Fürchtet euch nicht!

Liebe Gemeinde,

wenn ich diese so ungewohnten Worte Jesu von der engen Pforte lese, da denke ich immer zuerst: Das kann doch nicht mein Jesus sein. Der Jesus, den ich kenne. Der Jesus, mit dem ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, der Jesus, der mir seit Kindergottesdiensttagen als guter Freund vertraut ist. Das kann doch nicht mein Jesus sein, der da von der engen Pforte redet und davon, dass er sie auch mal schließen wird, der ist doch ein anderer Jesus, als der, der spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!

Und nun soll die Tür irgendwann verschlossen sein? Kein Zugang mehr zu ihm? Keine Chance mehr? Zu spät? Draußen, an der Tür zum Reich Gottes soll ein Schild hängen: "Ab heute geschlossen!"? Von überall her werden sie kommen und er wird sie einlassen in sein Reich Gottes, heißt es da und mir könnte es vielleicht gehen, wie dem reichen Mann, der sich nicht um den armen Lazarus gekümmert hat und der nun draußen vorbleiben muss?

Ein beängstigender Gedanke ist das, ein Gedanke, den ich eigentlich weit von mir schieben möchte, ein Jesus, der mir fremd ist in seiner Unerbittlichkeit. Habe ich nicht gelernt auf Gottes Gnade zu vertrauen und nun scheint es so zu sein, als ob es da doch etwas gibt, was ich tun muss, eine Art geistliche Übung, die mich von anderen unterscheidet, damit ich durch die enge Pforte eingehen kann.

Ist das so? Oder hauen wir heute nur mal weil Buß- und Bettag ist, in der Kirche ordentlich auf den Putz um zu sagen: "Nun gebt euch mal mehr Mühe mit eurem Christentum, ist ja alles nicht selbstverständlich mit dem Reich Gottes!"? Da gibt es eben eine enge Pforte, durch die nur wenige reinkommen und gibt es so eine große Pforte, größer als das größte Scheunentor. Da geht eben jeder rein, der sich nicht bücken will, der sich nicht klein machen will, da geht eben jeder rein, wenn die Tür nun schon einmal sperrangelweit offen steht. Aber dahinter, da ist nicht viel, auf jeden Fall nicht das Reich Gottes.

Ja, liebe Gemeinde, das denke ich immer zuerst und bin ganz aufgewühlt. Und als zweites denke ich, wenn ich von der engen Pforte höre, an die winzige Tür, an das unbequeme Loch, das den Eingang zur Geburtsgrotte in Bethlehem darstellt.

Ich weiß nicht, ob sie diese Felsöffnung am Eingang der Geburtsgrotte mal gesehen haben, aber sie können sich die wirklich vorstellen als winziges Loch, ganz und gar nicht kundenfreundlich für die vielen Touristen und Pilger, die jedes Jahr die Geburtsgrotte besuchen. Aber diese winzige Öffnung ist mit Bedacht als Eingang gewählt worden. Als ein Sinnbild des Glaubens. Da muss man sich schon ziemlich tief bücken und klein machen um da reinzukommen. Als ich das erste Mal vor Jahren mit einer Gruppe in Israel war und noch stolze 110 Kilo wog, da habe ich erstmal gedacht, dass ich draußen bleiben müsste. Aber dann ging es irgendwie doch. Zum einen weil ich mich tatsächlich überraschend klein machen konnte, zum anderen, weil ich meinen Rucksack und alles, was ich so mit hatte, weil ich dachte ich bräuchte das für den Tag, draußen vor der Tür ließ und es einem der Sicherheitspolizisten gab, die den Eingang bewachten.

Ich denke einmal, liebe Gemeinde, der Eingang zur Geburtsgrotte in Bethlehem, ist ein ziemlich gutes Sinnbild für die Gedanken und die Gefühle, die wir an einem Buß- und Bettag haben sollten. Es geht Jesus ganz sicher nicht darum, uns Angst zu machen, wenn er von der engen Pforte redet, es geht ihm wohl nicht darum nun doch etwas von seiner Gnade zurückzunehmen, die uns Vergebung der Sünden verheißt, aber es geht ihm darum, dass wir auch heute einmal darüber nachdenken, was uns hindert am Glauben.

