Freude

Liebe Gemeinde;

’siehe, ich verkündige euch große Freude‘ und grüße euch kurz vor Weihnachten mit diesem weihnachtlichen Gruß. Denn von der Freude hören und reden und singen wir heute. Kaum ein besserer Zeuge wäre dafür geeignet, als Paulus. Denn nirgends sonst in einer Schrift des Neuen Testamentes ist so viel von der Freude die Rede, wie in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi. 14 mal in den vier kurzen Kapiteln spricht Paulus von der Freude, dass er sich freut oder dass seine Gemeinde sich freuen soll.

Natürlich wissen wir sehr gut, dass man niemanden zur Freude ermahnen kann, dass man niemandem Freude einreden kann, sondern dass sie ehrlich sein muss, aus einer tiefen Quelle sprudeln muss. Sie ist keine menschliche Tugend, um die wir uns bemühen müssten.

Aber aus dem Brief des Apostels Paulus spricht sie immer wieder und so wird sie auch ansteckend für die Gemeinde. Sie ist so etwas wie die grundlegende Lebenseinstellung des Paulus. Durch nichts und niemanden ist sie zu beeinträchtigen. Das hat nichts mit einem fröhlichen Charakter zu tun – auch darüber kann man sich freuen und dankbar sein. Sie ist vielmehr ein Geschenk, dass Gott den Menschen macht. Weil sie unerwartet und auch unverdient ausgegeben wird, darum ist ihre Kraft so groß. So groß, dass die Freude auch im Gefängnis nicht abhanden kommt, weil sie von der Angst oder der Sorge vertrieben würde. Auch im Gefängnis in Ephesus ist das Herz des Apostels voller Freude.
Geschenke haben den Sinn, Freude zu machen. Bei Kindern können wir Erwachsenen das besonders deutlich sehen. Wir hoffen es bei unseren Geschenken; und wenn wir diese Freude spüren, dann freuen wir uns mit. Die
Freude der Kinder steckt uns an, sie ist uns so wichtig, wie die Freude über Geschenke, die man uns macht.

Freude liegt für viele über dem Weihnachtsfest, Freude ist das Geschenk, das Gott seinen Menschen macht. Nicht nur zur Weihnachtszeit, aber von da geht es aus. Freude über das Geschenk Jesus Christus. Freude, weil wir einen Herrn haben, der vor allem das will: dass wir uns freuen können, dass die Freude mehr als alles andere unser Leben bestimmt.

‚Siehe, ich verkündige euch große Freude!‘ Freude, weil dem Menschen damit etwas zugeeignet wird, das uns nicht möglich ist.

Eine Welt, in der der Mensch zunächst an sich und sein Leben denken muss, ist eine Welt voller Verzicht, voller Kampf, voller Sorge, voller Krankheit und Tod. Da muss der Mensch sich vor allem sorgen, dass ihm sein Leben gelingt, dass er gesund bleibt, dass sein Glück und sein Erfolg Bestand haben. Und immer begleitet ihn die Furcht, er könne sein Leben verfehlen, er könne am Sinn, den er sich ausdenkt, vorbeileben. Sollte er im Gefängnis landen, krank werden, sterben, bevor er alles ausgekostet hat, was diese Welt bietet, dann hat er verpasst, worum es geht. Was für eine Freude kann da wachsen? Sie muss kurzlebig sein, sehr vergänglich, sehr angefochten und immer begleitet von der Sorge und vom Kampf.

Die Freude im Herrn spricht den Menschen dieser Welt mit solch vergänglicher Freude an. Gott weiß wohl, wie wir uns nach Freude sehnen, wie sehr wir wünschen, dass unsereunsere Freude bleibt. Aber unsere Erfahrung lehrt uns, wie schnell andere Tage kommen als solche, über die wir uns freuen. Aus diesem Leben, das nur ein Auf und Ab kennt, eine unberechenbare Folge von Freude und Sorge, ruft uns der Herr selbst heraus. Er beendet die Ausweglosigkeit, die darauf folgt, dass der Mensch zuerst an sich denken muss und am Ende doch stirbt – früher oder später. Er beendet das Gesetz, wonach der Mensch seines Glückes und damit auch seiner Freude eigener Schmied wäre. Er entlastet ihn von vergänglicher Freude, von unentrinnbarer Sünde, die das eigene Leben überschattet und unfrei macht.

