Früchte des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Wenn ich mich heute in unserer Kirche umsehe, dann freue ich mich. Der ganze Raum ist reich geschmückt mit Feldfrüchten, mit der Erntekrone und natürlich auch den Basteleien der Kinder aus dem Kindergarten. Ich genieße es, diese schön geschmückte Kirche in aller Ruhe zu betrachten. Auf ihre Weise sind diese Früchte eine Predigt ganz eigener Art. Sie erzählen von Gottes Segen für unser Leben. Doch auch an anderen Sonntagen ist die Kirche, ist der Altar nicht leer, wenn es auch auf den ersten Blick so scheinen mag. Wenn wir zum Gottesdienst kommen, dann bringen wir immer etwas mit. Unsere Gedanken z.B., das, was uns freut oder Sorgen macht. Das alles legen wir Gott sozusagen auf den Altar, wenn wir es ihm im Gebet sagen oder unsere Gedanken in den Liedern und in der Predigt ausdrücken. Heute haben wir ganz „Handfestes“ in diese Kirche mitgebracht. Kürbisse, Erntegaben, Brot und vieles mehr. Sie sind Ausdruck unseres Dankes. Dank dafür, dass genug auf den Feldern gewachsen ist und wir genug zu essen haben. Dank dafür, dass unser Tisch reich gedeckt ist und wir gut leben können. Zum Danken rufen auch die Verse auf, die der heutigen Predigt zugrunde liegen. Sie stehen im Hebräerbrief im 13. Kapitel:

[TEXT]

Lasst uns Gott „Lobopfer“ darbringen! So beginnt der Aufruf zum Dank im Hebräerbrief. Dieses sperrige Wort „Lobopfer“ bezeichnet die Dankbarkeit, mit der wir Gott begegnen. Heute am Erntedankfest danken wir Gott für alles, was auf den Feldern gewachsen und gereift ist. Erntedank geht aber noch darüber hinaus. „dass Gott alles leben lässt, auch uns…“, sagte ein Mädchen auf unserer Erntedankfeier im Kindergarten. Wir danken heute nicht nur für die Ernte auf den Feldern, sondern auch für die Früchte in unserem Leben, für alles, was uns von Gott geschenkt worden ist. Dazu gehören auch die Menschen, die mich in meinem Leben begleiten; die Zeit, die ich habe und (ich blicke mal zu unseren Bläsern) vielleicht auch die Musik, die mir in meinem Leben immer wieder Freude macht. Danken können wir auch dafür, dass wir Arbeit haben und dafür, dass wir gesund sind.

Wir danken, weil wir wissen, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist. Denn auch, wenn wir vieles im Leben selbst in die Hand nehmen können, hängt unser Leben letztlich von Gott ab. Ihn bekennen wir als den Schöpfer und Erhalter allen Lebens. „Was sind wir doch? Was haben wir, auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?“ So beschreibt es das Lied, das wir eben miteinander gesungen haben. Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, hält uns in seiner Hand. Ihm danken wir für den Ertrag der Felder, aber auch für die Früchte unseres Lebens. Beides gehört zusammen.

Erntedank zu feiern, das ist in diesem Jahr schwieriger als sonst. Die vielen Regenfälle und die Flut haben an vielen Stellen die Ernte beeinträchtigt oder ganz zerstört. Wir waren hier in unserer Gemeinde nicht so stark betroffen, aber wir fühlen mit den Menschen in Sachsen und anderswo, die durch das Hochwasser so vieles verloren haben. Dieser Tag erinnert mich daran, dass – so wie der Ernteertrag – vieles in meinem Leben nicht selbstverständlich ist; es ist mir geschenkt worden. Sie, die Älteren, haben Zeiten des Mangels erleben müssen, und wir wissen, dass die Bekämpfung des Hungers eines der ganz großen Probleme unserer Zeit ist.

Erntedankfreude ist für mich immer ein gemischtes Gefühl: In den Dank, dass es mir so gut geht, mischt sich die Trauer, dass Millionen Menschen auf dieser Erde hungern müssen. Ich denke, es ist gut, diesen Zwiespalt angesichts des eigenen Überflusses nicht zu vergessen. Vielleicht liegt im Nachdenken über das, für das wir Gott danken können, beides dicht beieinander. In die Freude am Erntedankfest mischen sich auch Gedanken der Klage oder Trauer. Eines scheint mir dabei aber ganz wichtig zu sein: Diese beiden Empfindungen dürfen sich nicht gegenseitig lähmen und uns hilflos machen. Es ist gut, beidem Platz einzuräumen, damit Dankbarkeit und Klage jeweils zu ihrem Recht kommen. Das lerne ich immer wieder von den Psalmen: Für Trauer und Klage lassen die Psalmen Raum, aber auch für die Dankbarkeit. Nichts wird verschwiegen oder unter den Teppich gekehrt, sondern beides kommt zu seinem Recht.