Der Buß- und Bettag hilft uns darüber nachzusinnen, was wir abgeben können und zurücklassen sollen, wenn wir sagen, wir glauben daran, dass Jesus unser Herr ist, dem wir nachfolgen, dass Jesus unser Herr ist, dem wir uns im Leben und im Sterben anvertrauen. Bei meinem 110 Kilo Erlebnis an der Geburtsgrotte, da war das dann doch ziemlich einfach hinein zu kommen. Der Eingang ist zwar nicht bequem, aber ich komme rein, wenn ich mich ein wenig klein mache und vor allem, wenn ich alles vor der Tür lasse, was ich gar nicht brauche.

Auf den christlichen Glauben bezogen ist die Antwort freilich nicht so einfach und braucht die Stille des Gebetes und der Meditation, in dem ich mich ehrlich und aufrichtig frage, was ich alles so an Absicherung für mein Leben, und als Statussymbole für mein Ansehen mit mir herumtrage und was ich alles so an Kompromissen und Bequemlichkeiten im Gepäck habe, die mir den Zugang zu Jesus versperren. Meine Antwort steht eher noch aus, aber der Beginn einer Antwort ist nun einmal zuerst die richtige Frage zustellen. Ich will mal zwei solch sperriger Gepäckstücke nennen, die mich belasten und die ich, denke ich auf jeden Fall abgeben sollte, um durch die enge Pforte zu kommen.

Da ist zunächst einmal meine Schuld. Ja, das ist so. Schuld, Fehler, Sünden, sie sollen nicht verdrängt und ausgegessen werden. Dafür ist Jesus gestorben, dass wir ihm unsere Sünden, unsere Verfehlungen und Fehler sagen können.

Nicht vergebene, nicht ausgesprochene Schuld kann schwer auf uns lasten und kann uns manchmal sogar das Leben nicht nur schwer, sondern auch unmöglich machen. Was gibt es da, was ich noch mit mir herumtrage. weil ich es mir selbst oder vor anderen nicht zugeben möchte, was ist da noch, was ich nicht der Gnade und Vergebung Jesu übergeben möchte, weil das ja bedeutet mich auch klein und hilfsbedürftig zu machen, und um Vergebung zu bitten? Wo bin ich in die Irre gegangen, weiß das, aber scheue mich noch umzukehren, weil es mir als Schwäche ausgelegt werden könnte? Wo habe ich meinen Glauben an Jesus, meine Bedürfnissen nach Sicherheit, nach möglichst keinen Ärger zu haben angepasst? Weiß ich überhaupt noch was mein Glaube ist, oder ist mir das im eigentlich und ehrlichen Sinne gleichgültig geworden? Irgendwie wird es schon gehen, zwischen einer unbestimmten, angepassten Frömmigkeit und dem Glauben an Jesus?

Und als zweites sperriges und belastendes Gepäckstück ist mir die Angst wichtig. Angst anzuecken, Angst zu versagen, Angst meinen und anderen Ansprüchen nicht zu genügen. Ja Angst ist der ärgste Feind des Lebens.

Ich glaube es gibt keinen Satz der öfter in der Bibel vorkommt als dieser: Fürchtet euch nicht. Die Engel verkünden es den Hirten und Jesus seinen Jüngern: Fürchtet euch nicht! Und wir wollen das heute am Buß- und Bettag auch hören, liebe Gemeinde. Fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch auch nicht davor mit euch und mit Gott ins Reine zu kommen und ihm auch das Schwere, das was einem auch als Schuld auf dem Herzen und der Seele liegt, anzuvertrauen. Denn die Rede von der engen Pforte, die dürfen wir getrost zusammen hören mit dem Satz: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Und wenn wir abgeben, was uns belastet, was uns das Leben schwer macht, dann wird es uns auch leichter sein. Leichter sein ums Herz und um die Seele wird es uns sein und leichter wird es auch sein, einen neuen Zugang zu Jesus zu finden. Und nun kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch neue Kraft geben.

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