Der zur Welt gekommen ist, um Sünde zu vergeben, der weiß, was der Freude im Weg steht und was wir brauchen, um die Freude wirklich im Herzen zu haben: dass die Sorgen uns nicht mehr den Atem nehmen; dass wir frei werden, nicht nur an uns, sondern auch an andere denken zu können, und dass wir die Illusion verlieren, uns alles erkämpfen zu müssen, was sich wirklich lohnt und Freude macht. Den drei Hürden stellt der Apostel drei Verheißungen entgegen: dem Gefangensein in sich selbst die Güte, die wir allen Menschen kundtun; der Sorge das Gebet und dem Kampf den Frieden.

Weihnachtliche Freudenbotschaft heißt grundsätzlich: den Sorgen und Nöten der Menschen, die ja wahr sind und die uns tatsächlich belasten und einschränken, die wir auch allein nicht los werden, stellt Gott seine Hilfe entgegen. Nicht, dass wir nun etwas könnten und anzupacken hätten, sondern dass er uns beschenkt und so die Freude in uns entzündet.

Seine Güte ist es, die uns leben lässt. Wir erfahren am eigenen Leib, dass ein schuldiger Mensch nicht verurteilt, sondern ihm verziehen wird. Gott geht mit uns so um. Wir spüren darum etwas davon, dass fremde Not unser Herz erreicht – seien es die Hungernden dieser Welt, sei es ein Kranker in unserer Nähe. Die Not der Welt hat das Herz Gottes erreicht, darum ist Christus zu uns gekommen. Gott ist gut zu uns, darum strahlt etwas aus von seiner Güte durch uns in diese Welt: Liebe, Vergebung, Nähe, Hilfe, Barmherzigkeit. Die Erfahrung, dass Recht nicht bis ins Letzte durchgefochten werden muss, sondern dass es eine Liebe und eine Freiheit gibt, auf Recht zu verzichten und Gnade vor Recht ergehen zu lassen – das ist unsere Situation vor Gott. Das kann die Welt durch uns Christen hier spüren: Güte!

In all unseren Sorgen, die wir uns machen um unser tägliches Leben, um Beruf und Schule, um Freundschaften, Ehe, Familie, wird uns eine Freude verheißen. Die ersetzt nicht unseren Einsatz, unsere Kraft und unser Bemühen, aber sie nimmt unsere Grenzen ernst, die wir nicht überschreiten. Vieles haben wir nicht in der Hand, können wir nicht. Wir können aber im Gespräch mit unserem Herrn bleiben, der nahe ist, der hört. Damit wir nicht aufhören zu beten, zu bitten, zu betteln, und darin immer auch dankbar bleiben – für alles, was wir schon erfahren haben und für alles, was noch aussteht. Es gibt in unserem Leben keine ausweglose Sackgasse mehr. Selbst der Tod ist nicht mehr Endstation. Die Sorge kann nicht mehr Herr unseres Lebens sein, seit Christus uns nahe gekommen ist. Und er kommt näher mit jedem neuen Tag.

Unser Leben hat eine neue Qualität: es wird nicht mehr bestimmt vom Kampf; es gelingt nicht dann, wenn ich möglichst viel erreiche, Erfolg und Glück habe, mir alles leisten kann und alles genieße. Leben ist nicht vertan, wenn ich scheitere, krank oder behindert bin. Leben hat seine Qualität durch den Frieden Gottes. Der ist höher, als wir denken und uns vorstellen können; er hat einen weiteren Blick, als wir ihn hahaben. Er sieht über unsere Sorge und unseren Kampf hinaus, er sieht das Leben, das wir ersehnen, auf das wir warten und uns freuen.

Darin werden wir bewahrt, damit wir glauben und vertrauen, gerade in schweren Tagen und Wochen. Wir brauchen diese Bewahrung, damit wir nicht aufgeben und verzweifeln. Der Friede Gottes bewahrt uns, stärkt uns durch die Freudenbotschaft, dass der Herr nahe ist und immer näher kommt. Er wohnt bei uns in seinem Evangelium, in seinem Abendmahl. Das erhält unsere Freude am Leben.

Gott schenke uns diese Freude, die stärker ist als alle Sorge; er mache unsere Herzen weit auf für die Botschaft des Engels auf dem Feld zu den Hirten: ‚Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll‘. Auch uns.

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