Freut euch!

Liebe Gemeinde,

"Ich wünsche euch, dass die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes euer Leben bestimmen." Dieser Vers steht am Anfang von vielen Predigten. Und heute ist er zusammen mit zwei weiteren Versen selbst einmal Predigttext. Paulus gibt am Schluss seines zweiten Briefes an die Korinther noch einige praktische Hilfen zum Leben und christlichen Glauben. Wer ist dieser Urheber der Ratschläge. Es ist nicht Paulus, der sie uns weitergibt. Es ist Gott selber, der uns diese Hilfen geben will. Die erste Hilfe zum Leben und Glauben ist: ?Freut euch! ? Brauchen wir das eigentlich? Wollen wir das nicht alle, uns freuen? Warum muss Paulus uns dazu ermahnen? Viele von uns wurden dazu erzogen ein fröhliches und glückliches Gesicht zu machen und ihre wahren Gefühle und ihre wahren Not zu verbergen. Als wir dann erwachsen waren, zeigten wir in jeder Situation das Verhalten, das man von uns erwartet. Egal wie uns in Wirklichkeit zumute ist. Deshalb gibt es in unseren Gemeinden viele Menschen, die nach außen zufrieden und ausgeglichen aussehen. Im Inneren aber schreien sie nach jemand, der sie liebt. Und zwar so liebt, wie sie sind: verwirrt, enttäuscht, oft verängstigt, schuldbewusst und unfähig zum Kontakt selbst mit der eigenen Familie. Und die anderen in der Gemeinde? Sie sehen ebenso glücklich und zufrieden aus. Und weil wir alle so ausgeglichen und froh erscheinen, hat keiner von uns den Mut, zum anderen hinzugehen und ihm seine Not einzugestehen. Wir setzen eine Maske der scheinbaren Freude auf, um unsere Schwierigkeiten zu überdecken. Typisch dafür ist die Frage, die häufig gestellt wird: Wie geht es Ihnen? Was will man darauf antworten? Sagen wir es geht uns gut, dann geht es wie üblich zur Tagesordnung über. Wagt es einmal jemand zu sagen schlecht, dann ist das peinlich und wir versuchen auch wieder schnell zur Tagesordnung überzugehen. Was will ich damit sagen? – das wir all unsere Schwierigkeiten zur Schau stellen sollen und uns voreinander und in der Gemeinde unverhüllt zeigen mit all unseren Wünschen, unserem Hass und unserer gegenseitiger Ablehnung? Nein, das ist sicher nicht gemeint. Was ich damit sagen will, zeigt die zweite Hilfe zum Leben und Glauben: "Kehrt von euren falschen Wegen um!" Ein Wanderer hat sich verlaufen. Erkennt er dies, dann ist er froh, wenn ihn jemand auf den rechten Weg zurückbringt. Er lässt sich gerne zurechtbringen. So soll das auch bei uns sein: Zuerst erkennen wir, dass wir auf dem falschen Weg sind. Das es nichts bringt unsere Schwierigkeiten und Not vor den anderen zu verbergen, dass dies die ganze Sache nicht besser, sondern schlechter macht. Dann sehen wir ein, dass wir immer wieder darauf angewiesen sind, uns von falschen Wegen zurechtbringen zu lassen. Und wir sehen, dass unsere Gemeinschaft ziemlich oberflächlich ist. Wir werden uns klar, dass wir allen ständig etwas vormachen – Gott, den anderen und sogar uns selbst. Wir dürfen ehrlich sein, und uns so geben und zeigen wie wir sind. Das ist die befreiende Botschaft, die Gott uns durch Jesus ausrichten lässt. Doch ich habe immer wieder eines festgestellt: Ich täusche mich über nichts so leicht, wie über mich selbst. Es ist schwer zu beurteilen, ob ich ehrlich bin. Um so wichtiger ist darum, darauf zu achten: Wo muss ich mich ändern? An welchen Punkten muss ich ehrlicher werden?. Doch das kann ich nicht allein. Dazu brauche ich die Hilfe von anderen Menschen. Damit hängt die dritte Hilfe zum Leben und Glauben zusammen: "Hört auf alles, was ich euch geschrieben habe." Das geht in die selbe Richtung wie das zweite. Im griechischen bedeutet dieser Begriff gleichzeitig auch trösten. Das ist ganz wichtig und wird oft nicht beachtet: Wenn ich jemand auf etwas hinweise, soll ich ihn gleichzeitig trösten. Die Kritik, die wir austeilen, soll anderen Menschen helfen und sie aufrichten. In dieser Welt gibt es genug vernichtende Kritik. Das fängt schon damit an, dass manche zu ihren Kindern sagen: "du bist nichts, du kannst nichts, aus dir wird eh nie etwas!" Wer kennt nicht diese Worte. Aber Paulus meint mit seiner Hilfe zum Leben etwas ganz anders, er will sagen: Du bist schon etwas, denn Gott hat dich geschaffen. Du kannst noch viel mehr werden. Gott hat dich gerufen. Geh hin und werde sein Kind. Du kannst etwas, denn Gott hat dir Begabungen gegeben. Du kannst es noch viel besser machen, wenn du auf andere Menschen hörst und dich korrigieren lässt. Du wirst es zu etwas bringen, denn Gott lädt dich ein in sein Reich! Und er will Dich schon auf diesem Weg begleiten und trösten.

