Friedenssehnsucht Gottes

Was sind das für Worte, die uns heute gesagt werden? Will Gott uns tadeln, will er uns vor Gericht stellen? Oder geht es in eine ganz andere Richtung?

Ich höre aus diesen Worten weniger Tadel und Verurteilung, sondern ich höre vor allem eine tiefe Enttäuschung Gottes heraus, ja Trauer über eine Situation, die gleichsam ver- fahren scheint. Die Worte, die Gott hier zu Jeremia spricht, machen den Eindruck eines fast schon resignierenden Gottes angesichts der Ereignisse, die er in seinem Volk Israel betrachten muss. Für mich klingen diese Worte nicht wie eine große Anklage, wie schlecht dieses Volk ist, wie schlecht diese Menschen doch sind, sondern für mich steckt hinter diesen Worten eine zutiefst enttäuschte Liebe zu den Menschen.

Enttäuschung, Trauer, Resignation, all dies sind ja Worte, die in der Gefühlslage bei uns Menschen Lebensbeschreibungen sind, die mit sehr viel Nähe und Zuneigung verbunden sind. Enttäuscht sind wir doch immer dann, wenn die Menschen, von denen wir etwas erhofft haben, denen wir zugeneigt sind und von denen wir daher sehr viel mehr erwartet haben, wenn diese Menschen unsere Hoffnungen nicht erfüllen. Dann steigt in uns Trauer darüber auf, das der- oder diejenige es nicht geschafft hat, meine Erwartungen zu erfüllen, dann macht sich Resignation breit, weil auch er oder sie es nicht schafft, was ich ihm oder ihr zugetraut habe. Und das ist dann doch enttäuschte Liebe, enttäuschte Zuneigung, die da zu Tage tritt.

Von Menschen, die mir nichts bedeuten, erwarte ich nichts, die ich nicht mag, da sage ich dann gleich: da konnte ja auch nichts anderes kommen. Bei denen empfinden wir in der Regel keine Enttäuschung oder Trauer.

Gottes Liebe zu den Menschen, Gottes Hoffnungen mit ihnen, Gottes Erwartungen für ein menschliches Leben in seiner Welt sind zutiefst enttäuscht worden. Selbstverständlichkeiten haben keine Bedeutung mehr, das Maß des Menschlichen ist verloren gegangen. Das Volk läuft in die Irre, merkt es nicht einmal. Selbst da, wo es hingefallen ist, wo es irregegangen ist, da bleibt es entweder liegen, oder geht eben weiter, ohne auch nur den Blick einmal in eine andere Richtung zu wenden. Dabei weiß doch jeder Vogel, wann es Zeit ist, die Richtung zu wechseln, weil das Klima sich verändert und es hier vor Ort so nicht mehr weiter geht. Aber das Volk hat dafür jedes Maß verloren. So klingen die Worte Gottes, nicht als Worte der Klage und Anklage, sondern als Worte der enttäuschten Liebe zum Menschen.

Wir hören diese Worte, 2500 Jahre nachdem sie das erste Mal von Jeremia verkündet worden sind. Der Klang der Worte ist auch heute noch lebendig, die Gefühle schwingen auch noch mit. Mir scheint, diese Worte sind lebendiger als je zuvor und mit ihnen auch die Liebe zum Menschen, der Wunsch, dass wir Irrwege erkennen, dass wir uns als Gestrauchelte aufhelfen lassen, dass wir den Weg zurück zum lebendigen Gott erkennen.

Jeder Volkstrauertag steht für uns Christen unter den Zeichen der politischen Ereignisse dieses Jahrhunderts und des jeweiligen Jahres. Und in diesem Jahr steht er ganz besonders unter dem Zeichen der Ereignisse seit dem 11. September, das zu einem Schicksalsdatum der derzeitigen Politik geworden ist.

