Friede sei mit dir

Liebe Gemeinde,

"Friede sei mit Euch" – im Gottesdienst ist dieser Gruß ein Zeichen dafür, dass die Predigt, der
Verkündigungsteil, anfängt. Mancher lehnt sich dann entspannt zurück, und wenn die Predigt sehr lang ist, schläft er vielleicht sogar ein. Darüber ärgert sich möglicherweise sein Nachbar, aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm, wenn bei diesem Gruß alle Lasten so weit von jemandem abfallen, dass er den Schlaf findet, den er vielleicht in der Nacht, von Sorgen und Schmerzen
gequält, vergebens gesucht hat. "Friede sei mit Euch!", das ist der Gruß des Auferstandenen, der in unserem Predigttext gleich dreimal vorkommt. "Friede sei mit Euch", so tritt Jesus durch die geschlossenen Türen in die Runde seiner Jünger. Sie haben sich versteckt nach der Kreuzigung, "aus Angst vor den Juden", schreibt der Evangelist. Aber vielleicht ja auch aus Scham vor dem eigenen Versagen. Vielleicht dachten sie,
dass ihr Herr, von dem sie die unglaubliche Nachricht erhalten hatten, er sei auferstanden, sie nun verachten würde, weil sie wenige Tage zuvor ihn alle verlassen hatten, als er gefangenen genommen und verurteilt worden war. "Mit euch will ich nichts mehr zu tun haben", könnte er vielleicht sagen.
Solche Situationen kennen wir alle im Kleinen auch.

Ist es nicht peinlich, jemandem zu begegnen, den wir in einer schwierigen Situation sitzengelassen
haben? Jemandem zum Beispiel, der zu Unrecht unter Verdacht gekommen war, für die Staatssicherheit Spitzeldienste getan zu haben. Wir haben den Kontakt damals voller Enttäuschung und Wut abgebrochen – und nun ist der Mann völlig gerechtfertigt. Wie können wir dem noch unter die Augen treten?

Wahrscheinlich wird er uns gar nicht mehr sehen mögen. Jesus ist ganz anders, für ihn ist alles vergeben, gegenstandslos geworden, was "vorher" war. Das, was Petrus auf dem Hof getan hat, als der Hahn krähte, zum Beispiel. "Friede sei mit Euch!", das
heißt, Friede, göttlicher Friede wird die, die sich hier noch fürchten, begleiten, sie werden Friedensstifter sein, ansteckend sozusagen. Dazu fordert Jesus die Jünger auf: Da sprach Jesus
abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. "Jesus Christus spricht: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch," diesen Satz bekommt noch heute jeder, der zur Verkündigung eingesetzt wird, jeder Pastor und jede Pastorin, bei der Ordination mit
auf den Weg. Jesus geht noch weiter: "Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten." Der Auferstandene gibt seiner kleinen schwachen Gemeinde einen ungeheuren Beweis des Vertrauens, eine Verantwortung ganz besonderer Art, eine Schlüsselstellung.

Kein Wunder, dass Thomas, der nicht dabei war, das alles gar nicht glauben kann, als es ihm
erzählt wird. Und Jesus nimmt es ihm nicht übel. Er kommt noch einmal und sagt ganz einfach "Sei nicht ungläubig, sondern gläubig." Plötzlich sind für Thomas die Zeichen des Leidens und des
Schmerzes nicht mehr das, woran er Jesus erkennen will. Sie werden ihm zwar gezeigt, aber er sucht Jesus nicht mehr in seinen Wunden, er fragt auch nicht mehr nach einem "Warum?", denkt nicht mehr nach über Sinn oder Sinnlosigkeit der Kreuzigung und des Todes.

Vielmehr bricht aus ihm das größte und schlichteste Glaubensbekenntnis hervor, das im Neuen Testament aufgeschrieben ist: "Mein Herr und mein Gott!" Damit ist alles gesagt. Gott fängt auch
den Skeptiker und Zweifler bedingungslos auf mit seiner Gnade. "Friede sei mit Euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch!", das ist ein Geschenk Gottes, das wir alle, die wir Gemeinde sind, bekommen und weitergeben sollen und dürfen, ein Gruß des Auferstandenen, der Krankheit und Tod überwunden hat und der auch unsere Krankheit und unseren Tod überwindet. Dieser Gruß hat die kleine, niedergedrückte Gemeinde in Jerusalem stark gemacht, sie aufgerichtet. "Friede sei mit dir!", das
klingt uns heute vielleicht etwas altmodisch, zumindest für den alltäglichen Gebrauch, zu salbungsvoll oder abgehoben. Aber im Grunde ist es ein Angebot von unendlicher Geborgenheit und Liebe, ein Geschenk, das wir weitersagen, weiterwünschen können, ohne dass es uns etwas kostet.
"Friede sei mit Euch!" mit diesem Gruß ist auch gesagt, dass Gott jetzt in unserer Mitte ist, dass er unsichtbar gegenwärtig ist. "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", selig sind die, die sich diesen Gruß mitteilen lassen. Und ich finde den "Predigtschlaf" darum überhaupt nicht schlimm, weil es doch keinen besseren, sicheren Ort gibt, ruhig zu schlafen, sich ganz und gar fallen zu
lassen, als in der unmittelbaren Nähe Gottes. Sein Friede, der höher ist als alles, was wir mit dem Verstand begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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