Aus dem Miteinander von Klage und Dankbarkeit kann schließlich sogar etwas Drittes entstehen: die Tatkraft. Wir waren dankbar, dass das Hochwasser uns verschont hat. Das Leid der Betroffenen aber hat dazu geführt, dass sich viele Menschen engagiert haben, auch hier in Krummesse. Viele Spenden sind zusammengekommen. Neue Beziehungen zu Menschen in den neuen Ländern sind entstanden. Dafür können wir bei aller Tragik dankbar sein. Und noch einen Schritt weiter: Hilfe und Einsatz für andere Menschen sind Ausdruck unseres Dankes. Beides gehört zusammen: Danken und Handeln. So verstehe ich die Verse aus dem Hebräerbrief.

„Lasst uns Gott Lobopfer darbringen.“ Mir gefällt an unserem Predigttext, dass er beschreibt, wie unsere Dankbarkeit gegenüber Gott konkret aussehen kann:
Das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht;
denn solche Opfer gefallen Gott.

Es ist zweierlei, wodurch sich Dankbarkeit Gott gegenüber ausdrückt: Durch die „Frucht der Lippen“, also durch das Sprechen, und durch „Gutes (…) tun“, also durch Handeln. Unser Reden als „Frucht der Lippen“ zu beschreiben, passt gut zu den Früchten des Erntedankfestes. Diese Formulierung weist darauf hin, dass unsere Worte Folgen haben. Einerseits können Worte Wunden reißen, die nur schwer verheilen. Andererseits können Worte anderen Menschen Mut machen, sie aufrichten und ihnen eine neue Perspektive im Leben aufzeigen. Zum Sprechen gehört aber auch das Handeln. „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergesst nicht“, heißt es im Hebräerbrief. Viele gute Taten, schnell gesammelte Spenden und großes Engagement haben wir im Zusammenhang mit der Flut erleben können. Hier ist das Teilen unmittelbar anschaulich geworden.

Aber Teilen misst sich nicht nur im Materiellen und im Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Es geht beim Teilen auch um Zuwendung zu anderen. Jemand schenkt kranken und alten Menschen einen Teil seiner Zeit. Ein anderer unterstützt seine Freunde, die Probleme nicht mehr allein bewältigen können. Auch das ist Teilen, in dem sich unser Glaube ausdrückt und Frucht bringt. Das zu teilen, was uns selbst von Gott geschenkt ist – das ist tätiger Ausdruck unseres Glaubens. Der Prophet Jesaja hat es radikal auf den Punkt gebracht, wir haben ihn vorhin in der Lesung gehört: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn.“ Zu teilen, was uns von Gott geschenkt ist, ist Folge unserer Dankbarkeit Gott gegenüber. Sie speist sich aus dem Vertrauen und der Erfahrung, dass Gott unser Leben erhält.

„So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen“. Das ist kein Befehl und keine Forderung. Denn Gott zu loben und den eigenen Glauben in Wort und Tat umzusetzen, das lässt sich kaum anordnen oder fordern. Ich glaube auch, Befehle sind hier gar nicht nötig. Ich höre in diesen Worten vielmehr dankbare Freude, die weitergegeben werden will. Aus unserem Glauben folgen die Taten. So wie die Früchte auf den Feldern wachsen, weil sie genug Nährstoffe, Sonne und Wasser haben. Wir können Frucht bringen, weil Gott uns die „Nährstoffe“ dazu gibt:
Gott schenkt uns das Leben und hält uns in seiner Hand;
Gott sagt uns zu, dass wir in seiner Welt einen Platz haben und er uns akzeptiert mit unseren Stärken und Schwächen;
Gott verspricht uns, das er uns das gibt, was wir zum Leben brauchen.

Aus all dem ziehen wir die Kraft, die uns in unserem Leben Frucht bringen lässt. Früchte, die wir mit anderen teilen. Mit den Worten Jesajas: „Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt“.

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