Und von hier aus kehren wir wieder zur Ausgangsfrage zurück: Haben wir es nötig, dass Paulus, ja durch ihn Gott uns zur Freude auffordert? Ja wir haben es bitter nötig. Und diese Freude ist nicht oberflächlich, eine Maske, die wir uns aufsetzen. Wir brauchen kein fröhliches und glückliches Gesicht zu machen und unsere wahren Gefühle und Not zu verbergen. Wir brauchen nicht nach außen zufrieden und ausgeglichen auszusehen. Sondern wir dürfen nach jemand suchen, der uns liebt, und zwar so liebt, wie sie sind. Wir können Mut fassen und zum anderen hingehen und mit ihm über unsere Not reden. Dann müssen wir die Frage: Wie geht es Ihnen? gar nicht mehr stellen. Denn wir werden uns gegenseitig helfen mit unseren Schwierigkeiten und unserer Not fertig zu werden. Dann werden wir Freude erfahren. Freude gibt es nicht nur, wenn es uns gut geht. Sondern Freude ist auch da, wenn ich mit meinen Schwierigkeiten und meiner Not fertig werde. Die Freude hat etwas damit zu tun, dass ich ehrlich bin. Ich kann meine Gefühle und meine Not vor anderen zugeben. Und ich verberge mich nicht hinter einer glücklichen und zufriedenen Maske. Diese Freude entsteht, wenn wir uns zurechtbringen lassen. Dann geht es uns wie dem Wanderer der sich verirrt hat. Er sucht nach dem richtigen Weg. Und da kommt einer, der weist ihn zurecht. Er zeigt ihm den richtigen Weg. Da freut sich der Wanderer natürlich, dass er wieder auf dem richtigen Weg ist. Wenn wir uns so helfen und so zurechtweisen, dann wird unsere Gemeinschaft wachsen. Und wir werden in dieser Gemeinschaft Freude erfahren. Wir dürfen ehrlich sein, und uns so geben und zeigen wie wir sind. Das ist die befreiende Botschaft, die Gott uns durch Jesus ausrichten lässt. Diese befreiende Botschaft tröstet uns, so dass wir uns freuen können. Was gibt es freudigeres als die Nachricht: Du bist schon etwas, denn Gott hat dich geschaffen. Du kannst noch viel mehr werden. Gott hat dich gerufen. Geh hin und werde sein Kind. Du kannst etwas, denn Gott hat dir Begabungen gegeben. Du kannst es noch viel besser machen, wenn du auf andere Menschen hörst und dich korrigieren lässt. Du wirst es zu etwas bringen, denn Gott lädt dich ein in sein Reich! Und er will Dich schon auf diesem Weg begleiten und dir helfen.

