Für wen halten Sie sich?

Liebe Gemeinde!

Stellen Sie sich vor: Sie laufen in diesen vorweihnachtlichen Tagen durch die Fußgängerzone. Da werden Sie unvermittelt angesprochen: „Haben Sie einen Augenblick Zeit?“ Sie bleiben stehen und schauen ihr Gegenüber an. „Ich komme von der Zeitung. Nur eine kurze Frage: „Für wen halten Sie sich?“
Was soll denn so ’ne blöde Frage!“ sagen Sie unwirsch und lassen den Reporter stehen.

Oder so: „Na, für einen guten Menschen: Ich kaufe Geschenke ein, um anderen zu Weihnachten eine Freude zu bereiten. Ich lass mir doch nichts zu schulden kommen!“ Dann gehen Sie kopfschüttelnd weiter.

Oder so: Und für wen halten Sie sich denn?“ fragen Sie zurück und erschrecken ein wenig über ihren kecken Mut. Da hören Sie schon seine Antwort: „Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. So sagt es der Apostel Paulus im 4. Kapitel des 1. Korintherbriefes.“ Spinner gibt es mehr als man denkt, sagen Sie zu sich selbst, nur weg von hier. Doch diese unerwartete Antwort hat sich in ihnen festgesetzt. Immer wieder steht seine Antwort vor ihrem inneren Auge: „Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ Zuhause schlagen Sie dann in der Bibel nach und lesen im 1.Korinther 4,1-5:

[TEXT]

Haushalter Gottes so habe ich mich ja noch nicht gesehen. Aber sicher, das wäre eine gute Bezeichnung für die Presbyter. Die haben den Haushalt unserer Kirchengemeinde zu verantworten. Die müsste ich mal auf Trab bringen. Nur Defizite haben sie erwirtschaftet und verlangen wie der Staat noch mehr Abgaben von uns, noch mehr ehrenamtlichen Einsatz, noch mehr Zeit und Geld. Dabei machen sie nichts anderes als der Staat: sie wälzen die Kosten auf die andern ab. Haushalter Gottes, so habe ich mich ja noch nicht gesehen.

"Ich führe ein erfolgreiches Familienunternehmen!" – Das antwortet in einem aktuellen Fernsehwerbespot eine charmante Hausfrau während einer Stehparty auf die Frage, was sie denn so mache. HaushalterIn zu sein, das wissen alle, die einen Haushalt zu führen haben, ist nicht der leichteste Job. Da gibt es viele Aufgaben zu lösen, immer wieder neue Herausforderungen zu meistern und die unterschiedlichsten Interessen unter einen Hut zu bringen. Da sind Organisationstalent, Improvisationsfreude und ruhige Nerven gefragt – allerdings keine Taktiererei. Anpacken geht hier vor. Ansonsten bleibt eine Menge Arbeit liegen und der Haushalt kommt durcheinander. So einfach ist das …

Nun sagt Paulus von sich: „Haushalter Gottes über die Geheimnisse Gottes“. Da ist wohl mehr gemeint, als nur das Geld zu zählen und zu verwalten. Da ist wohl mehr dahinter als nur zu organisieren und die Dinge in Ordnung zu halten. Doch was könnte das sein? Geheimnisse Gottes, die nur für Eingeweihte sich offenbaren, die durch Zeremonien umhüllt für Außenstehende rätselhaft und verborgen bleiben?