Ich kann die Sehnsucht Gottes verstehen, der bei den Menschen eine Zeit sucht, in der Enttäuschungen ausbleiben. Jedes Jahr am Volkstrauertag beten wir um Frieden, erinnern an die Kriegstoten, an die Opfer von Gewalt, Vertreibung und Flucht. Jedes Jahr wieder hoffen wir, dass im nächsten Jahr nicht die negativen politischen Ereignisse das Bild des Tages prägen, sondern wirklich friedvolle Gedanken der Trauer und der Umkehr. Doch es sieht wieder anders aus. Und es stellt sich in diesen Tagen die Fragen, ob das solche friedvollen Gedanken überhaupt opportun sind in dieser Zeit.

Das politische Wort der "uneingeschränkten Solidarität" bestimmt im Augenblick jegliches Denken und politische Handeln. In dieser Woche wurde dies zu einer Zwangsolidarität der freien Abgeordneten im deutschen Bundestag, weil im ersten Jahr des 3. Jahrtausends deutsche Soldaten in einen Krieg einbezogen werden sollen, dessen Grundlagen so klar erscheinen, aber es bei genauem Hinsehen gar nicht sind. Abwehr des Terrors war der Ausgang, die Auslöschung eines Mannes und seiner Gefolgsleute, war das Ziel, inzwischen ist es ein Krieg zur Veränderung der politischen Lage in Afghanistan geworden.

Es mag Gründe geben, diesen Krieg zu führen. Die Politiker mögen Informationen haben, die sie nicht preisgeben wollen oder können. Ich kann diese Gedanken aus mangelndem Wissen heraus nicht nachvollziehen.

Aber kann es sein, dass dem Wort eines Regierungschefes unkritisch zu folgen ist? Gerade der Volkstrauertag, der Gedenktag der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft und Terror ist doch ein Tag, der zu einem kritischen Denken über Krieg, Gewalt und Terror führen muss. Diese Woche aber hat gezeigt, dass ein solches Denken überhaupt nicht erwünscht ist. Was soll dann eigentlich noch so ein Tag wie Volkstrauertag? Hat er eine politische Bedeutung oder sollte man ihn dann nicht doch abschaffen, wenn die innere Dynamik dieses Tages kontraproduktiv ist? Heldengedenktag hieß der Tag früher, um kriegerisches Tun zu verherrlichen. Volkstrauertag heißt er heute, um der Opfer zu gedenken, die jeder Krieg, jede Gewalt zu Tage fördert. Was aber soll so ein Gedenken, wenn wir munter weitermachen mit dem Krieg, mit der Vertreibung, mit dem Leid der Zivilbevölkerung und der Not in der Welt? Was sollen die feierlichen Reden an diesem Tag, wenn die Politik ganz andere Weg geht und jedes Denken, Reden und Handeln abseits dieser Politik durch wesensfremde Entscheidungen abgeschnitten und damit verboten wird? Und es beschämt mich zutiefst, dass in den großen bürgerlichen Parteien ein so großer Konsens und unkritischer Umgang mit Krieg und Gewalt herrscht. Ehrlich gesagt, kann ich den Reden heute, kaum Beachtung schenken, weil die Taten eine ganz andere Sprache sprechen.

Was sagt Jeremia: Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt, ohne dass man ihn aufhalten kann. Eigendynamik heißt das heute. Jedoch sollte man nicht verschweigen, dass Eigendynamik nicht ein unabänderliches Schicksal, sondern der menschliche Finger am Abzug der Waffen ist und dass jeder dieser Finger verantwortlich ist für die Gräuel eines Krieges. Das gilt für Afghanistan, das gilt für Israel und Palästina, das gilt für Nordirland und alle anderen Kriegsgebiete dieser Welt.

Die Menschen dort liegen in all diesen Ländern am Boden. Warum schaffen wir es nicht, dem vernünftigen Wunsch nachzukommen, dass diese Menschen auch wieder aufstehen wollen?

Wir laufen wie der Hengst in der Schlacht nur einem Ziel hinterher, dem Krieg, statt alle Kraft darauf zu verwenden, wie man diesen Krieg und das damit verbundene Unheil verhindern und beseitigen können.