Alle diese Hilfen zum Leben und Glauben liegen in Gott selbst begründet. Denn: "Ich wünsche euch, dass die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes euer Leben bestimmen."

So ist Gott ein Gott der Gnade, der Liebe und der Gemeinschaft. Und so ist dieser Gott für uns in dreifacher Weise erfahrbar. Gott ist ein Gott der Gnade und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. In dem Begriff Gnade liegt zweierlei, dass Gott uns liebt und das Gott uns zurechtweist. Weil Gott uns liebt, nimmt er uns so an wie wir sind. Wir dürfen zu ihm kommen, ohne etwas zu leisten. Weil Gott uns liebt weist er uns auf den richtigen Weg. Er weist uns zurecht. Und in der Gnade ist beides zusammengefasst: Gott schenkt uns seine Liebe und er weist uns auf den rechten Weg. Freut euch also, denn in Jesus Christus ist euch Gott gnädig. Auf diese Gnade richtet Paulus den Blick der Korinther nach so vielen Hinweisen zum Leben. Das ist der rechte Blick: Auf Jesus schauen. Von dorther wird zurechtgewiesen, ermahnt und getröstet. Doch Gnade kommt nicht ungewollt. Sie will ergriffen und geglaubt sein. Gott steht bereit zu geben: wir brauchen nur zu nehmen. Wer die Gnade ergreift, der muss seine Schuld loslassen. Die Schwierigkeiten und die Not, die wir mit uns herumschleppen, dürfen wir aussprechen, zeigen und angehen. Und Gnade kann nur der ergreifen, der weiß, dass er sie braucht. Nur wer seine Schwierigkeiten und Not zugibt, merkt, dass er auf die Gnade angewiesen ist.

Gott ist ein Gott der Liebe und die Liebe Gottes sei mit euch allen. Diese Liebe ist keine falsche Liebe, die alles zulässt. Sie kann uns auch zurechtweisen – auf den rechten Weg. Und da uns Gott liebt, will er uns davor bewahren, dass wir in die Irre laufen.

Gott ist ein Gott der Gemeinschaft und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Hört auf Gottes Worte, denn der Heilige Geist schenkt euch die Gemeinschaft, in der das möglich ist. Das ist unsere Not, dass in den Gottesdiensten, im Kirchenchor und in den anderen Kreisen der Gemeinde wenig wirkliche Gemeinschaft besteht. Der Heilige Geist, der schafft Gemeinschaft. Er führt zusammen, führt den Menschen zu Gott und zueinander. Nichts ist so wichtig, wie diese Bitte um das Wirken des Heiligen Geistes. Jeder Glaubende hat den Geist Gottes. Aber wir sollen bitten, daß dieser Geist uns ganz durchwirkt und prägt. Nur so können wir zur echten Gemeinschaft finden. Nicht aus eigener Kraft, sondern nur weil Gott handelt. Und wenn Gott handelt, werden wir ermahnt und getröstet.

Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes beschreiben die Dreieinigkeit. Dreieinigkeit heißt, dass Gott einer ist, in drei Personen. Das Wunder der Dreieinigkeit kann ich nicht erklären. Doch ich habe sie in meinem Leben erfahren. Die Gnade seines Sohnes Jesus Christus. Wie sie mir Freude schenkt und mich frei macht, meine Schwierigkeiten und Not mit anderen zu bereden. Die Liebe Gottes des Vater. Wie sie mich zurechtbringt und ehrlich werden lässt. Und wie sie mir zeigt, dass ich in Gottes Augen wertvoll bin. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Wie uns der Heilige Geist zur Gemeinde von Brüdern und Schwestern zusammenschließt. Wie er uns seine Gemeinschaft erfahren lässt. Und wie in dieser Gemeinschaft wir einander ermahnen und trösten können. Und heute an Trinitatis, dem Fest der Dreieinigkeit Gottes, wünsche ich ihnen, dass sie diese Erfahrung auch für ihr Leben machen können. Denn Christsein bedeutet in Beziehung mit diesem dreieinigen Gott zu leben und zu glauben.

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