1. Gott lässt den Sünder nicht
Jochen Klepper hat dieses Geheimnis Gottes in seinem Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ so beschrieben: Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt. (EG 16,2)

Hier wird sehr deutlich, bei den Geheimnissen Gottes geht es nicht um Rätsel, um Mitteilungen für einige wenige Auserwählte, vielmehr geht es um eine Offenbarung, eine Bekanntmachung: Gott kommt in die Welt, wird ein Mensch, erlöst Menschen aus ihrer Schuld durch Annahme. Friedrich II., der große Kaiser des Mittelalters, ließ einmal ein Experiment durchführen, um festzustellen, wie die menschliche Sprache sich entwickle. Alle Neugeborenen ließ er in einem Raum verschließen. Die Ammen durften sie füttern und säubern, nur nicht mit ihnen reden. Darum wurde ihnen der Mund mit einem Knebel verschlossen. Nach zwei Jahren waren die letzten Kinder verstorben ohne jemals ein menschliches Wort gesprochen zu haben. Warum? Es fehlte die Ansprache. Es fehlte die Anerkennung, es fehlte das Lob.

Das gilt es als Haushalter Gottes im Advent weiterzusagen: Gott spricht uns in Jesus Christus an und spricht uns zu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Mt.11,28)

Gott macht uns dann auch sprachfähig für die Sorgen und Probleme anderer einzustehen. Am vierten Advent werden unsere Katechumenen das beispielhaft verdeutlichen an einem Projekt der diesjährigen Aktion „Brot für die Welt“. Dabei geht es um das Recht auf sauberes Wasser.

2. Gott schenkt Zukunft
In dem schon genannten Lied von Jochen Klepper heißt es in dem letzen Vers: Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. (EG 16,5)

Hier wird sehr deutlich, bei den Geheimnissen Gottes geht es nicht um Rätsel, um Mitteilungen für einige wenige Auserwählte, vielmehr geht es um eine Offenbarung, eine Bekanntmachung: Der Mensch hat um Jesus Christus eine Zukunft.

Um die Zukunft ist es auch Paulus immer gegangen. Er war jemand, der fest davon überzeugt gewesen ist, das Kommen des Menschensohnes noch zu erleben. Lange würde er nicht mehr auf sich warten lassen. Allerdings hat er alles andere getan, als die Hände in den Schoß zu legen. Das Christentum, wie es sich heute in der Welt darstellt, ist ohne den Apostel der Völker undenkbar. Seine Reisen, sein Engagement zeugen von einer unbändigen Glaubenskraft, die es ihm ermöglichte, auch Krisen zu überstehen. Er glaubte an seine, an Gottes Zukunft – und konnte deshalb die Gegenwart nicht so lassen, wie sie war.

Adventszeit ist eben keine Zeit des Wartens, sondern eine Zeit des Erwartens. Wir erwarten etwas von unserer, von Gottes Zukunft. Im Grunde genommen ist das ganze Leben eines Christenmenschen und die Existenz unserer Kirche Adventszeit. Denn Gott kommt nicht nur an Weihnachten auf uns zu, er kommt jeden Tag, zu jedem und jeder von uns und will unsere Zukunft gestaltungsfähig machen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, ob wir daran noch glauben wollen und wie wir daran mitwirken können.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir eine Gesellschaft des Wartens geworden sind. Wir warten auf den Wirtschaftsaufschwung, wir warten auf den Sommer, wir warten auf die nächsten Kirchensteuerzahlen, wir warten auf das Christkind. Was wir in allen Bereichen unseres Lebens brauchen, ist jedoch das Erwarten und damit die wieder zu entdeckende Freude am Gestalten. Ob in der Politik, in der Kirche oder bei uns zu Hause: überall will Gottes Zukunft unsere Gegenwart verändern. Und das bedeutet: PolitikerInnen sollten mutige Entscheidungen treffen, auch wenn sie diese nicht als Errungenschaft ihrer Partei verkaufen können. Presbyterien sollten nicht mehr hinterhersparen, sondern die Courage haben, neue Wege zu gehen. Und jede/r unter uns darf zuversichtlich sein, dass sich etwas bewegen lässt. Gott kommt! Wer im Vertrauen darauf etwas versucht, der/die ändert schon jetzt etwas. Und genau darin sollen wir von Gott für treu befunden werden.

Zum Schluss nur eine kurze Frage: „Für wen halten Sie sich?“

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