Freuet euch im Herrn

Wer sich auf Weihnachten vorbereiten will, der muss sich mit vielen Bräuchen und Legenden auseinandersetzen. Wie viele Geschichten und Legenden sich gerade um dieses Geschehen an der Krippe, mit Maria und Josef, Ochs und Esel ranken, das ist schon beeindruckend. Nur sollten wir uns hüten, alle Legenden für bare Münze zu nehmen. Sie sind viel wichtiger als Geschichte, sie sind Wahrheit. Sie enthalten viel mehr als nur ein paar tatsächlich geschehene Geschichten. Sie enthalten das, was geblieben ist und bleiben wird. Sie sind Spuren des Glaubens von Christinnen und Christen. Sie sind in Geschichten gefasster Glaube.

So müssen wir auch wohl die beiden ersten Kapitel der Bücher Matthäus und Lukas lesen. Einige Fakten, aber vor allem Wahrheiten. Das hat seinen Grund unter anderem darin, dass Geschichten über Kinder höchstens aufgeschrieben wurden bei Königskindern. Bei Jesus allerdings dem Sohn der Maria und des Joseph interessierten sie nicht so sehr. Manches wird später rekonstruiert sein, manches verloren.

Zu den Geschichten, die mehr Botschaft transportieren als Fakten, gehört auch die Geschichte von Maria und Elisabeth, den beiden Schwangeren, in denen das Heil heranwächst: Johannes der Täufer und Jesus Christus. Die beiden werdenden Mütter sind einander begegnet und als das passiert ist, hüpft Johannes im Leib seiner Mutter. Maria hat Elisabeth besucht und ist drei Monate bei ihr geblieben. Die Begegnung verändert auch ihre Schwangerschaft und ihr Bewusstsein: Sie ist ganz aufgewühlt und stimmt das Lied an, das wir schon eingangs gebetet haben.

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Vielleicht hätten sie jetzt ein Lied der Ergebenheit erwartet, aber das hatten wir ja schon: ich bin deine Magd. Mir geschehe wie, du gesagt hast, soll Maria zum Engel gesagt haben. Vielleicht hätten wir jetzt auch ein Lied des Widerstandes erwartet. Das ist zuviel.

Statt dessen jetzt dieses Lied des Stolzes und der Revolution. Ja – sie haben recht gehört: Stolz und Revolution. Beides zusammen gehört in die Person dieser Maria. Eine falsche Tradition hat sie verniedlicht und verharmlost zu etwas, das sie wohl nicht war. Sie war nicht einfach sanft und lieb. Sie hat gelernt in der Begegnung mit Elisabeth. Maria ist hier ‘Gottes Aschenputtel’, so fühlt sie sich. Als Frau der Niedrigkeit, die von Gott herausgeholt wird aus der Asche. Und sie weiß sehr genau, dass das nicht nur schön ist, schon gar nicht süß ist. Sie weiß, dass das hart ist. Maria singt ihr Lied mit den Worten Israels. So ähnlich hat es schon Hanna gesungen, als sie mit Samuel schwanger war. Sie erlebt ihr Auserwähltsein, ihre Schwangerschaft als Ansehen ihrer Niedrigkeit und das besingt sie als Befreiung.

Es ist kein Lied der Innerlichkeit, sondern ein Lied des Aufruhrs. Sie singt von dem Opfer, das sie bereit ist zu bringen, dass Gottes Reich wachsen kann auf Erden. Sie singt von der Glaubenskraft in ihr, die sie soweit bringt, es als Gabe zu glauben, dass sie den Heiland gebären soll, gerade in ihrer Niedrigkeit.

Maria ist die Handelnde. Sie handelt, in dem sie sich freut und Gott lobt und ihn groß macht. Ihr Handeln ist dankbare Antwort, ist in Worte gefasstes: Mir geschehe wie der Herr gesagt hat. An Marias Beispiel können wir erkennen, wie Gott das Niedrige hoch macht. Aus der einfachen Frau vom Lande wird die Mutter Gottes.

Das Lied ist das Echo, das Lukas Maria singen läßt, als Ergebnis ihres Weges von der Ankündigung der Geburt bis zur Akzeptanz ihrer Schwangerschaft. Es war ein schwerer Weg, so denke ich von diesem ‘mir geschehe wie du gesagt hast’ bis zur echten Annahme der Bürde. Die Begegnung mit der älteren Elisabeth hat ihr dabei geholfen. Sie hat gelernt, Gottes Wege als etwas Wunderbares zu begreifen. Und sie hat gelernt, diesen Jesus, den sie gebären soll, als Gottes Sohn zu akzeptieren: Das heißt Revolution: ‘Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen.’. Derselbe wird später sagen: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein. Sie weiß welche Leiden und Schmerzen sie erwarten werden, aber sie ist stolz. Sie weiß, dass sie mit diesem König keine Triumphzüge erwarten, aber Gottes Reich, das reicht und ist unendlich mehr als sie als arme Frau sich erträumen kann.

Im Wochenspruch haben wir gehört: Der Herr ist nahe – Daraus gilt es Konsequenzen zu ziehen – für Maria sind die Konsequenzen klar: Es geht um Befreiung der Geknechteten, der Armen und Entrechteten. – Der Herr ist nahe heißt für sie wie für Paulus: Freuet euch im Herrn allewege.

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