Es ist kalt. Storch, Kranich und Schwalbe sind längst aufgebrochen in wärmere Gefilde. Ist das nicht ein wirklich sinnträchtiges Bild, es diesen gleich zu tun und aus dem eingefahrenen Gleis von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen. Umkehr, Veränderung, Neuanfang, das sind die Stichworte, die zu einem inhaltlich gefüllten Volkstrauertag gehören. Gottes große Sehnsucht ist die Gemeinschaft der Menschen, die friedvoll zusammenleben. Gott will nicht Gewalt, will nicht dass wir Menschen einander bekriegen, dass wir einander das Leben schwer machen, sondern dass wir füreinander einstehen.

Ein fast unverstehbares Zeichen in dieser Richtung haben die Shelter Now Leute gegeben. Als sie von einem Reporter gefragt wurden, ob sie denn wieder nach Afghanistan kommen würden, um dort Hilfe zu leisten, sagten alle einhellig Ja. Da saßen Menschen, die dem Tod ins Auge geblickt haben. Niemand von uns würde auch nur einen Satz gegen diese Menschen sagen, wenn sie gesagt hätte: nein, ich komme nicht wieder. Aber sie haben das genaue Gegenteil gesagt. Wie immer sie sich dann auch in Zukunft entscheiden werden, allein der Gedanke, dass sie wiederkommen würden, ist ein Zeichen von Denken gemäß dem Liebeswillen Gottes. Noch ganz betroffen von der Gefangenschaft und der Unsicherheit können diese Menschen sagen: ich will dabei bleiben, den Menschen hier ein Zeichen des Friedens zu geben. Gewalt überwinden durch Zuwendung. Mir nötigt das hohen Respekt und Bewunderung ab.

Das ist Friedensdenken, das auch dem Sehnen Gottes entspricht, der das Böse nicht mit Bösem, sondern mit Gutem überwinden will. Das Eintreten für den Frieden ist kein Vertrauensbruch, wie es in dieser Woche verstanden werden sollte, sondern das Eintreten für den Frieden ist die einzige Möglichkeit dem Liebeswillen Gottes für die Menschen zu entsprechen.

Das Böse meiden, das Gute anstreben, so haben wir es in der ersten Lesung gehört, und das bedeutet: leben aus der Liebe Gottes. Ich weiß, wie schwer das ist. Mir sind die anderen Gedanken ja auch nicht fremd, sie überkommen auch mich. Aber gerade wenn ich dann diese biblischen Worte des heutigen Tages höre, dieses sehnsuchtsvolle Ringen Gottes um die Menschen, dann ist das für mich eine Ermutigung dazu, selbstkritisch zu fragen: "Was habe ich getan?" Es ist Ermutigung den Weg des Friedens zu suchen, ihn neu zu gehen und immer wieder auf diesen Weg hinzuweisen. Und der Volkstrauertag hat rein politisch gesehen ja auch keinen anderen Sinn, als diesen Weg lebendig zu halten, es sei denn, wir wollen diesen Tag wieder so feiern, dass wir Gewalt gutheißen. Nur dann müssen wir uns fragen lassen, ob dies der Sinn dieses Tages ist.

Von unserem biblischen Glauben aus, können wir nichts anderes sagen, als dass alles Streben von uns Menschen darauf ausgerichtet sein muss, den Weg der Gewalt so schnell wie möglich zu verlassen, Hilfe zum Frieden zu gewähren, die Beendigung von Auseinandersetzungen in der Welt zu fördern, auch wenn es persönliche Opfer kostet. Aber diese Opfer dürfen nicht Menschenleben sein.

Mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen, hieß es zum Schluss des Jeremiatextes. Doch, Gott, wir wollen dein Recht wissen. Hilf uns, zu dir zurückzukehren, hilf uns und allen Verantwortlichen, den Weg deiner Liebe zu allen Menschen zu gehen, hilf uns das Böse zu überwinden, ohne selber Akte des Bösen zu tun.

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