengemeinde ja auch einfacher, als wenn man in einem Gottesdienst wirklich alle Gemeindeglieder unter einen Hut bringen wollte. Eine kleine Gruppe kann sich leichter auf ein Ziel einigen und sich dafür engagieren. Wir im Singkreis z.B. haben am Donnerstag überlegt, mal wieder im Gottesdienst aufzutreten, und dann haben wir dafür geübt, so wie Fußballer auch bestimmte Ereignisse vor Augen haben, wenn sie trainieren.

Hoffentlich gelingt uns das auch in unserer Leitbild-Diskussion für unsere gesamte Gemeinde, dass wir etwas formulieren können, was den Gruppen und den einzelnen Christen mehr Motivation gibt und ein besseres Miteinander ermöglicht! Die Fußballer gucken öfters über ihren Tellerrand, wenn sie anderen Mannschaften begegnen, und das täte uns als Kirchengemeinde auch gut, dass Chöre miteinander singen oder Menschen aus unserer Gemeinde eine Reise machen zu Partnerkirchen, um mit ihnen Gottesdienste zu feiern und ein Stück mit ihnen zu leben. Als beim Missionsfest letzten Oktober Bischof Robinson aus Botswana hier war, fand nicht nur ich das sehr bereichernd.

Die Fußballer vom BV 09 gucken aber ähnlich viele tausend Kilometer über ihren Tellerrand, wenn sie, wie mir Konfirmanden erzählt haben, mit fair gehandelten Bällen spielen. Sie wissen, es gibt fair gehandelten Kaffee im Supermarkt und fair gehandelten Tee und Schokolade und manch andere tolle Produkte in Eine-Welt-Läden oder hier öfters nach dem Gottesdienst, damit die Menschen in der sogenannten Dritten Welt keine Hungerlöhne bekommen, sondern genug zum Leben.

Vielleicht haben Sie von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit bei der Herstellung von Sportkleidung gehört, wogegen sich u.a. die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland (http://www.evangelische-frauenarbeit.de) engagiert. Für Fußbälle gibt es seit einiger Zeit eine schöne Alternative von der gepa, der Gesellschaft für die Partnerschaft mit der Dritten Welt (http://www.gepa3.de):

"Aus Pakistan kommen weltweit rund 80 Prozent aller Bälle. Diese bestehen zwar fast ausschließlich aus industriell gefertigten Komponenten, aber das Zusammennähen der ausgestanzten Teile erfolgt nach wie vor in aufwendiger Handarbeit. Dieser Teil der Produktion wird in der Regel an Heimarbeiter/innen auf dem Land weitergegeben. Das Lohnniveau ist dort so niedrig, dass Kinder mitarbeiten müssen. Die pakistanische Firma Talon Sport, von der die gepa die Fairbälle bezieht, hat sich hingegen als erstes Unternehmen vertraglich verpflichtet, seine Ballproduktion nach fairen Handelskriterien umzugestalten. Die Bälle werden unter Ausschluss von Kinderarbeit in kleinen dörflichen Nähzentren zusammengenäht. Dies wird erreicht durch Zahlung von bis zu 40% höherer Löhne, Schaffung von Arbeitsplätzen für Männer und Frauen, Sicherung von sozialen Leistungen (Kranken- und Rentenversicherung) sowie die Einrichtung eines Gemeindefonds. Aus diesen Fonds sollen arbeitslose Familien u.a. Kleinkredite zum Aufbau einer neuen Existenz und freigesetzte Kinderarbeiter/innen den Zugang zur Ausbildung erhalten. Die Durchführung wird einer lokalen Nichtregierungsorganisation übertragen. Für gepa-Bälle gilt daher die Devise: Fair Pay – fair Play!"

Fair Pay – Fair Play: Faire Bezahlung, faires Spiel, liebe Gemeinde. An Gerechtigkeit hat Gott seine Freude, und an einem fairen Spiel bestimmt auch, wo Menschen mit besonderen Gaben anderen eine Freude machen können.

Darauf können wir uns heute mittag beim WM-Endspiel hoffentlich freuen, dass die Mannschaften fair und schön spielen und die Spieler Gott dankbar sind für das, was sie erreicht haben, sei es das Finale oder sogar den WM-Titel. Hoffentlich ist auch die Berichterstattung und der Umgang der Fans untereinander und mit den Spielern fair.

Einige Fußballspieler werden vergöttert, andere verteufelt: nach seinem Wechsel zu den Bayern wurde der Ex-Gladbacher Lothar Matthäus jahrelang von vielen Fans als Judas beschimpft. Andere Fans erheben einen Spieler wie Oliver Kahn, der ihre Mannschaft vor Schlimmem bewahrt, zum Fußballgott. Der hält davon gar nichts: Es gibt nur einen Gott, hat er gesagt, und nach oben gezeigt.

Natürlich sind Fußballer keine Götter, aber sie können Vorbilder sein. Wie ja überhaupt vieles aus der Welt des Fußballs für unser Leben als Christen gute Anstöße geben kann. Und damit bin ich beim Abpfiff.

Amen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, so lautet eine Fußballweisheit. Und so möchte ich noch mit Ihnen für die beiden Mannschaften beten mit Worten der Fußball-Nationalmannschaft aus Ghana: Herr, lass uns fair spielen. Lass unser Spiel in deinen Augen gut sein. Lass unser ganzes Leben ein faires Spiel sein, eine Augenweide für dich und die Mitmenschen. Wenn du gnädig bist, dann lass uns gewinnen, hier im Spiel und später, wenn das Leben und das Spiel zu Ende sind.

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